Zeitung Heute : Ein Fall für Fischer: Torten mit Biss

Andrea Fischer schreibt an dieser Stelle einmal im

"Wir trinken zu viel, rauchen zu viel, ziehen uns extrem gut an und haben unseren Eltern nicht gesagt, wann wir heute nacht zu hause sein werden." So stellen sich die Damen von "tart city" auf ihrer Homepage vor. Sie bezeichnen sich selber als neofeministisch und sind stolz darauf, neue Standards für schlechtes Benehmen auf vier Kontinenten gesetzt zu haben. Die meisten von ihnen sind Krimi-Schreiberinnen, die zutiefst gelangweilt sind von der Regel, dass Frauen, um in diesem Genre ernst genommen zu werden entweder a) Männer sein, b) den Humor weglassen, c) ihre Bücher mit Beschreibungen von nackten Frauenkörpern füllen oder d) eine Kombination der genannten Möglichkeiten anwenden sollten.

Diese "tarts" sind unabhängig denkende weibliche Detektive, stark genug, um es mit Schurken und korrupten Polizisten aufzunehmen, und zärtlich genug, sich von starken und zärtlichen Männern beeindrucken zu lassen. Das ist doch mal ein Manifest, da möchte auch die bekennende Postfeministin der längst tot geglaubten Lebenshaltung wieder anheim fallen. Und wenn sie dann noch Casey Jones kennenlernt, dann weiß sie, dass das Leben gut und vergnüglich sein kann. Jones, geschaffen von "tart city"-Gründerin Kathy Munger, lebt in Raleigh, North Carolina, wo sie angestellt und abhängig als Privatdetektivin arbeitet. Ihr Chef frisst viel und ist darüber unglaublich fett und faul geworden. Sie muss bei ihm bleiben, weil sie wegen einer im Gefängnis endenden Jugendsünde nie mehr eine eigene Lizenz bekommen wird.

Üppig und groß, mag sie sich und die Männer, und obwohl sie erfrischend anspruchsvoll ist, was deren Aussehen anbelangt, findet sie doch immer wieder erfreuliche Exemplare für die Entwicklung näherer körperlicher Beziehungen. Ihr erster Fall (Beinarbeit, UT metro, 8,90 Euro) beginnt mit einer Leiche im Auto ihrer Klientin, der Kandidatin für den Senatorenposten in North Carolina. Auch wenn der Verdacht, die Kandidatin selber habe Hand angelegt, schnell ausgeräumt werden kann, soll Casey Jones doch herausfinden, wer einen stadtbekannten Immobilienhai ausgerechnet vor dem Haus der Politikerin entsorgt hat. Der Hai hielt sich zwar immer auffällig fern von den Reichen und Mächtigen im Staate, aber Casey Jones entdeckt schnell, dass er doch in ihren Netzwerken zappelte. Und schließlich darin verendete.

Das ist natürlich eine klassische Privatdetektiv-Geschichte, und doch hat es lange keine so scharfzüngige und selbstbewusste Heldin gegeben. Sie zeigt uns ein fremdes Land, den Süden der USA, das sich zwar in die Moderne aufgemacht hat, aber die Tradition zeichnet den Weg. Die Stadt macht, was alle Städte machen, sie frisst das Land. Dagegen wehren sich dessen Bewohner. Dieser Konflikt ist Teil des Knäuels, das Casey Jones entwirrt. Autorin Kathy Munger hat hier die Klasse, nach der man bei uns immer vergebens sucht, nämlich Unterhaltung zu liefern, ohne unpolitisch zu sein. Weitere Bücher der Serie sind geschrieben, und der Unions-Verlag verspricht uns das nächste schon in wenigen Monaten. Überhaupt: der Verlag! UT metro ist eine Entdeckung für Krimi-Fans. Gerade wer sehr viel gelesen hat, wird anspruchsvoll. Mag nicht den zehnten griesgrämigen schwedischen Kommissar erleiden oder noch mal durch Venedig ziehen. Aber wie wäre es mit Alaska, wo Stan Jones seinen Detektiv über das dünne Eis zwischen Weißen und Inupiat (vulgo Eskimos) schickt? Oder Barcelona, oder Istanbul, oder Manila? Es sind ja nicht nur die fremden Orte, es sind auch einfach die besseren Bücher, weil nicht die schlichte Krimi-Einheitsmasche. Bei so viel Sorgfalt passt es ins Bild, dass die Übersetzer wertgeschätzt und sogar vorgestellt werden, ein großes Lob dafür! Darum der dringende Rat: Bei UT metro, herausgegeben von Thomas Wörtche, findet der Fan allerbeste "Spannungsliteratur" aus aller Welt.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben