Zeitung Heute : „Ein fast aussichtsloses Dilemma“

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Im Irak ist für die Amerikaner ein fast aussichtsloses Dilemma entstanden. Sie haben ein neokoloniales Regime installiert. Und es gibt eine latente Bürgerkriegssituation. Als Besatzer sind die USA für die Versorgung und die öffentliche Sicherheit verantwortlich. Wenn sie bleiben, wird diese Mischung aus religiösen und nationalistischen Widerstandsgefühlen in der Bevölkerung weiter geschürt. Wenn sie abziehen, ist zu befürchten, dass der Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten offen ausbricht.

Was sind die Hauptmotive der Selbstmordattentäter, deren Zahl ständig zunimmt?

Im islamischen Kulturkreis hat die Figur des religiös motivierten Attentäters eine lange Tradition. Im Irak scheint es aber vor allem Mischmotivationen bei den Tätern zu geben und diese sind hochbrisant. Der religiöse Antrieb mischt sich mit einem ethnischen Motiv oder dem Motiv des nationalen Befreiungskampfes. Dann aber fallen die dem Religiösen innewohnenden Hemmungen weg. Die Geistlichen, die solche Taten freigeben oder auch begrenzen können, spielen plötzlich keine Rolle mehr. Es fallen also die letzten Schranken weg. Die Situation im Irak ist ausgesprochen verworren, es werden die wildesten Emotionen hochgewühlt. Und es sickern immer mehr internationale Kämpfer ein, die auch mitmischen wollen.

Die Anschläge scheinen einer Strategie zu folgen. Sie richten sich gegen Polizisten, Soldaten, aber auch gegen Ärzte. Menschen werden im großen Stil entführt, um Lösegelder zu erpressen. Was bedeutet das für die Entwicklung einer Zivilgesellschaft?

Das bedeutet innere Zerrüttung, extremes Misstrauen, Isolation und wirtschaftliche Stagnation. Es fehlen alle Voraussetzungen für den Aufbau eines Grundvertrauens, das für demokratische Gesellschaften notwendig ist. Doch im Irak agieren nicht nur transnationale islamische Kampforganisationen. Daneben gibt es auch viele profane Kriminelle, die das Chaos für ihre Machenschaften ausnutzen. Das verursacht eine starke Zerbröckelung der Zivilgesellschaft.

Was bedeutet das für die Zukunft des Irak?

Ich bin sehr pessimistisch. Besatzerregime sind immer ein ideales Ziel für Terroristen. Eine ganze Reihe Wissenschaftler war ja überzeugt, dass die Welle des religiösen Terrorismus weltweit bereits im Abklingen war. Aber durch den Irakfeldzug und den Dauerbrenner in Israel wird der religiöse Terrorismus weiter wach gehalten. Wenn die Amerikaner abziehen sollten, dann wird sich zeigen, dass die irakische Gesellschaft große Schwierigkeiten hat, sich auf eine stabile Machtverteilung zu einigen. Vielleicht kommt es eines Tages zu einer Einigung wie 1990 für Libanon. Aber auch hier haben sie 15 Jahre nach Ende des Bürgerkriegs immer noch sehr prekäre Verhältnisse.

Die Fragen stellte Martin Gehlen.

Peter Waldmann ist Soziologe und Autor des 2005 neu erschienenen Buches „Terrorismus. Provokationen der Macht“.

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