Zeitung Heute : Ein feiger Mörder

Herien Wensink
Der Täter schweigt. Der 88-jährige Heinrich Boere im Aachener Gerichtssaal. Foto: dpa
Der Täter schweigt. Der 88-jährige Heinrich Boere im Aachener Gerichtssaal. Foto: dpaFoto: dpa

Als das Urteil verkündet wird, sitzt Heinrich Boere in seinem Rollstuhl, still der Körper, ungerührt der Blick. Er hat kaum gesprochen während der 19 Prozesstage, die anwesenden Kinder seiner Opfer nicht einmal angeschaut. Lebenslang, so lautet das Urteil, das der Vorsitzende Richter Gerd Nohl an diesem Dienstag im Landgericht Aachen ausspricht. Boere, der frühere SS-Mann, heute 88 Jahre alt, hat laut Richter Nohl Taten verübt, die „an Niederträchtigkeit und Feigheit kaum zu überbieten“ sind.

Im Juli und September 1944 erschoss Boere drei Männer – in Breda, Voorschoten und Wassenaar bei Den Haag. Boere war Mitglied des SS-Killerkommandos „Feldmeijer“, die Morde zählen zu den mindestens 54 sogenannten „Silbertannen-Morden“, die das Sonderkommando der „Germanischen SS in den Niederlanden“ während des Zweiten Weltkriegs verübte. Die SS reagierte damit auf Attentate niederländischer Widerstandskämpfer. Opfer waren Niederländer, die von den Nazis als antideutsch angesehen wurden. In Boeres Fall: ein Apotheker, ein Fahrradhändler und ein Prokurist. „Männer die nichts getan hatten“, wie Richter Nohl sagte. „Harmlos und wehrlos“.

Schon 1949 hatte ein Sondergericht in Amsterdam Boere zum Tode verurteilt – in seiner Abwesenheit. Der Sohn eines niederländischen Vaters und einer deutschen Mutter war aus dem Land geflohen. Ab 1955 lebte er in Deutschland, wo er sich in Eschweiler bei Aachen niederließ, seinem Geburtsort. Jahrelang arbeitet Boere als Bergmann, blieb von der deutschen Justiz unbehelligt, obwohl er, das sagt Richter Nohl, sich nicht versteckt hatte. Um das Amsterdamer Urteil, das später in Lebenslang umgewandelt wurde, gab es im Laufe der Jahr viel juristischen Streit. Es war dann die Dortmunder Oberstaatsanwaltschaft, die eine erneute Anklageerhebung durchsetzte.

Drei Söhne von zwei Opfern sind Nebenkläger in diesem Prozess. Teun de Groot, der Sohn des ermordeten Fahrradhändlers aus Voorschoten, nennt das Urteil ein „befreiendes Erlebnis“. Und er sagt, dass er dem Mann, der den Vater erschoss, noch „viele Jahre im Gefängnis“ wünscht. Auch Dolf Bicknese ist froh, dass es „doch Gerechtigkeit nach langer Zeit“ gebe. Er ist 73 Jahre alt, eines von zwölf Kindern des Fritz Bicknese aus Breda, der erschossen wurde in seiner eigenen Apotheke.

„Befehl ist Befehl“, so lautet die Verteidigungsstrategie der Anwälte Gordon Christiansen und Matthias Rahmlo. Bei Befehlsverweigerung, argumentieren sie, hätte Boere die Todesstrafe gedroht. Aber das Gericht lässt sich auf diese Argumentation nicht ein. Richter Nohl sagt, dass Boere „immer vorne mit dabei gewesen“ sei, immer „ein ganzer Kerl“ sein wollte. Er, der heute in einem Pflegeheim lebt, habe „als Erster geschossen und aus eigener Überzeugung gehandelt“. Zwar habe Boere auf Befehl geschossen, aber es habe ihm klar sein müssen, dass die Tötung der Zivilisten rechtswidrig gewesen sei. Und das sei ihm eigentlich auch bewusst gewesen: Warum sonst operierte er anonym, in ziviler Kleidung und in einem Auto mit falschem Nummernschild?

Die Angehörigen seiner Opfer ließ Boere mit Fragen allein. Darauf, am Lebensabend reinen Tisch zu machen, verzichtete er, was Richter Nohl ihm vorwarf.„Ihre Worte hätten für die Verwandten Ihrer Opfer große Bedeutung gehabt“, sagte er. Als Kriegsverbrechen wertete das Gericht Boeres Taten nicht: „Es bleiben ganz normale Morde, verübt von einem Mörder.“

Doch weil man in der EU für dieselbe Tat nicht zweimal verurteilt werden kann, ist unklar, ob Boere ins Gefängnis muss. Die Verteidigung kündigte Revision an.

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