Zeitung Heute : Ein Fernsehfilm mit Mord und Gefühlsverwirrung

Simone Leinkauf

Klassenreise nach Brighton: Die 16-jährige Hannah sitzt auf der Toilette und heult ihrer misslungenen Geburtstagsfete nach, während vor der Tür Melinda von Klassenkameraden belästigt und schließlich zusammengeschlagen wird. Hannah hält still - auch dann noch, als die drei Jungens den Körper des leblosen Mädchens rausschleifen, um ihn im Meer zu versenken. Hannah schweigt bei den Vernehmungen durch die Polizei und den Fragen der Eltern und Lehrer. Und sie gibt den Tätern ein Alibi, da sie in einen der drei schon lange verliebt ist. Ein Alibi, das sie im Laufe der Vermittlungen selbst in den Kreis der Verdächtigen bringt. Und der, den sie schützen wollte, liefert sie eiskalt der Polizei aus. Die Geschichte von Terézia Mora, die als Abschlussarbeit der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin entstand, hat alles das, was in einen Psychothriller reingehört. Und noch etwas mehr: Die Regisseurin Christine Elisabeth Wiegand hat sich bei ihrem ersten Fernsehspiel, "Das Alibi" (20 Uhr 15, ZDF), für eine Inszenierung entschieden, die mit ruhiger Kameraführung und langsamen Schnitten den jungen Schauspielern viele Möglichkeiten gibt, sich zu entwickeln. Und damit ist aus dem Krimi ein ganz besonderer Film geworden, der durch die weit gehende Konzentration auf Innenräume und viele Nahaufnahmen fast schon Kammerspielcharakter hat: Im Mittelpunkt stehen Hannah und die drei Täter Till, Christoph und Sören, die ganz unterschiedlich mit dem Geschehenen umgehen. Tat und Täter sind von Anfang an bekannt. Und nun geht es um die Beziehung der vier jungen Leute untereinander, um Zusammenhalt und Egoismus, um Angst und Drohung. Hannah wird nach und nach bewusst, dass sie ihre Lüge revidieren muss, wenn sie nicht an dieser Geschichte zerbrechen will. Neben der ungewöhnlichen Story sind es vor allem die jungen und zum Teil auch unerfahrenen Schauspieler, die ihr Publikum zu fesseln vermögen. Lena Lauzemis spielt in ihrer ersten Hauptrolle mit faszinierender Wandlungsfähigkeit. Jona Mues, Tobias Nath und Frederic Welter agieren als Tätertrio mit ähnlicher Bravour. Zur Seite stehen den Vieren mit Rudolf Kowalski als Kommissar Selig und Corinna Kirchhoff als Hannahs Mutter Lydia zwei gestandene Schauspieler.

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