Zeitung Heute : Ein Filmregisseur ist dann gut, wenn er aus der Crew ein Team macht

Susanna Nieder

"Ein Regisseur muss mehr beherrschen als irgendeinen bestimmten Trick, um seine Darsteller zum Spielen zu bringen", sagt Wojciech Marczewksi. "Manche sprechen auf einen intellektuellen Ansatz an, andere wollen eher bemuttert werden - das hängt ganz vom Typ ab." Eigentlich klingt das, was der mehrfach preisgekrönte polnische Regisseur sagt, logisch. Wie so vieles, das sofort einleuchtet, ist es aber schwer umzusetzen.

Das Hauptproblem ist, dass der Regisseur über so vieles den Überblick behalten muss. Oft sind es in einer Szene mehrere Schauspieler, auf die er sich einlassen, zwischen denen er eine Verbindung herstellen muss. Mit der Aufforderung "So, jetzt spielt mal die Liebesszene" ist es eben nicht getan. Wenn ein Regisseur für seinen Film eine eigene Bildsprache entwickeln will, muss er auch von Anfang an in engem Austausch mit dem Kameramann stehen. Außerdem muss er (oder sie) wissen, wie man ein Drehbuch liest, was man herausholen kann, wann es sich empfiehlt, bestimmte Stellen zu verändern und wie man das macht.

In diesem Jahr hält Marczewski seinen zweiten Seminarzyklus für Nachwuchsregisseure zum Thema Schauspielführung. Veranstaltet wird er dieses Mal von der Schweizer Stiftung Weiterbildung und Audiovision FOCAL in Zusammenarbeit mit der Berliner Masterschool Drehbuch und mit der Unterstützung der European Film Academy. Marczewski, dessen neuester Film "Dawid Weiser" im Herbst in die Kinos kommt, unterrichtet seit 1982 in Westeuropa, leitete drei Jahre lang den Bereich Regie an der National Film School of Great Britain, wirkt seit 1983 an der Ausbildung dänischer Regisseure mit und wird zum Beispiel von Thomas Vinterberg, der 1998 mit "Das Fest" sein fulminantes internationales Debut gab, als sein bester und wichtigster Lehrer bezeichnet." Für die Zukunft schwebt ihm eher ein Austausch zwischen europäischen Filmschaffenden auf hohem professionellem Niveau vor. "Wir sollten nationale Grenzen überwinden und uns auch außerhalb der Filmfestivals treffen, wo wir immer als Konkurrenten auftreten. Vielleicht können wir voneinander lernen.

Während Marczewski auf der Couch im Flur vor seiner Hotelsuite sitzt und erzählt, drehen in einem anderen Zimmer zehn Seminarteilnehmerinnen und -teilnehmer aus der Schweiz, Deutschland, Dänemark und Schweden selbstverfasste Szenen. Auf diese Weise entwickelt sich zwangsläufig ein Gespür für den Text. Der gesamte Kurs besteht aus fünf - über ein Jahr verteilten - Seminarblöcken und basiert auf Drehbüchern, an denen jeder einzelne zwischen den gemeinsamen Arbeitsphasen schreibt. Vier sind bereits in der Planungsphase eines Projektes oder stehen kurz vor Beginn der Dreharbeiten. Für die Teilnehmer ist das Seminar eine Möglichkeit, ihre Vorarbeit zu überprüfen.

Trotz seiner langjährigen Lehrerfahrung begreift sich Marczewski weniger als Pädagoge denn als Mentor. Die beste Lehrmethode ist seiner Ansicht nach, seine Seminarteilnehmer bei der Suche nach ihrem eigenen Stil zu unterstützen. Integration aller Beteiligten am Set ist dabei das Zauberwort. "Regisseure geraten leicht in die Versuchung, die Schauspieler verantwortlich zu machen, wenn eine Szene nicht funktioniert." Seinen Kursteilnehmern stehen in dieser Woche mit Juliane Köhler (die in "Aimée & Jaguar" die Rolle der blonden Lilly Wust spielte und auch in Marczewskis neuem Film mitgewirkt hat) und Miroslaw Bata (dem Hauptdarsteller aus Krzysztof Kieslowskis "Ein kurzer Film über das Töten") zwei ausgezeichnete Schauspieler zur Verfügung. Wenn mit diesen beiden eine Stelle nicht klappt, muss es entweder an der Regie oder am Text liegen.

Der Seminarblock, während dem das Gespräch stattfindet, ist der dritte und der einzige, der in Berlin veranstaltet wird. In den ersten beiden wurden verschiedene Stile der Schauspielführung, Schauspielmethoden, Dramaturgie und die Entwicklung der Hauptfigur erarbeitet. Casting war ein wichtiges Thema. Jeder Teilnehmer hatte aus vier Schauspielern zwei für Rollen in seinem Film auszuwählen, bei zehn Teilnehmern war also jeder zumindest als Beobachter mit vierzig Schauspielern konfrontiert. Dazu ist der dritte Teil, die enge Zusammenarbeit mit zwei Darstellern, sozusagen das Gegenstück. Im vierten Teil wird die Arbeit mit dem Kameramann im Mittelpunkt stehen; mit Edward Klosinski und mitWitold Stock, die beide unter anderem mit dem bedeutendsten polnischen Regisseur, Krzysztof Kieslowski, zusammengearbeitet haben, stehen wiederum zwei Koryphäen zur Verfügung. Der letzte Teil beinhaltet außer Dreh, Schnitt und Evaluation die Auseinandersetzung mit dem Produzenten.

Der Leiter der Masterschool Drehbuch, Oliver Schütte, äußert sich vorsichtig über zukünftige Durchführungen ähnlicher Seminare. Das Konzept sei Marczewskis eigene Entwicklung. Doch die Masterschool Drehbuch erweitert ihr Angebot schon seit einiger Zeit über die Grenzen, die in ihrem Namen abgesteckt sind, hinaus. Eine bessere Zusammenarbeit zwischen den einzelnen Bereichen des Filmschaffens, wie Marczewski sie lehrt, sind jedenfalls ganz in ihrem Sinn. Ihre Mitorganisation an diesem Seminarzyklus selbst ist schließlich das beste Beispiel für Crossover zwischen Regie und Autor.Aktivitäten der Masterschool Drehbuch unter www.pitchpoint.org

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar