Zeitung Heute : Ein ganzes Stück Arbeit

Carsten Brönstrup

Die große Koalition denkt über einen Mindestlohn nach. Welche Erfahrungen wurden damit in anderen Ländern gemacht und was kann Deutschland davon lernen?


Mindestlöhne sind in den Industrieländern weit verbreitet – es gibt sie in 19 von 25 EU-Staaten, in den USA, in Japan, Kanada und Australien. Doch Wissenschaftlern fällt es schwer, Erfahrungen mit der Lohnuntergrenze aus anderen Ländern auf Deutschland zu übertragen. „Man kann nicht sagen, dass die Einführung eines Mindestlohnes überall Arbeitsplätze vernichtet hat“, sagt Herbert Buscher, Arbeitsmarktfachmann beim Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH). „Denn kein Land lässt sich ohne weiteres mit der Bundesrepublik vergleichen.“

Über die Wirkung des Mindestlohns entscheidet die Höhe: Ist er niedriger als der geringste Lohn auf dem Arbeitsmarkt, bleibt er ohne Folgen. Ist er höher, kostet er Jobs. Beispiel Großbritannien: Dort arbeiten nur zwei Prozent der Beschäftigten zu Mindestlohn-Bedingungen, weil die allgemeinen Einkommen höher sind. Überall gibt es aber unterschiedliche Höhen und Bestimmungen: In Lettland liegt das Minimum für die Beschäftigten bei nicht einmal einem Euro pro Stunde, in Frankreich sind es mehr als sieben und in Luxemburg sogar mehr als neun Euro. Mal sind Jugendliche oder Behinderte vom allgemeinen Mindestlohn ausgenommen, mal wie in Frankreich ganze Berufsgruppen wie Hausmeister, Kindermädchen oder Kellner, und mal wird die Einhaltung vom Staat nur lax oder gar nicht überwacht. In den USA werden die Mindestlöhne auf der Ebene der Bundesstaaten festgelegt und sind damit regional flexibler, in Großbritannien gelten nur die Empfehlungen einer unabhängigen Kommission. „Die Frage ist, ob ein Mindestlohn in der Praxis auch umgesetzt wird – oft weichen Arbeitnehmer in die Schwarzarbeit aus oder arbeiten als Scheinselbstständige, wenn die untere Lohngrenze zu hoch angesetzt wird“, urteilt IWH-Fachmann Buscher. Der Wirtschafts-Sachverständigenrat dagegen rät von Mindestlöhnen generell ab – in Frankreich habe er trotz der Sonderregeln die Jugendarbeitslosigkeit stark ansteigen lassen.

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