Zeitung Heute : Ein Garten im Garten Englands

Auf den Spuren der Schriftstellerin Vita Sackville-West in der Grafschaft Kent

Karsten-Thilo Raab

Das Paradies war bekanntlich ein Garten. Niemand kann mit Bestimmtheit sagen, wann und wie es verloren ging. Doch die Erinnerung ist geblieben, spiegelt sich in gepflanzten Bäumen und Sträuchern, gezüchteten Blumen und angelegten Teichen wider. Dieser Vorstellung sehr nahe kommt die atemberaubende Gartenanlage von Sissinghurst Castle. Von dem elisabethanischen Schloss zwischen Hastings und Ashford im Südosten Englands blieb nur wenig erhalten. Aber das wenige wirkt absolut märchenhaft.

Hinter dem lang gestreckten, von üppigen Rosenbüschen umrahmten Torgebäude erhebt sich ein (Wohn-)Turm aus roten Ziegeln. Ein Anblick, der unweigerlich an Szenen aus Rapunzel erinnert. Dahinter erstreckt sich ein paradiesischer Garten aus ebenso unterschiedlichen wie faszinierenden Teilen. Da befindet sich zum einen die schlichte, aber farbenfrohe Rosenanlage, zum anderen der sogenannte Cottage Garden, mit einem verwunschenen Haus, dem South Cottage, dem einzigen erhaltenen Teil des einstigen Schlossinnenhofes. Links des Turmes liegt der weiße Garten mit seinen prachtvollen Gehölzen und Blumen. Eine kleine Eibenallee trennt ihn vom großzügigen Obstgarten mit seinem mittelalterlichen Brunnen. Entlang dem Burggraben beeindrucken die Azaleen. Zu diesem grünen Refugium gehören aber auch ein Kräuter- und Gemüsegarten, eine Nussbaumallee sowie ein Feuchtbiotop rund um die zwei angrenzenden Seen.

So ungewöhnlich wie diese Gärten ist auch die Geschichte des paradiesischen Anwesens. Im 15. Jahrhundert legte hier Sir Richard Baker aus dem nahe gelegenen Knole den Grundstein für das einstmals stattliche Herrenhaus. Im 18. Jahrhundert diente das Schloss als Gefängnis für französische Kriegsgefangene, wurde dann so baufällig, dass es Mitte des 19. Jahrhunderts abgerissen wurde. Allein die 1490 erbaute Vorderfront und der Wohnturm aus dem Jahre 1565 blieben stehen. 1930 schließlich erwarb die englische Schriftstellerin Victoria Sackville-West (1862–1936), genannt Vita, zusammen mit ihrem Ehemann, dem Diplomaten und Schriftsteller Sir Harold Nicolson, das völlig verwahrloste Anwesen für 12 000 Pfund Sterling.

Neben der Instandsetzung von Sissinghurst Castle legte Vita Sackville-West, der enge freundschaftliche, bisweilen intime Bande zu Virginia Woolf nachgesagt wurden, in siebenjähriger Kleinarbeit eine der schönsten Gartenanlagen Englands an. Diese wurden 1938 erstmals der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Seither tragen die jährlich rund 175 000 Besucher den Spitznamen „Shillingses“ in Anlehnung an den damaligen Eintrittspreis von einem Schilling (etwa fünf Pence).

Fünf Jahre nach dem Tod von Vita Sackville-West ging der Besitz nebst dem Oast-House, der historischen Hopfendarre, und der völlig restaurierten elisabethanischen Scheune 1967 in den Besitz des National Trust über, ohne seine magnetische Anziehungskraft einzubüßen. Denn noch immer offenbart sich vom Dach des Towers, in dem übrigens Vita Sackville-West arbeitete, ein atemberaubender Blick auf die liebevoll angelegten Gärten.

„Die Mischung aus Erwartungen und Überraschungen macht die Gärten so besonders“, glaubt Sam Butler, Visitors Service Managerin von Sissinghurst. Und in der Tat, ein jeder Gartenabschnitt für sich ist eine Besonderheit. Von jedem Teil des Gartens gibt es Blickachsen oder Gucklöcher zu anderen Teilen, die unweigerlich Neugierde hervorrufen. Die einzelnen Abschnitte heißen „Rooms“. Wohl deswegen, weil Vita Sackville-West und Harold Nicolson alle Teile des Anwesens bewohnten und die dazwischen liegenden Grünanlagen als Teil des Wohnkomplexes interpretierten.

„Wir haben uns bis zum heutigen Tag bemüht, den Geist von Vita Sackville-West und ihr Gartendesign aufrechtzuerhalten“, erläutert Sam Butler mit Verweis auf die Tatsache, dass das Gros der heutigen Pflanzen bereits von der großen Schriftstellerin selber angelegt wurde. Gleichwohl ist das achtköpfige Team um Chefgärtner Alexies Datta bemüht, auch eigene Ideen und Pflanzkonzepte umzusetzen. Dabei lassen ihm auch die Enkel von Vita Sackville-West und Harold Nicolson, die Schriftsteller Juliet und Adam Nicolson, die heute noch in Sissinghurst leben, freie Hand. Zum einen sind sie stolz darauf, am Wohnsitz ihrer Vorfahren zu Hause zu sein, zum anderen genießen sie es, an einem ganz besonderen Ort zu wohnen. Gilt Sissinghurst doch nach wie vor als ein Stück Paradies inmitten des englischen Gartens Kent.

Weiteres im Internet:

www.visitbritain.com/de

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben