Zeitung Heute : Ein Gefühl von Elite

Generalmajor Marcel Celie über die Erfolgsgeschichte des Deutsch-Niederländischen Korps

Rolf Brockschmidt

Sorgen um seine Sicherheit muss sich Generalmajor Marcel Celie in seinem Hauptquartier in Münster nicht machen. Auch nicht, als feindliche Truppen unmittelbar vor der Tür stehen – bereit zum Gefecht. Der General aus der niederländischen Provinz Zeeland kennt die Belagerer. Denn das „Gefecht“ auf dem Platz vor dem Hauptquartier des Deutsch-Niederländischen Korps, im Nato-Jargon 1 (GE / NL) Corps, findet im Karneval statt – als Rededuell. „Wenn ich Plattdeutsch spreche, verschwindet auch gleich mein niederländischer Akzent“, erzählt der Generalmajor und stellvertretende Kommandant des Korps. Bei der Gründung des Korps am 30. August 1995, 50 Jahre nach Kriegsende, hat vermutlich niemand geahnt, dass Deutsche und Niederländer einmal auf diese Art und Weise miteinander feiern würden.

Die Integration der deutschen und niederländischen Soldaten liegt dem Zeeländer sehr am Herzen. So haben viele Offiziere beider Länder die Sprache des jeweils anderen gelernt: die Deutschen auf der niederländischen Kriegsakademie, die Niederländer auf der deutschen Führungsakademie. Und es haben sich mittlerweile 70 niederländische Familien im Raum Münster angesiedelt. „Das ist für die gemeinsame Arbeit wichtig. Wir verstehen einander besser und lernen auch Deutschland besser kennen“, sagt der General.

Doch was die Umgangssprache betrifft, so hat sie sich geändert. „Die soziale Sprache war bis 2002 Deutsch“, erzählt Celie, „seitdem sind wir eines der High Readyness-Headquarters der Nato und haben inzwischen weitere sieben Nationen bei uns in Münster. Das bedeutet, dass nun Englisch gesprochen wird – auch im sozialen Umfeld.“ Um das zu fördern, werden die Teams, die auch im Alltag zusammenarbeiten, etwa das Instandsetzungspersonal, gemeinsam auf Sprachkurs geschickt.

Celie gehörte dem niederländischen Team an, das 1993 die Kooperation ausgehandelt hat. „Mit meinen deutschen Kollegen habe ich mich damals sehr schnell verständigt. Es hat klick gemacht und uns war klar, dass Englisch die offizielle Sprache wird.“ Diese Strategie hat im Laufe der Zeit die Identität des gemischten Korps, dem praktisch 70 Prozent aller niederländischen Soldaten unterstehen, gefestigt. Heute arbeiten 300 niederländische und deutsche Soldaten im Hauptquartier des ersten binationalen Korps zusammen.

Der beste Beweis für die gute Zusammenarbeit ist nach Meinung Celies der gemeinsame Einsatz in Afghanistan von Februar bis August 2003. „Es ist auf allen Ebenen, politisch, militärisch und menschlich sehr gut gelaufen. Wir hatten von Anfang an ganz klare Absprachen darüber, wie wir miteinander umgehen, dass wir die Nato-Verfahren anwenden und uns wirklich als gleichberechtigte Partner verstehen.“

Celie lobt besonders die deutschen Soldaten aus den neuen Ländern und meint: „Für sie ist angesichts der hohen Arbeitslosigkeit eine Verpflichtung bei uns eine einzigartige Gelegenheit, eine gute Ausbildung zu bekommen.“ Von Nachteil sei es, dass die Familienangehörigen oft weit entfernt wohnten, wenn Soldaten nach Afghanistan abkommandiert würden. Die Anreise sei für viele Angehörige einfach zu weit, dadurch verpassten sie möglicherweise auch wichtige Informationen aus den Familenbetreuungszentren in Münster.

Ein Ereignis, das von niederländischer Seite als Beispiel für die gute Zusammenarbeit erwähnt und von deutscher Seite dankbar registriert wird, war die Reaktion der niederländischen Soldaten nach dem Bombenanschlag auf den deutschen Bus in Afghanistan, bei dem vier Bundeswehrsoldaten starben. Die niederländischen Soldaten hatten sofort spontan in großer Anzahl Blut gespendet, um ihren Kameraden zu helfen. Dank dieser Aktion hat ein schwer verletzter Deutscher, der sieben Liter Blut benötigte, überlebt. So etwas schweißt natürlich zusammen. „Der Einsatz in Afghanistan hat bewiesen, dass unser Konzept eines multinationalen Korps, das auf zwei Ländern basiert, funktioniert. Man muss die gleiche Arbeitsweise haben, die gleiche Sprache sprechen und eine direkte Linie der Befehlsführung bekommen“, erklärt General Celie und fügt hinzu: „Der Kommandeur in Kabul hat den direkten Draht zum Einsatzführungskommando in Potsdam, ganz gleich, welcher Nationalität er ist.“ Alle drei Jahre wechselt die Führungsspitze, die sowohl national als auch binational die Truppen befehligt.

Die Zusammenarbeit, gerade auch in Afghanistan, habe bei den niederländischen Soldaten das Gefühl für eine Elite-Truppe aufkommen lassen und auch ein deutscher Soldat aus Münster fühle inzwischen ähnlich, erzählt Celie und ergänzt: „Wir haben nur wenige freie Stellen.“

Die Niederländer sind Berufssoldaten, die Deutschen Zeit- oder Berufssoldaten. „Bei unseren Soldaten ist das Bildungsniveau ein wenig niedriger, aber dafür ist die Motivation hoch“, sagt der Generalmajor. Afghanistan sei für alle Soldaten eine besondere Erfahrung gewesen, besonders für die Deutschen. Die Zeit dort habe jedes Wohlstandsgefühl relativiert, meint Celie und fügt hinzu: „Bei der Rückkehr hatten wir voneinander gelernt.“ Und er gibt ein Beispiel dafür: Im Gegensatz zu den niederländischen Soldaten, die wegen der psychologischen Folgen des Einsatzes Einzelgespräche führen, bespricht die deutsche Soldatengruppe, die zusammen ihren gefährlichen Dienst tat, mit einem Mediator die Probleme. „Das schien uns das bessere System zu sein. Und so machen wir es jetzt auch“, erzählt General Celie.

Allmählich bekommt das Deutsch-Niederländische Korps Vorbildcharakter. Die Franzosen schauen in Münster vorbei, um die Strukturen für ihre Arbeit kennen zu lernen, und die Norweger wollen sich dem Korps anschließen. Für Generalmajor Marcel Celie ist das alles kein Problem: „Es geht immer um die Menschen und den Willen, zusammenzuarbeiten.“

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