Zeitung Heute : Ein geistlicher Terrorist

Warum Ahmed Jassin die Hamas gründete

Martin Gehlen

Er galt als Seele der Hamas und als charismatische Schlüsselfigur der radikalen Palästinenser im Kampf gegen Israel. Trotz vieler Jahre im Gefängnis oder unter Hausarrest blieb Scheich Ahmed Jassin zeitlebens ein unerbittlicher Gegner Israels und rechtfertigte den Einsatz von Gewalt gegen die Besatzer.

Der streitbare Geistliche wurde 1936 in dem Fischerort Jora in der Nähe der südisraelischen Stadt Aschkelon geboren. Während des israelisch-arabischen Krieges 1948 vertrieben die Israelis alle Bewohner des Dorfes, das dem Erdboden gleichgemacht wurde. Die elfköpfige Familie Jassins floh in den Gaza-Streifen. Mit 16 Jahren stürzte Jassin beim Spielen am Strand so unglücklich, dass er sich die Wirbelsäule brach. Seitdem war er an beiden Beinen gelähmt. Trotz dieses Gebrechens beendete er seine Schulausbildung in Gaza und studierte ein Jahr Theologie und englische Literatur an der Kairoer Universität Al Azhar. Weil es an Geld fehlte, konnte er sein Studium nicht beenden. An der Universität jedoch lernte er Mitglieder der ägyptischen Muslimbruderschaft kennen, die eine Erneuerung des Islam zum Ziel hatte.

In den 70er Jahren rekrutierte Jassin im Gaza-Streifen junge Anhänger, eröffnete Sozialstationen und Koranschulen – von Israel dabei nach Kräften unterstützt. Für sein Islamisches Zentrum bekam Jassin eine offizielle Lizenz der israelischen Militärverwaltung. Zwischen 1967 und 1987 verdoppelte sich die Zahl der Moscheen in Gaza. Als die strenggläubigen Aktivisten dann in den 80er Jahren anfingen, die wenigen Kinos in Gaza zu stürmen, die Strandrestaurants wegen Alkoholausschanks anzuzünden oder Hochzeiten, bei denen Popmusik gespielt wurde, anzugreifen, sahen die israelischen Soldaten untätig zu. Dass sie damit ihre künftigen Feinde heranzüchteten, sollten sie erst Jahre später merken. Damals kalkulierte die israelische Regierung, sie könne mit der Unterstützung des frommen Jassin ein Gegengewicht schaffen zur säkularen Fatah von PLO-Chef Jassir Arafat.

Am 9. Dezember 1987, dem Beginn der ersten Intifada, rief Jassin seine wichtigsten Mitarbeiter im Islamischen Zentrum zusammen. Fünf Tage danach gab die Hamas ihre Gründung bekannt. Zwei Jahre später wurde der kleine Mann mit dem weißen Bart und der hohen Fistelstimme festgenommen und zu lebenslanger Haft verurteilt. In mehreren Interviews vom Gefängnis aus lehnte er jede „Versöhnung mit den Juden“ ab und wandte sich gegen die von der PLO ausgehandelten Oslo-Verträge. Sechs Jahre später wurde der Vater von elf Kindern freigelassen. Zweimal ließ Arafat den streitbaren alten Mann seither für kurze Zeit unter Hausarrest stellen. Zunehmend unverhohlen drohte ihm auch Israel. Doch Jassin blieb unerbittlich: „Das palästinensische Volk ist gezwungen, sich selbst zu verteidigen“, rechtfertigte er die Einsätze der Selbstmordattentäter. „Die Palästinenser haben keine Apache-Hubschrauber oder F-16-Kampfflugzeuge oder Panzer oder Raketen. Sie haben nur sich selbst, um als Märtyrer zu sterben.“

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