Zeitung Heute : Ein Geniestreich der Natur Samen keimen erst, wenn die Bedingungen stimmen

Helga Panten[dpa]

Wochen- oder monatelang, manchmal über Jahre, liegen Samen unverändert da. Aber plötzlich, wenn sie das richtige Saatbett bekommen, wenn sie feuchte Erde spüren, werden sie prall, platzen auf und beginnen zu keimen. Bald füllen sie Töpfe und Kisten mit zarten Sämlingen. Für viele Pflanzenfreunde ist dieses Erlebnis Frühlingsvergnügen pur.

Pflanzensamen sind ein Geniestreich der Natur. Sie müssen nicht umgehend ins Leben starten, so wie die Embryonen von Mensch und Tier. Pflanzensamen können sich Zeit lassen und widrige Lebensbedingungen überdauern. Erst wenn die richtigen Bedingungen da sind, legen sie los. Die Wurzelspitze streckt sich zwischen den beiden Samenhälften hervor, tastet sich in die Erde. Die Spitze mit den beiden Keimblättern schiebt sich nach oben ans Licht. Die beiden Samenhälften klappen auseinander. Was eben noch Nährstoffdepot für den Start war, wird grün und beginnt Sonnenenergie in Zucker zu verwandeln. Wenig später entfalten sich die ersten richtigen Blättchen.

Eigentlich ist Aussäen einfach: Ein Gefäß mit Aussaaterde füllen, die Samen darauf verteilen, mit etwa so viel Erde abdecken, wie die Samen dick sind, gut feucht halten. Trotzdem klappt es nicht immer mit dem Keimen. Denn jeder Samen hat sein genetisch festgelegtes Programm, das den Keimprozess auslöst. Davon abweichen kann er nicht. Stimmen die Bedingungen nicht, kann noch so viel Feuchtigkeit ihn nicht erwecken.

Arten wie die Kokardenblume, Mittagsgold oder Fleißige Lieschen keimen am besten bei wohliger Zimmerwärme. Andere wie Ringelblumen, Duftsteinrich oder Sommerastern erwachen auch im kühleren Raum oder im Frühbeet. Wieder andere sind Kaltkeimer, manchmal auch als Frostkeimer bezeichnet. Die meisten Primeln, Laucharten und Sterndolden müssen einen Winter erlebt haben, um sich zu rühren.

Helligkeit ist der Schlüssel zur Keimung von Mohn, Rittersporn, Akelei und Nelken. Sie sind Lichtkeimer und dürfen nach dem Aussäen nicht mit Erde überdeckt werden. Der Grund: Helligkeit signalisiert dem Samen, dass der Boden offen ist und es keine Konkurrenz gibt. Notfalls warten sie Jahrzehnte lang auf ihre Chance.

So sicher wie die Samen von Iris und Pfingstrosen in ihren dicken Schalen ruhen, so schwer hat es der Keimling, sie zu durchbrechen. Wer es ihnen erleichtern und die Keimung beschleunigen will, reibt die Samen in scharfem Sand oder mit feinem Schmirgelpapier ab. Trotzdem liegen Pfingstrosensamen oft länger als ein Jahr brach.

Saftiges Fruchtfleisch umgibt die harten Samen von Efeu, Wildem Wein und Eibe. Sie wollen von einem Vogel gefressen und dann an einen neuen Platz ausgeschieden werden. Angeätzt von den scharfen Magensäften, keimen die Samen rasch. Gärtner ahmen das mit einem Säurebad nach. Helga Panten, dpa

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben