Zeitung Heute : Ein Gerücht fährt mit

Doping: Ein böser Verdacht taucht auf, und ehe die Tour gestartet ist, wird Jan Ullrich zum Gejagten

Frank Bachner[Helmut Schümann] Axel Vorn

Es sind noch einige hundert Kilometer bis zur Tour, buchstäblich. In vier Tagen beginnt der Prolog in Straßburg, dann fangen vor laufenden Kameras die Leiden wieder an, dann kommen die Schmerzen, die Jan Ullrich so liebt, wie er in diesem Frühjahr, zum Saisonstart, dem Tagesspiegel anvertraut hat. Und so hat Jan Ullrich auch an diesem Dienstag wieder im Sattel gesessen, trainingshalber, bis die Schmerzen kamen, irgendwo daheim auf den Straßen der Westschweiz, und hat „dicke Gänge getreten“, weil manche Dinge im Leben sich nie mehr ändern.

Man kann sagen: Ullrich ist gut drauf, körperlich zumindest, das sehen sogar seine Rivalen so. Er hat die Tour de Suisse gewonnen. Er hat dabei alle Gegner besiegt – und den eigenen Aberglauben mit dazu, weil er den Sieg bei der Tour de Suisse nicht unbedingt für ein gutes Omen hält.

Es gibt Vorurteile, die nicht kaputtzukriegen sind, und eines haftet auch Jan Ullrich an. Faul, so heißt es im Allgemeinen, sei Deutschlands erster und bislang einziger Tour-Sieger, ein Mann, der mehr aus sich hätte machen können, wenn da auch nur ein Quäntchen mehr an Selbstdisziplin vorhanden gewesen wäre. In diesen Tagen hat Jan Ullrich auch gegen dieses Vorurteil angekämpft, glaubhaft für sich selbst und andere – doch nun trifft ihn ein neues: Der Radsport ist dopingverseucht, lautet das Verdikt, und da ist keiner, der es nicht probieren würde! Auch Jan Ullrich?

Wie ein Gegner, der in seinem Windschatten mitfährt, hat sich das Gerücht an Ullrichs Hinterrad geheftet, dass auch der deutsche T-Mobile-Kapitän in den Dopingskandal um den spanischen Arzt Eufemiano Fuentes und den Laborchef Jose Luis Merino verwickelt sein soll. Blutkonserven sind aufgetaucht, als spanische Ermittler Merinos und Fuentes’ Räume vor rund vier Wochen durchsucht haben; man hatte den Verdacht, dass beide an der Spitze eines Dopingringes standen. Auf der Rückseite der Visitenkarte eines Fischhändlers fanden die Beamten dann Namen, denen die Blutkonserven zuzuordnen sein sollen. An Position 1 steht da „Hijo Rudicio“, „Sohn des Rudicio“, was ein Synonym für Ullrichs väterlichen Freund Rudy Pevenage sein könnte. Auch der Name „Jan“ ist aufgetaucht. Doch Rudicio muss nicht zwangsläufig Rudy Pevenage sein. Und Jan nicht Jan Ullrich. Im Peloton der Tour wird es in diesem Jahr aller Voraussicht nach sechs Fahrer geben, die den Vornamen Jan tragen.

Es gab seit dem großen Skandal 1998 mehrere spektakuläre Dopingvorfälle, deshalb ist es mittlerweile zum Reflex geworden, vor großen Rundfahrten Anklagen zu formulieren. Pünktlich zur Tour muss sich auch der dauerverdächtige Lance Armstrong, obwohl gar nicht mehr aktiv, wieder mit Anschuldigungen seines amerikanischen Landsmanns Greg LeMond auseinander setzen. Seit Jahren schon attackiert der den bei den letzten sieben Rundfahrten erfolgreichen Armstrong. Einer wie Ullrich steht deshalb ständig unter Erklärungsdruck. Warum soll einer dopingfrei an Konkurrenten vorbeifahren, die als Dopingsünder entlarvt wurden?

Es ist eben der Radsport eine Welt aus kollektivem Verdacht und nicht mal halbem Wissen. Puzzlesteine werden zusammengebaut und Bilder interpretiert. Im Falle Ullrich heißt es nun, er habe eine Aussage für eine ARD-Dokumentation über Doping im Radsport, die heute Abend ausgestrahlt wird, kurzfristig zurückgezogen. Warum? Weil man ihn nachträglich der Lüge bezichtigen könnte. Aber hat er überhaupt? Ullrichs Manager Wolfgang Strohband sagt, dass er von diesem Vorgang gar nichts wisse, er es aber wissen müsste, wenn dieses Gerücht der Wahrheit entspräche.

Aber es ist was dran an diesem Gerücht. Ullrich hat einen Satz über Doping zwar nicht für die Doku zurückgezogen, aber er hat diese Passage für die „Tagesthemen“ am Montagabend nicht freigegeben. Die Frage an Ullrich lautete: „Wenn in Spanien die Namen der Verdächtigen ans Tageslicht kommen, haben Sie dann etwas zu befürchten?“ Und Ullrich antwortete knapp: „Nein.“ Ein harmlose, eine erwartbare Antwort. Aber ARD-Redakteur Uli Fritz, Mitautor der Doku, bestätigte gestern, dass Ullrich seine Antwort nicht freigegeben habe. Er sei auch verwundert gewesen über diese Reaktion, sagt Fritz.

Heute wollen sie versuchen, ein Interview mit Ullrich zu führen. Die ARD will ja die aktuellen Entwicklungen aufgreifen. Die Dokumentation ist sowieso mit heißer Nadel gestrickt. Sie wurde erst vor wenigen Wochen geplant, als der Dopingskandal in Spanien bekannt geworden war. Zur aktuellen Enwicklung gehört auch, dass die Direktion der Tour de France mit der Leitung von Ullrichs Team T-Mobile gesprochen hat. Ergebnis: Ullrich darf starten, solange keine glasklaren Beweise gegen ihn vorliegen.

Ullrichs Management hat Anwälte in Trab gesetzt, „die jetzt prüfen“, so Strohband, „welche juristischen Schritte wir einleiten werden“. Er wirkt, als fühle er sich etwas belästigt. „Wir können uns ja nicht von einem einzigen Zeitungsartikel verrückt machen lassen“, sagt er.

Wirklich nicht? „Ich stehe hier am Pranger“, hat Ullrich am Dienstag einem Vertrauten gesagt – „und kann mich nicht dagegen wehren.“ Bei T-Mobile ist man besorgt, dass das psychische Gleichgewicht des Radstars ins Wanken geraten könnte. „Es belastet ihn“, sagt T-Mobile-Sprecher Christian Frommert, „es ist sicher nicht optimal für seine Vorbereitung.“ Am Dienstagabend kommt dann zwar die erlösende Meldung: Die Organisatoren der Tour de France entschieden, dass die Doping-Anschuldigungen gegen Ullrich zu schwach seien, um ihn vom bedeutendsten Radrennen der Welt auszuschließen. Doch Tour-Sprecher Phillippe Soudres formuliert es ausgerechnet so: „Fürs Erste gibt es für die Tour kein Problem mit Ullrich“, sagt er. Fürs Erste?

Jan Ullrichs Kampf auf dem Rad war immer auch ein Kampf darum, wie er von außen wahrgenommen wurde. Vieles, so hat er dem Tagesspiegel in dem Interview gesagt, werde in den Medien unendlich aufgebauscht. Nun fühlt er, der am liebsten seine Ruhe hätte, sich wieder als der Gejagte, noch bevor er das erste Mal Gelegenheit hatte, das Gelbe Trikot überzustreifen.

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