Zeitung Heute : Ein Geschmack von Hinz und Kunz

Für die Märchenhochzeit mit Diana stand die Welt still, über die mit Camilla lacht ganz Windsor. Wie geht Monarchie ohne Respekt?

Deike Diening[Windsor]

Es soll der wichtigste Tag ihres Lebens werden. Sie haben 100 Gäste eingeladen, 15000 britische Pfund investiert und vor einem halben Jahr für Samstagnachmittag einen Termin im Rathaus vereinbart. Frazer Moores und Grace Beesley heiraten um zwei Uhr, direkt nach dem Prinzen und seiner Kamillenblüte. Der Ingenieur und die Marketingassistentin aus Windsor werden berühmt werden. Aber Frazer Moores hat einen Exklusivvertrag mit einer anderen Zeitung unterschrieben, und deshalb muss er jetzt auf der Stelle aufhören zu telefonieren.

Als die Hochzeit Anfang der Woche verlegt wurde, weil am Freitag der Papst beerdigt wird, stellte man fest, dass schon drei Paare für den Tag gebucht waren. Normalos aus Windsor und Umgebung. Nein, nein, beeilte der Hof sich zu sagen, diese Paare werden auf keinen Fall gestört.

Eigentlich hatte man ein kleines Fest auf Schloss Windsor gewollt, nur 700 Gäste, eine Trauung in der schlosseigenen St. George’s Kapelle. Aber dann hätte die – so will es das Gesetz – für die kommenden drei Jahre auch ganz normalen Hochzeitspaaren offen stehen müssen. Daher meldeten sich C und C im örtlichen Rathaus an, buchten dort den Ascot Room zu 285 Pfund, womit die Hochzeit einen ersten Geschmack von Hinz und Kunz bekam. Sonst bleibt das Programm das alte. Es wird nach der Trauung auch den Gottesdienst in der St. George’s Kapelle geben, gehalten vom Erzbischof von Canterbury. Und die Queen wird zu Hause bleiben, wenn Charles und Camilla am Samstag um 12Uhr30 englischer Zeit mal kurz für eine halbe Stunde in dem Rolls Royce Phantom V verschwinden. Und wenn sie wieder nach Hause kommen, wird ihr 56 Jahre alter Sohn seine 57 Jahre alte Freundin zur Frau genommen haben.

Am 29. Juli 1981, als Charles Diana in der St. Paul’s Kathedrale in London heiratete, stand die westliche Welt still. Wer nicht in London war, sah fern. Man sprach von der glanzvollsten Hochzeit des Jahrhunderts, und selbst der Erzbischof von Canterbury begann seine Predigt mit dem Vergleich einer Märchenhochzeit. Die Braut war jung und schön und errötete häufig. Diesmal ist alles anders, nur der Bräutigam ist derselbe, aber das ist eher Teil des Problems.

Etwas hat sich fatal verdreht. Die Royals haben Angst zu stören: die drei Paare, die sich im Rathaus angemeldet haben. Die Fernsehübertragungen des größten britischen Pferderennens in Aintree, das am Samstag beginnt, die kleingeistigen Geschäftsleute in der High Street neben dem Schloss, die sich um ihren wichtigsten Einkaufstag gebracht sehen und die Taxifahrer, die behaupten, dass die gesperrten Straßen sie persönlich gut 80 Pfund kosten, obwohl man im winzigen Windsor kaum eine Strecke fahren kann, die mehr als vier Pfund kostet. Auch die Souvenirhändler jaulten auf, als das Datum verschoben wurde, und auf ihren Tassen und Brieföffnern das alte gedruckt stand. Die Kosten für die Sicherheit haben sich mal eben auf zwei Millionen Pfund verdoppelt. Und dann hat gestern auch noch ein Reporter eine Pappbombe ins Schloss geschmuggelt. Die Royals fürchten sich. Das ist neu.

Windsor hat aufgehört, eine verschlafene Stadt mit 27000 Einwohnern zu sein und wird Schauplatz des Weltgeschehens. So viele Menschen mit Klemmbrettern hat man hier noch nicht gesehen. Die Kameramänner mit Akkus wie Tauchgewichten um die Hüften inspizieren seit Tagen die Lage, im Rinnstein entlang der Straßen werden die Kabelstränge immer dicker. Nur für wenige Wagen verschwinden die Poller vor dem Schloss im Kopfsteinpflaster. Dann fährt ein Wagen der „Teppichberater“ hinein oder ein Blumenlieferant oder ein Handwerker mit Leitern, immer längeren Leitern, als habe sich im Schloss Rapunzel verschanzt. Die Stadtführer halten ihre Reden jetzt vor Journalisten.

Bobbie Latter aus Windsor ist jahrelang als Fremdenführerin auf einem Hotelschiff den Rhein hinauf- und wieder hinuntergefahren, immer an der Loreley vorbei. Jahrelang war sie sich nicht sicher, was sie von der Verbindung von C und C denken soll. In ihrem Freundeskreis weiß das auch niemand. Dann hat sie sich an die Söhne gehalten. William und Harry, sagt sie, machten das ganz großartig. „Die sind so großzügig ihrem Vater gegenüber, da könnte man sich ein Beispiel dran nehmen – und leben und leben lassen.“ Eines stehe fest: dass die beiden sich lieben. Ist das nicht das Einzige, was zählt?

Doch die grinsende Öffentlichkeit hat sich darauf verlegt, dies als eine Hochzeit der Peinlichkeiten anzusehen. Zuerst kam der Termin zu früh an die Presse, dann durfte nicht im Schloss geheiratet werden, das Foto für die Briefmarke hat eine Küchenangestellte geschossen, die niemand je bezahlt hatte, Prinzessin Viktoria von Schweden sagte ab, weil sie eine Ikea-Filiale in Japan eröffnen muss. Und dann starb der Papst.

His Royal Highness zögerte, hielt an seinem Datum fest, verschob dann doch um einen Tag. Es hieß, Tony Blair konnte sich lange nicht entscheiden, welches die bessere Party sei. Hätten sie es bei Freitag belassen, es hätte ausgesehen, als hätten die Gäste zwischen Himmel und Hölle wählen sollen: auf der einen Seite der Papst, der Friedenskämpfer, gegen die Pille und Sex vor der Ehe, dort die zwei notorischen Ehebrecher. Die Queen hat immerhin durchgesetzt, dass die beiden in der Nacht vor der Hochzeit in getrennten Zimmern schlafen.

Mit Mister Bean haben die Royals das lustigste Gesicht Englands eingeladen, aber auch ohne ihn haben alle was zu lachen. „Stell Dir vor, Camilla sagt Nein…“, sagen die Leute auf den Straßen. Und das ist das Problem. Man kann die Monarchie beschimpfen, ihre Abschaffung fordern, aber wenn man über sie lacht, entzieht man ihr den Respekt. Ohne Respekt ist die Monarchie nicht mehr vorhanden.

Wenn die Queen nicht mehr weiß, was sie von etwas halten soll, sucht sie das Weite, sie geht hinaus in die Natur oder ein Pferd streicheln. Das geht in Windsor besser als in London. Windsor, das größte bewohnte Schloss der Welt, ist so etwas wie die Datscha der Queen, hier verbringt sie die meisten freien Wochenenden, sie ist zu Ostern hier, und wenn in Ascot ihre Pferde laufen. Hier war sie, als im Zweiten Weltkrieg auf London die Bomben fielen. Das Schloss ist seit 900 Jahren im königlichen Gebrauch, liegt zwar mitten im Ort, ist aber zur Verteidigung gebaut. Die Belagerer haben schon seit Mittwoch gegenüber im „Ye Hartes and Garter“ Stellung bezogen. Der Mann an der Rezeption, dessen Gesicht zusehends versteinert, sagt: „Das sind keine Zimmer mehr, das sind Studios.“

Man kann in solchen Zeiten nicht einfach beim Prinzen in Clarence House anrufen und fragen: Sagen Sie, ist das nicht ein Riesenproblem für die Logistik, wenn Sie alles einen Tag frisch halten müssen, wird da nicht die clotted cream schlecht? Das ist unter Niveau. „Wir beobachten das Weltgeschehen“, hieß es dort, als der Papst starb. Das Weltgeschehen verlangte, dass die Hochzeit um einen Tag verschoben wird. Essen gehört nicht zum Weltgeschehen.

Ohnehin hatte sich nur Charles zunächst ein großes Essen gewünscht. Jetzt gibt es ein kleines, weil Mama das so will, alle sitzen an einer langen Tafel. Und noch nie hat sich die Öffentlichkeit so wenig für das Essen einer königlichen Hochzeit interessiert. Sie will auch gar nicht wissen, dass die Braut einen Hut von Philip Treacy trägt und ein Kleid von zwei Londoner Designerinnen, bei denen ein Gewand schon ab 4000 Pfund zu haben ist. Es ist unwichtig geworden, dass ihr Friseur Hugh Green aus London zum Föhnen kommt, der Juwelier Wartski die Ringe schmiedet und die Flitterwochen im Vorgarten der Queen in Birkhall auf Balmoral verbracht werden.

Stattdessen werden Sendezeiten diskutiert: Damit die BBC nun sowohl die Hochzeit als auch das Rennen übertragen kann, lässt man die Pferde jetzt 25 Minuten später starten. Und endlich einmal freut sich jemand: Die Buchmacher haben sich schon ausgerechnet, dass in diesen 25 Minuten zweieinhalb Millionen Pfund zusätzlich in ihre Taschen fließen.

In Windsor tobt unterdessen die Schlacht um die Souvenirs. Dass das falsche Datum draufsteht, ist das eigentliche Verkaufsargument. Jetzt ist die ganze Schräglage dieser Hochzeit auf ewig in den Vitrinen der Engländer konserviert. Sobald die Nachricht raus war, wurden die Geschäfte überrannt. Die Leute kauften Geschirrtücher, Schürzen, Löffel, Mousepads. Es gilt die Logik der Philatelie: Fehldrucke sind mehr wert. Viele zweifeln nicht mehr, dass wir es hier mit der Blauen Mauritius unter den Hochzeitstassen zu tun haben. Am Dienstag waren alle Tassen im Tourist Office ausverkauft.

Bis zum Samstag wird in Windsor noch gnadenlos interviewt. Vor allem ältere Damen mit sorgfältiger Frisur und fleischfarbenen Nylonstrümpfen haben keine Chance, unbehelligt in ein Geschäft auf der High Street zu gelangen.

„Hello, Australia!“, der Mann im grauen Zylinder breitet die Arme aus und beugt sich in die Kamera, hinter ihm das Rathaus. Aber da rauscht ein Flugzeug über seinen Kopf hinweg. Konnte William der Eroberer 1066 ja nicht wissen, dass seine Festung einmal in der Einflugschneise zu Heathrow liegen würde. „Hello, Australia!“, brüllt der Moderator aufs Neue in die Kamera.

Es ist gut, schon einmal ein paar Konserven zu produzieren, so lange man die Guildhall noch sehen und die alten Damen noch interviewen kann. Am Samstag werden viele in den vollen Straßen nicht aus Windsor sein. Sir Tom Shebbeare, der sich für den Prinzen um dessen Spendentätigkeit kümmert, hatte die Idee, für den Straßenrand eine „freundliche Masse“ zu garantieren, indem er die Mitglieder befreundeter Hilfsorganisationen einlud. So würden weder die Gegner der Hochzeit noch Diana-Fans die Zeremonie stören können. Ein guter Plan.

Die Eingeladenen fühlten sich zunächst geehrt, was daran lag, dass sie erst spät begriffen haben, dass sie nur als lächelnder Straßensaum vorgesehen waren: „Leider wird es keine Verpflegung geben können und aus Sicherheitsgründen wird man eine gewisse Zeit draußen herumstehen müssen“, stand trocken in der Einladung. Muss man erwähnen, dass auch sie ein bisschen angesäuert sind?

Was würde Diana von all dem halten? Die Souvenirhändler sagen, Diana geht immer noch gut. Souvenirhändler haben keine Skrupel, sie stellen die Tassen und Teller nebeneinander. Am Tag der Hochzeit wird Diana auch auf eine Art da sein, aber niemand wird sie erkennen, denn sie hat die Gestalt eines Obdachlosen angenommen. Phil Ward ist seit Anfang der Woche mit seiner Schlafmatte in der Stadt. Diana hat ihn 1994 persönlich im Londoner Regent’s Park aus einem Teich gezogen. Seitdem hat er eine innere Bindung zur königlichen Familie. Diana, sagt er, hätte das hier wohl gutgeheißen.

Die Royals hoffen indes, weitere Peinlichkeiten zu vermeiden. Zara Philips, die Tochter von Prinzessin Anne, wurde schon verwarnt, als man hörte, sie wolle etwas Umwerfendes anziehen. Aber vermutlich wird ohnehin im „Ye Hartes and Garter“ eine Sicherung durchbrennen, die Welt ohne Bild dastehen und die Gesellschaft ganz unter sich sein. Und wenn sie nicht die Royals wären, könnten sie endlich selbst darüber lachen.

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