Zeitung Heute : Ein „Girl“ namens Maria

Sie tanzt, seit sie laufen kann, und sang mit 16 in der West Side Story. Ein Leben für die Musical-Karriere

Elke Niedringhaus-Haasper

Wer sich mit Maria Kempken verabreden möchte, braucht Geduld und Verständnis. Und einen langen Tag. „Niemals zwischen zehn Uhr morgens und zehn Uhr abends“, sagt die 20-Jährige und da bleibt sie unnachgiebig. Maria Kempken studiert Musical an der Universität der Künste, und dort hat der Tag zwölf Arbeitsstunden. Sechs mal in der Woche.

Sie tanzt, seitdem sie laufen kann. Mit drei Jahren wusste Maria Kempken, wie man sich auf metallbeschlagenen Steppschuhen bewegt, mit fünf Jahren bekam sie Ballettunterricht, später lernte sie noch andere Stilrichtungen der Tanzkunst: Modern Dance, Hip Hop und Jazz Dance. Maria Kempken ging in den Schulchor, in die Theatergruppe und in den Gesangkreis.

„Ich brauche das für mein Leben“, sagt die Studentin. Maria Kempken stammt aus Nürnberg. Dort wurde sie in eine vielseitige Künstlerfamilie hineingeboren. Die Mutter, eine Tanzlehrerin, brachte der jungen Maria die ersten Schritte und Bewegungen bei, der Opa, ein Schauspieler, machte sie neugierig auf das Theater. Als sie 16 war, machte sie an der Musical-Schule in Fürth mit der Winnie in „Annie Get Your Gun“ und der Maria in der „West Side Story“ den Anfang.

Doch dann kam die erste große Enttäuschung: Bei der Aufnahmeprüfung für eine Musical-Ausbildung in München bekam die optimistische junge Frau nach der zweiten Runde eine Absage: „Damals bin ich in ein Loch gefallen.“

Aber schon drei Wochen später singt und tanzt sie vor der Auswahljury des Studiengangs „Musical / Show“ an der UdK: „I feel pretty“ aus der West Side Story etwa oder „I don’t know how to love him“ aus Jesus Christ Superstar und „etwas Zusammengestückeltes mit einem eingebauten Tanzteil“. Damit kam die begeisterte Tänzerin bei der Berliner Jury an, und inzwischen lässt sich Maria Kempken hier im zweiten Studienjahr als Musicaldarstellerin ausbilden.

„Wir suchen Typen, nicht nur stromlinienförmige Darsteller“, beschreibt Dozent Rüdiger Bering die Anforderungen der Berliner Musicalmacher, „Sie dürfen auch dick, dünn und schräg sein.“

Dick und schräg ist Maria Kempken nicht. Dafür aber um so zufriedener. „Ich bin sehr glücklich, denn ich habe hier meine absolute Erfüllung gefunden“, strahlt sie und hält ihre silbernen Steppschuhe wie zwei Lottotreffer in die Höhe. Die absolute Erfüllung, das sind die Bühnenauftritte, die Produktionen, in denen die 20-Jährige praktisch arbeiten kann: die Collage „Showdogs“, in der sie kürzlich im Theatersaal der UdK in der Fasanenstraße auftrat, oder die Schlagerrevue „Fifty Fifty“, in der Maria Kempken noch bis Ende August als „Girl“ im Theaterzelt Tipi zu hören und zu sehen ist.

Die Auftritte entschädigen für die extreme Arbeitsbelastung, die Musical-Azubis an der UdK aushalten müssen. „Man merkt hier, wo die Grenzen des Körpers liegen, dass der Körper das Kapital ist und dass man mit ihm sehr sorgsam umgehen muss“, sagt die Studentin. „Das erste Jahr ist sehr hart, im zweiten Jahr hat man sich schon daran gewöhnt.“

Was sie tun würde, wenn sie einen Unfall hätte und nicht mehr auf die Bühne könnte? Einen kurzen Moment weicht das überzeugende Strahlen nachdenklicheren Gesichtszügen: „Geschichte interessiert mich noch“, sagt die Tänzerin. Wovon sie träumt? Da strahlt sie wieder: „Auf die Bühne, Hauptrollen spielen.“ Ihr größter Traum sei ein Musical-Film, sagt Maria Kempken. „Und der Broadway. Von dem träumt jede Tänzerin.“ Berufliche Zukunftssorgen brauchen sich die Musical-Studierenden der UdK kaum zu machen: Von den elf Absolventen, die dieses Jahr dort ihren Abschluss machen, haben bereits zehn jetzt schon ein Engagement“, erzählt Rüdiger Bering.

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