Zeitung Heute : Ein Glas am Gartentisch Wie Theodor Hänsch, Nobelpreisträger, feiert

Mirko Weber[Garching]

Ein Königreich für einen Pförtner, denn das Forschungsgelände Garching, raus auf dem Weg ins Münchner Moos, ist groß: 4000 Beschäftigte, 8000 Studenten. Finde einer hier die Quantenoptik! Aber da: Astrophysik, auch gut fürs Erste. Der Pförtner ist Sachse. Wo denn bitte der Professor Hänsch arbeite? „Kenn ich nicht, Hänsch“, kommt die Antwort. „Na, der gerade den Nobelpreis bekommen hat, Quantenoptik.“ „Quantenoptik“, sagt der Pförtner, „ja, das muss hier irgendwo sein. Aber Nobelpreise hammer viele.“

Es ist dann auch irgendwo, nämlich weiter hinten und rechts, ein kleiner Bau mit wildem Wein: MPQ, Max-Planck-Institut für Quantenoptik, Einsteinbild hinterm Eingang und „Rauchen ab 16 Uhr erlaubt“ in der Cafeteria, und da wird auch schon ein Stehtischchen ins Freie geschleift. Es ist jetzt zwei Stunden her, dass die Nachricht gekommen ist, Theodor Hänsch, 63, werde im Dezember den Nobelpreis erhalten. Soeben hat er in der Ludwig-Maximilians-Uni in der Stadt eine improvisierte Pressekonferenz abgehalten. Andererseits: So richtig herumgesprochen hat sich die Neuigkeit hier draußen bei seinen Forschern, wo er am liebsten ist, noch nicht. Ein bärtiger Mann mustert im Vorübergehen den Tisch mit den Gläsern für den kleinen Empfang: „Birthday?“, fragt er.

Das kleine Feierkomitee, das sich dann zusammenfindet, ist mit lauter Koryphäen in Polo und Pullunder besetzt. Professor Ferenc Kraus, Professor Karl-Ludwig Kompa, Professor Ignacio Cirac und Professor Herbert Walther vorneweg. Keine Kamera, kein Mikrofon, keine Girlande. Vermutlich hat es dem Geehrten gut getan, dass er in Garching buchstäblich im Verborgenen hat forschen können. Und da ist er ja auch schon, rollt heran im Daimler-Diesel, ein großer Mann in weißem Hemd und Anzugshose, immer noch oder schon wieder am Mobiltelefon, weil auf einmal natürlich die halbe Welt wissen will, was es eigentlich auf sich hat mit der Laserspektroskopie und der Quantenphysik ultrakalter Atome. Wenn man in die kleine gelehrte Runde hinein fragt, ob einem einer freundlicherweise das mal auf dem Niveau der „Sendung mit der Maus“ erklären könne, fängt die Sache zwar gut an, nämlich mit dem prinzipiell einfachen Aufbau des Wasserstoffatoms, verliert sich hernach jedoch wissenschaftlicherseits in Details.

Aber jetzt gibt es Fürst Metternich, einen winzigen Schluck, und Theodor Hänsch nimmt die Glückwünsche entgegen, die unter Forschern knapp, aber herzlich ausfallen. Dann muss er natürlich erzählen, wie es eigentlich so war um kurz vor zwölf Uhr am Mittag. Fazit: Luftsprünge hat Hänsch nicht gemacht, als der Nobel-Sekretär in der Leitung war. Er hätte weiter gearbeitet, wenn man ihn gelassen hätte, aber dann war „natürlich der Teufel los“. Hänsch, unter anderem bereits Träger des Otto-Hahn-Preises, ist froh, dass er um vier nach Berkeley fliegt, da werden sie ihn in Ruhe lassen. „Na ja“, sagt er, „wir müssen feiern, wenn ich zurück bin.“ Er tänzelt jetzt ein bisschen vor dem Stehtisch im Garten, wo die gelben Blätter über den Rasen laufen, „Hänsch schwebt immer über den Dingen“, sagt später eine Mitarbeiterin.

Was ihm aber schon aufgefallen sei, sagt Hänsch dann lachend: dass nicht nur der Präsident der Max-Planck-Gesellschaft, sondern auch der Rektor der Uni anwesend war, als er in München plötzlich im Rampenlicht stand: „Den kannte ich gar nicht. Der war noch nie da.“ „Vielleicht gibt das jetzt 20 Prozent Budgetförderung“, sagt einer. Dann muss Hänsch aber wirklich nach Amerika, die andern feiern alleine weiter. Der Metternich ist lang noch nicht leer, und da steht auch noch der Nymphenburger. „Den lassen wir stehen“, sagt Professor Cirac. „Den trinken wir beim nächsten Nobelpreis.“

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