Zeitung Heute : Ein Glas für alle Fälle

Norbert Thomma

Peter Steger hat den Stein der Weisen gefunden. Er hat das achte Weltwunder entdeckt. Er hat die eierlegende Wollmilchsau gezüchtet. Er hat... - ja was?

Wie soll man die sensationelle Bedeutung dessen erklären, was der Weinfachmann Steger da entwickelt hat? Vielleicht geht das am besten am Beispiel von Schuhen. Der normale Bestand eines Menschen sieht etwa so aus: Je ein Paar braune und schwarze Schuhe für den Alltag; ein Paar edlere für festliche Gelegenheiten; Hausschuhe sowieso; der Arzt hat zum Joggen geraten: Laufschuhe; weil ab und an der Berg ruft: Wanderstiefel; zur Fußpilzabwehr im Schwimmbad: Plastikschlappen; überlebenswichtig sind gefütterte Winterschuhe und Sandalen. Soweit die Grundausrüstung, ohne jede modische Variation. Macht neun Schuhpaare!

Nun kommt also ein Tüftler und ruft: Werft alle weg! Ihr benötigt nur noch einen einzigen Schuh! Der ist leicht, strapazierfähig, wasserabstoßend, wärmend, elegant uswusf. Und ich habe ihn!

So muss man sich den Auftritt von Peter Steger vorstellen, übertragen auf die Welt des Weins. Seine Botschaft lautet: Ein einziges Glas ersetzt alle anderen Gläser! Ob Champagner, Weiß- oder Rot- oder süße Dessertweine oder Grappa - jeder Stoff komme optimal zur Geltung im "One-for-all"-Glas (siehe Foto). Die Rede ist von langjährigen Versuchen, von 65 Modifikationen, von enormen Kosten. Und so sieht der Geniestreich aus: langer Stiel, der hohe Kelch unten bauchig und nach oben stark verjüngt.

Ach, Welt des Weins. Merkwürdige Kreaturen wandeln in dir. Sie testen Weine nach Jahrgängen, nach Lagen, nach Rebsorten, nach Kontinenten, zu verschiedenen Gerichten, mit 16 verschiedenen Gläsern... Sie erschnüffeln beim Degustieren nicht nur Aromen wie Brombeere und gekochte Quitte, sondern den Duft von "nassem Fuchs", "Damensattel nach scharfem Ritt" oder "Katzenpisse". Die Diskussion um das richtige Glas für einen reifen Zinfandel Rosé aus Kalifornien wird mit schärferem Ernst geführt als die Bundestagsdebatte um die Steuerreform.

Sind die gaga? Vorsicht mit dieser Bemerkung, sie geht zu weit. Denn selbst die gewöhnlich gut unterkühlte "Zeit" schreibt: "Das richtige Glas zu wählen, ist schwer und infolgedessen eine Wissenschaft." Sie wird in jenem Bericht "Glasologie" genannt.

Was muss es denn nun können, so ein Glas? Da sind sich die sonst streitbaren Geister ausnahmsweise einig. Es sollte...

durchsichtig sein. Keine bunten Verzierungen, keine schnörkeligen Gravuren. Denn Farbe und Klarheit des Weins geben Informationen etwa über sein Alter.

zart sein. Je dünner die Wand, desto besser. Das hat mit dem direkteren Kontakt beim Trinken zu tun und mit der Temperatur, die ein dickes Glas abgibt.

einen langen Stiel haben. Der Haltegriff bewahrt den Kelch vor Fingertapsern und den Wein vor Erwärmung; zudem ist die Hand beim Beschnuppern des Bouquets weiter von der Nase entfernt und stört nicht durch ihren Eigengeruch.

sauber sein. Reste von Spülmitteln oder Chlor veredeln nur Weine aus dem Tetrapack. In manchen Restaurants werden Gläser deshalb mit einem Schluck aus der Pulle ausgeschwenkt. Das sieht zwar affig aus, bringt ein Glas aber in die optimale Startposition.

Fehlt noch etwas? Nun ja, die Form. Groß, schlank, kugelig? Bei diesem Thema kommt Georg Riedel ins Spiel, Spross einer Tiroler Gläserdynastie. Er hat Gläser entwickelt für unterschiedliche Weingebiete, unterschiedliche Traubensorten, unterschiedliche Altersstufen und und und, ganze Serien an Gläsern. Auf die Schuhe übertragen würde Herr Riedel sagen: Sie brauchen nicht nur Badelatschen, Sie brauchen Badelatschen für den Sand am Mittelmeer, für die Steinküste der Bretagne, dazu Thermoschlappen für die Sauna uswusf... Da grinst sich Hugh Johnson eins und sagt: "Riedel ist sehr lustig, er ist ein großartiger Verkäufer. Wie reich er ist!"

Braucht Riesling einen Spoiler?

Das ist ein hübsches Beispiel für britischen Schalk. Denn Mister Johnson ist Engländer und der weltweit erfolgreichste Weinautor. Ein kenntnisreicher Provokateur. Ein einziges Glas genüge ihm im Alltag, erzählt er, ein Glas, geformt wie ein Ei. Glasologen werden da bordeauxrot vor Empörung.

Denn natürlich sind Form und Volumen eines Glases nicht unwichtig. Paula Bosch, Deutschlands bekannteste Sommelière, wählt zur Erklärung das Beispiel diverser Konfektionsgrößen. Wie würde Laetitia Casta im Hemd von Luciano Pavarotti wirken? Und wie Pavarotti im Minirock der Casta? Entsetzlich! Ebenso wenig passt ein wuchtiger Barolo ins schlanke Champagnerglas.

Das hat mit Riechen und Schmecken zu tun. Die Zunge erkennt die Geschmacksrichtungen süß, sauer, salzig und bitter in verschiedenen Regionen. Die Spitze der Zunge signalisiert süß, ihre Ränder sauer und salzig, den bitteren Geschmack spürt am Stärksten der hintere Teil der Zunge. Was die Chemie zwischen Menschen angeht, sagen Psychologen, entscheiden die ersten Sekunden über Sympathie und Ablehnung. Nicht weniger entscheidend ist der Primärkontakt beim Trinken: Wo gießt das Glas den Wein hin? Spezielle Gläser für jungen Riesling haben einen nach außen gekrümmten Spoiler. So trifft der Wein zuerst auf den vorderen Teil der Zunge und wirkt weniger säuerlich. Entsprechendes gilt für Rotweine, deren Gerbstoffe (Tannine) im hinteren Zungenbereich heftiger wahrgenommen werden.

Experten über "One-for-all"

Auch die Nase trinkt mit. Sie erschnüffelt Aromen. Weit geöffnete Gläser lassen diese rasch entweichen. Nach innen gebogene Wände halten die flüchtigen Aromen fest, die viel über Alter, Ausbau und Rebsorte verraten. Selbst die Distanz von Weinoberfläche zum Rand des Glases spielt eine Rolle. (Eingegossen wird nur bis zur weitesten Stelle des Glases! Volle Gläser lassen sich nicht schwenken.) Beispiel gefällig? Roter Burgunder (Pinot) fühlt sich wohl in einem Behälter, der geformt ist wie ein Goldfischglas. Roter Bordeaux gefällt in einem höheren Glas, was die Tannine etwas abmildert. Soweit herrscht Einigkeit unter den Fachleuten.

Nun ist bei dem kleinen Einmaleins von Wein & Glas die Creation des Berliners Peter Steger ein wenig aus dem Blick geraten. Paula Bosch hat das "One-for-all" mehrmals ausprobiert und nörgelt: "Ein frommer Wunsch. Unmöglich!" Dito Bernd Kreis. Der Stuttgarter wurde zu Europas bestem Sommelier gekürt und rätselt übers Universalgefäß: "Wie soll das gehn?" Als Standardausrüstung für zu Hause raten die beiden Experten, zwei verschiedene Gläser anzuschaffen: Eines für Weißwein (Chardonnay) kombiniert mit einem für roten Burgunder (Präferenz von B. Kreis) oder Bordeaux (P. Bosch).

Ein Tagesspiegel-Test des "One-for-all" ergab: Es ist ein anständiges Probierglas, der enge Kanal führt die Aromen konzentriert ins Näschen. Alkoholreiche Rotweine indes wirken eingepfercht wie ein Nilpferd in der Hundehütte. Augenfälliges Manko: Das Glas ist unabspülbar - der kleinen Öffnung wegen. Da passt kaum ein Daumen rein. Und wer daraus trinkt, stößt mit der Nase an den Rand und muss gymnastisch den Kopf nach hinten werfen. Das verteilt zwar den Wein rasch im gesamten Mundraum, verlangt aber auf Dauer eine Nackenmuskulatur wie beim Boxer Witali Klitschko. Welcher Normaltrinker hat die schon?

Könnte es sein, dass auch Peter Steger das alles nicht so ernst meint? Schon gibt es eine zweite Größe des "One-for-all", die so genannte "Magnum". Und demnächst? Ein One-for-alle-Weißburgunder? Ein One-for-alle-Chianti? Vielleicht hilft ja die Anekdote vom alten Baron Rothschild weiter. Ihm gehörten einige der teuersten Weinlagen der Welt, und er empfahl Weintrinkern: "Schlabbern - und runter damit." Von einem speziellen Glas hat Rothschild nichts gesagt.

Einkaufstipps

Das Glas von Peter Steger vertreibt die Wein Compagny. Unter 03329 / 60360 ist zu erfahren, welche Läden die Gläser anbieten (Preis etwa 7 Euro). Zu den besten Herstellern zählen die Firmen Riedel (0043 / 5372 64896), Spiegelau (08553 / 2400) und Schott (09922 / 980), deren Gläser viele Fachgeschäfte und Kaufhäuser führen. Die Preisunterschiede sind enorm! Wer ein günstiges Glas für den Alltag sucht, fragt nach Degustationsgläsern (oder: INAO-Gläsern); fast jede Firma hat eines im Programm. Diese kurzstiligen Gläser sind tulpenförmig und werden bei professionellen Weinproben verwendet. Sie kosten drei bis vier Euro.

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