Zeitung Heute : Ein Glas Wasser oder ein Glas Milch

Im KZ trafen sie sich wieder – ein Zufall. Anne Frank wäre heute 75. Eine Begegnung mit ihrer Freundin Hannah Pick-Goslar.

Antje Hildebrandt

Sie sah Anne Frank zum letzten Mal in einer eiseskalten Februarnacht vor beinahe 60 Jahren. Es war im Konzentrationslager Bergen-Belsen, ein Zufall, mit dem keine von beiden gerechnet hatte. Damals waren die beiden 15 Jahre alt, älter wurde nur Hannah Pick-Goslar. Weil ihre Freundin dieser Tage 75 geworden wäre, sitzt sie jetzt in einem Fauteuil des Hotels Savoy in Berlin-Charlottenburg, ein schwarzes Hütchen aus Bast auf dem Kopf, und lässt ihre Kindheit im Amsterdamer Exil Revue passieren – es ist ihr eine Mission, eine Verpflichtung.

Die guten haben die schlechten Bilder letztlich besiegt. Über das Bild eines gebrochenen, kahl geschorenen Mädchens hat sich in den Jahrzehnten das Bild von Anne mit vor Aufregung glühenden Wangen gelegt, einer Anne, die an ihrem 13. Geburtstag ungeduldig das Geschenkpapier aufreißt, – und zum Vorschein kommt ein rot kariertes Tagebuch.

Die beiden Mädchen kannten sich schon aus dem Kindergarten. Die schüchterne Hannah hätte zu gerne gewusst, was die ungestüme Anne in den Pausen in ihr Buch schrieb, immer hat sie so geheimnisvoll getan.

Hannah konnte nicht ahnen, dass sie in diesem Buch eine Anne entdecken würde, die ihr fremd war. Sehr ernst, sehr nachdenklich. Und dass dieses Tagebuch einmal das Vermächtnis ihrer besten Freundin werden würde. Mittlerweile hat es sich weltweit über 30 Millionen Mal verkauft. Das „Tagebuch der Anne Frank“ ist eines der meistgelesenen Bücher der Welt. „Wenn es dieses Buch nicht gäbe, säße ich heute nicht hier“, sagt Hannah Pick-Goslar.

Rahel, ihre zwölf Jahre jüngere Schwester, hat lange Zeit nicht verstanden, warum Hannah Pick-Goslar seit 1997 mindestens zweimal im Jahr von Jerusalem nach Deutschland fliegt. Die beiden Schwestern haben als Einzige ihrer Familie Bergen-Belsen überlebt. Sie haben erfahren, was den Unterschied zwischen Leben und Tod ausmachen kann – ein Glas Wasser oder ein Glas Milch.

Hannah Pick-Goslar hat den 75. Geburtstag von Anne Frank also in Deutschland gefeiert. Hier eine Gedenkveranstaltung, dort ein Talkshow-Auftritt. Dass es nicht zu staatstragend wurde, dass Annes Geist über allem schwebte, dafür hat Frau Pick-Goslar gesorgt. Man darf sie sich als kluge und warmherzige Frau vorstellen. Auch das Anne-Frank-Zentrum in Berlin hat sie eingeladen – es zeigt bisher unveröffentlichte Fotos, die Anne Franks Vater Otto von seinen Töchtern gemacht hat. Auf einem sieht man auch die kleine Hannah – Lesern des Tagebuches besser als klatschsüchtige, aber aufrichtige Hanneli bekannt. Aber es ist nicht nur die Verbundenheit mit der Freundin aus Kindertagen, die Pick-Goslar nach Berlin getrieben hat, zum wer-weiß-wie-vielten Mal. Das Tagebuch ist für sie auch eine Art Verpflichtung lange über den Tod ihrer Freundin Anne hinaus.

Manchmal geht das Leben merkwürdige Wege. Am 27. November 1943, die Familie Frank wähnte sich in ihrem Versteck in einem Amsterdamer Lagerhaus in Sicherheit, notierte Anne Frank in ihrem Tagebuch: „Gestern vor dem Einschlafen stand mir plötzlich Hanneli vor den Augen. Ich sah sie vor mir, in Lumpen gekleidet, mit einem eingefallenen Gesicht. Ihre Augen waren sehr groß, und sie sah mich so traurig und vorwurfsvoll an, dass ich in ihren Augen lesen konnte: ,O Anne, warum hast du mich verlassen? Hilf, o hilf mir.’“

Aber es sollte genau umgekehrt kommen. Nicht Hannah sollte um Hilfe betteln, sondern Anne. Ihre Familie war verraten und nach Auschwitz deportiert worden, dann nach Bergen-Belsen. Monatelang hatten die beiden Mädchen beinahe nebeneinander gelebt, ohne voneinander zu wissen – Anne und ihre Schwester Margot in einem Zeltlager, und Hanneli und Rahel in einer Barackensiedlung.

Doch Hannah und Rahel hatten einen Vorteil: Ein Onkel in der Schweiz hatte ihnen Pässe aus Paraguay besorgt. Als potenzielle Austauschhäftlinge für deutsche Kriegsgefangene bekamen sie gelegentlich Lebensmittelpakete. Hannah PickGoslar erinnert sich noch genau, wie sie Anne ihr letztes Paket über den Stacheldrahtzaun zuwarf, der das Zeltlager von der Barackensiedlung trennte. Knäckebrot und Trockenpflaumen. Es war auch ihre letzte Begegnung. Einige Tage später war Anne tot. Eines von sechs Millionen jüdischen Opfern des Hitler-Regimes.

„Warum sie – und nicht ich?“ So beginnt Hannah Pick-Goslar, wenn sie als Zeitzeugin vor deutschen Schulklassen spricht. Als orthodoxe Jüdin fühlte sich die ehemalige Krankenschwester und elffache Großmutter verpflichtet, in dieser Mission auch nach Deutschland zurückzukehren. „Von Auschwitz wollen die meisten nichts hören, aber für das kleine Mädchen und sein Tagebuch interessieren sich alle.“

Doch jetzt fühlt sie sich alt und müde. Vielleicht war der 75. Geburtstag der Freundin die letzte Gelegenheit, nach Berlin zu kommen, in die Stadt, wo sich ihr Vater einst als Pressechef für das preußische Kabinett verdingte, bevor die Familie 1933 vor den Nazis nach Holland floh. Bislang ist sie meistens auf Kosten der brandenburgischen Landesregierung gereist, doch der Etat für Zeitzeugen wurde jüngst gestrichen. Von nun an werden die Schüler wohl mit ihrem Buch vorlieb nehmen müssen, 1997 hat die Journalistin Alison Leslie Gold die Erinnerungen von Anne Franks Freundin protokolliert.

„Schade“, sagt die Dame. Und sie erzählt, wie es ihr jedesmal kalt über den Rücken gelaufen ist, wenn sie auf ihrer Tour durch brandenburgische Kleinstädte kahl rasierten Jungen mit Springerstiefeln begegnet ist. Und wie sie einmal mit einem Schulleiter in Frankfurt/Oder aneinander geriet, weil der drei dieser Jungen aus dem Unterricht entfernte. „Gerade mit denen wollte ich doch sprechen.“

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