Zeitung Heute : Ein Gott, der Mammon heißet

Der Tagesspiegel

Von Anatol Schneider

Die westlichen Industriegesellschaften, die sich gerne als durch und durch säkulare Veranstaltungen begreifen, haben nach dem 11. September die Religion als Motivationsgrundlage menschlichen Handelns wiederentdeckt. Das ist bemerkenswert – immerhin galt Religion über Jahre hinweg allenfalls als Nischenphänomen. Seit sich der industrielle Westen jedoch in Gestalt des Islam einer religiösen Herausforderung gegenüber sieht, könnte die Frage, wie es denn um die religiöse Dimension der westlichen Kultur steht, neuen Auftrieb erhalten. Oder anders gesagt: Ist nicht auch der Kapitalismus ein religiöser Kult, der nun – nach der Überwindung der politischen Herausforderungen – auch von konfessioneller Seite nicht mehr unwidersprochen bleibt?

Die Vermutung jedenfalls, es bestehe ein enger Zusammenhang zwischen Geld und Gott, zwischen kapitalistischer Kultur und religiösem Kult ist keineswegs neu. Sie begleitet den Kapitalismus seit seinen Anfängen. Es gibt kaum einen Theoretiker der durchmonetarisierten Gesellschaft, der nicht auf diese verschwiegene Verbindung hingewiesen hätte. Schon Martin Luther hat bei seiner Erläuterung der Formel „Du sollst nicht andere Götter haben“ wohl nicht aufs Geratewohl zuallererst das folgende Beispiel gewählt: „Es ist mancher, der meinet, er habe Gott und alles genug, wenn er Geld und Gut hat; er verlässt und brüstet sich darauf so steif und sicher, dass er auf niemand etwas gibt. Siehe: dieser hat auch einen Gott, der heißet Mammon, das ist Geld und Gut, darauf er sein Herz setzet, welches auch der allergewöhnlichste Abgott auf Erden ist.“

Wo dein Schatz ist

Eindringlich beschreibt Luther die Situation des Menschen in der neuen kapitalistischen Welt. Und er empfiehlt dem Reichen wie dem Abgebrannten, ihr Herz im Sinne des Evangelisten Matthäus zu erforschen, bei dem es heißt: „Sammelt keine Schätze auf Erden. Denn wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz.“ So erschien Luther Geld als Abgott, als irdische Pervertierung des wahren Gottes.

Doch wie kommt der Vergleich eigentlich zustande? Geld besitzt die besondere Eigenschaft, keine Eigenschaften zu besitzen. Und genau dies erlaubt es ihm, jedes beliebige qualitative Ding in einen bestimmten Geldwert zu übersetzen. Karl Marx erklärte hierzu einmal süffisant, die Waren- und Geldzirkulation sei „die große gesellschaftliche Retorte, worin alles hineinfliegt, um als Geldkristall wieder herauszukommen. Dieser Alchemie widerstehen nicht einmal Heiligenknochen.“ Die Heiligenknochen, von denen Marx spricht, sind ein gutes Beispiel für die Unbeschränktheit der Herrschaft des Geldes. Je mehr Geld also – befreit von Standes- und Pietätsrücksichten – zum ultimativen Ausdruck eines jeglichen Dinges und zum Zweck aller Bestrebungen wird, um so mehr verdrängt es in der modernen Gesellschaft Gott aus seiner omnipotenten Rolle.

Und zuletzt liegt im Geld das Heil, das der Mensch sucht und bei dem alle Sorgen gestillt sind. So meinen selbst Theologen wie Falk Wagner, das geldbestimmte Bewusstsein habe „der Sache nach als ein religiöses Bewusstsein zu gelten, ohne es in seinem faktischen Selbstverständnis zu sein.“

Der Philosoph und Kulturkritiker Walter Benjamin ist dieser Spur gefolgt. Er hat den Kapitalismus als den „ersten Fall eines nicht entsühnenden, sondern verschuldenden Kultus“ beschrieben. Während alle anderen Religionssysteme den Menschen von einer wie immer imaginären Schuld zu befreien suchten, so akkumuliere der Kapitalismus Schuld. Tatsächlich zeigt die Bedeutung des Kreditwesens, der ein wesentlicher Motor des ökonomischen Wachstums ist, die Berechtigung von Benjamins Vermutung. Dennoch: Der Kapitalismus eine Religion? Das Geld ein Gott, der den christlichen aus dem Feld geschlagen hat? Auch in der Architektonik der Banken des 19. Jahrhunderts hat sich diese Parallele niederschlagen. Veritable Tempel des Geldes, verbergen sie ihr Allerheiligstes in stahlarmierten Sakristeien. Jede Finanzaktion hat den Charakter einer liturgischen Handlung. Und die heilige Scheu der als Kundenstamm vereinigten Laienbrüder vor der Priesterschaft der ehemals in Deutschland so genannten „Bankbeamten“ spiegelte noch vor nicht allzu ferner Zeit deren Nähe zum Sakrosanten.

Ungläubig ist, wer Bankrott macht

Möchte man den Kapitalismus also als religiösen Kult begreifen, so könnte das Sichreiben des Islam an den westlichen Industriegesellschaften auch als konfessionelle Streitigkeit angesehen werden. Gerade dann sollte man jedoch nicht den pazifizierenden Charakter des Geldes unterschlagen. So scheint es nur an der Oberfläche so zu sein, schrieb der Philosoph Hans Blumenberg, als würde die Humanität gewinnen, wenn das Geld verliere. In Wahrheit gelte, dass man etwas Humanes veräußern müsse, wo für Geld nicht alles zu haben sei. Es scheint, als würden alle um die wahre Religion ausgetragenen Konflikte auch hierfür ein Beispiel abgegeben. Jedenfalls beobachtete Voltaire an der Londoner Börse des 18. Jahrhunderts Juden, Muslime und Christen einander so einträchtig behandeln, „als gehörten sie zur selben Religion, wobei sie nur den einen Ungläubigen nannten, der Bankrott machte“.

Dies ist der letzte Beitrag in unserer Serie zur Philosophie des Geldes.

Bereits erschienen: Der Wert des Geldes (28. März); Geld und Zeit (3. April)

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