Zeitung Heute : Ein Grandhotel kämpft ums Überleben

Nicolas Sarkozy zechte an der Bar, George W. Bush bekam nachts plötzlich Hunger. Das war beim G-8-Gipfel im Jahr 2007. Damals schaute die Welt auf Heiligendamm. Doch dann begann der Abstieg. Letztes Jahr ging es pleite, und vom Geld der neuen Käufer fehlt bisher jede Spur.

Das waren noch Zeiten. Gruppenbild mit Kanzlerin vor dem Grandhotel Heiligendamm beim Gipfel 2007. Foto: AFP
Das waren noch Zeiten. Gruppenbild mit Kanzlerin vor dem Grandhotel Heiligendamm beim Gipfel 2007. Foto: AFPFoto: AFP

Der Concierge fasst sich kurz an die Hutkrempe und fragt dann höflich nach dem Grund des Besuchs. Beim Stichwort „Restaurant“ hellt sich sein Gesicht auf. Nur die Frage mit dem Auto müsse noch geklärt werden. „Wir fahren Ihren Wagen gern in die Garage oder auf den Parkplatz“, sagt der Mann in der schwarzen Uniform. „Sie können aber auch auf dem öffentlichen Platz an der Straße parken.“ Der Preis macht den Unterschied. Doch über Geld wird an diesem Platz nicht gesprochen. Im Hotelprospekt heißt es, der Parkservice koste pro Nacht 25 Euro. Ein läppischer Betrag angesichts von mindestens 240 Euro für das Doppelzimmer oder 750 Euro für die Seesuite in der Burg Hohenzollern, 59 Euro für die Halbpension oder 35 Euro für den Hund. Das Grandhotel Heiligendamm an der Ostsee ist nach wie vor eine noble Adresse. Daran haben auch die Pleite von Eigentümer Arno August Jagdfeld vor über einem Jahr und das vergebliche Warten des Insolvenzverwalters auf 30 Millionen Euro durch die von ihm ausgesuchten Käufer aus Berlin nichts geändert.

„Mit der Auslastung können wir zufrieden sein“, sagt denn auch Insolvenzverwalter Jürgen Zumbaum. Die liege in diesen Tagen bei gut 80 Prozent. Doch die wenigen Sommerwochen reichen offenbar nicht aus. Im Winter verlieren sich in der „Weißen Stadt am Meer“, wie es in den Werbebroschüren heißt, so wenige Menschen, dass die 180 Zimmer und Suiten nur zu gut einem Zehntel belegt sind.

An fehlendem Luxus kann es jedenfalls nicht liegen. Den Ballsaal krönen kristallene Lüster, die Ausstattung der Zimmer entspricht hohen Ansprüchen, das Gourmet-Restaurant „Friedrich Franz“ und die Nelson-Bar erhalten von Kritikern stets Bestnoten. Dazu kommt die Lage direkt an der See. „Hier schlafen Sie mit Meeresrauschen“, verspricht der derzeitige Hoteldirektor Tim Hansen. Wer wolle, könne sich beim Yoga sogar auf der Dachterrasse des 3000 Quadratmeter großen Wellnessbereichs entspannen. Dennoch sieht es um das vor zehn Jahren eröffnete Luxusensemble nicht gut aus.

Direkt an der Küste und auch im knapp 300 Einwohner zählenden Heiligendamm, das schon immer vom Rathaus im sechs Kilometer entfernten Bad Doberan verwaltet wird, äußern sich nicht wenige Menschen voller Skepsis. Gerüchte von einer „baldigen Schließung“ machen ebenso die Runde wie die von einer Umwandlung der wuchtigen Hotelgebäude in Eigentumswohnungen.

Der Insolvenzverwalter bleibt angesichts der prekären Lage betont ruhig. Jörg Zumbaum aus dem fernen Düren kennt man in der Branche vor allem als erfolgreichen Sanierer von Industrieanlagen. Ein Hotel mit 240 Beschäftigten – vor einem Jahr waren es noch 60 mehr – funktioniert aber schon wegen der Saisonschwankungen etwas anders. Deshalb musste der 69-Jährige in den letzten Monaten öfter als gedacht an die Küste rasen, um vor allem den Mitarbeitern neue Entwicklungen zu verkünden. Sein Gesicht mit dem Schnauzbart und den grau melierten Haaren dürfte in Mecklenburg-Vorpommern inzwischen zu den bekanntesten Köpfen gehören. Denn die regionalen Zeitungen und das NDR-Fernsehen kleben förmlich an seinen Lippen. „Wenn es irgendwelche Neuigkeiten oder Spekulationen gibt, sind wir da“, erzählt ein Kollege der Nachrichtenagentur dpa in Rostock. „Heiligendamm interessiert einfach, ist doch das Flaggschiff.“ Schließlich spielt der Tourismus in Mecklenburg-Vorpommern eine besondere Rolle. „Jeder dritte Arbeitsplatz hängt bei uns von ihm ab“, sagt Wirtschaftsminister Harry Glawe. „Heiligendamm ist der Ursprung dieser Erfolgsgeschichte.“

Dafür stehen vor allem zwei Namen: Herzog Friedrich Franz I. von Mecklenburg-Schwerin und Anno August Jagdfeld. Ersterer ließ sich 1793 vom Rostocker Universitätsprofessor Samuel Gottlieb Vogel dazu überreden, doch ein Bad in der Ostsee zu wagen. Das Seewasser würde seine Schmerzen lindern. Der Herzog fand Gefallen an der Abkühlung, obwohl der steinige Strand keinem Vergleich mit dem feinen Sand in der Nachbarschaft standhielt. Aber aufs Baden kam es dem Badearzt Vogel gar nicht allein an. „Nur ein Drittel der Gäste“, rechnete er seiner Majestät vor, „suchen wirklich Heilung im Wasser.“ Im Vordergrund sollten Treffen der Geschäftsleute und die Erholung in der Landschaft stehen. Schon die Anreise von der herzoglichen Sommerresidenz in Bad Doberan zum „Heiligen Damm“ sei eine „Quelle des Genusses“, schwärmte Vogel. Heute dampft die Kleinbahn „Molli“ parallel zur zauberhaften Allee ins kleine Heiligendamm und weiter ins viel größere Kühlungsborn.

Nach und nach entstanden an der Ostsee klassizistische Bauten und Villen für die Familie des Herzogs und seine Staatsgäste. Das Kurhaus von 1816 mutet mit seinen Säulen wie ein griechischer Tempel an. Baden und Amüsieren sollen sich die Gäste bis heute. Sie wohnen im 1912 erbauten Grandhotel, in der verspielt wirkenden Burg Hohenzollern, im Haus Mecklenburg oder im Palais Severin. Die Villen in der Nachbarschaft verfallen dagegen zusehends, sie taugen höchstens noch als Filmkulisse.

Gern erzählt der umtriebige Anno August Jagdfeld die Geschichte, wie er auf Heiligendamm aufmerksam wurde. „Ein Freund hat mich zu einer Bootstour auf der Ostsee überredet, und dann sind wir an Heiligendamm vorbeigefahren“, erinnert sich der Geschäftsmann aus Aachen. „So etwas muss man einfach retten.“ Das war 1996, als die ursprünglich weißen Häuser eher grau erschienen. Im „Bad der Werktätigen“, wie der Ort nach der Ära als „Kraft-durch-Freude“-Bad in den 30er Jahren, Seekadettenschule, Heereslazarett, Flüchtlingsunterkunft und sowjetische Garnison genannt worden war, reichte die Farbe nur noch für sporadische Erneuerungen. Nach dem Auszug der letzten Ferien- und Sanatoriumsgäste Anfang der 90er Jahre setzte der Verfall ein, bis Jagdfeld seinen Worten auf dem Schiff Taten folgen ließ.

Mithilfe von rund 1900 Anlegern, die mindestens 25 000 D-Mark in einen Fonds einzahlten, und 100 Millionen D-Mark Fördergeld machte er das Grandhotel wieder zum Schmuckstück und kaufte mit 520 Hektar Land praktisch ganz Heiligendamm. Mit dem G-8-Gipfel im Juni 2007 schien er den Höhepunkt seines Wirkens erreicht zu haben. Fernsehkameras schickten die „Weiße Stadt“ in alle Welt. Bis heute wissen die Hotelangestellten, wo Angela Merkel, George Bush oder Tony Blair geschlafen haben. Doch nur die älteren können sich noch an Episoden von der vermeintlichen Magenverstimmung des US-Präsidenten nach dem Abendessen und dessen Verlangen nach einem Schnitzel mitten in der Nacht erinnern. Auch der lange Abend der französischen Delegation um Nicolas Sarkozy an der Bar ist längst vergessen. Selbst der extra lange Strandkorb, in denen die mächtigsten Politiker der Welt für die Kameras posierten, findet sich nur noch im Fotoarchiv.

„Vielleicht hat der Gipfel dem Hotel sogar geschadet“, meint ein Mittfünfziger am Strandkiosk des Hotels außerhalb des Zaunes. „Ich bin mit meiner Familie gleich ein Jahr nach dem Politikerauflauf hier gewesen und war ein wenig enttäuscht. Denn statt des damals gezeigten prallen Lebens geht es hier doch ziemlich ruhig zu.“ Inzwischen gehört er zu den wenigen Stammgästen des Hotels und schätzt gerade das, was er anfangs vermisste: die Stille und Abgeschiedenheit. Längst hat sich die Kempinski AG nach Streitereien um die Ausrichtung des Hotels aus dem Management verabschiedet. Vergessen ist auch die Zeit, als bei Tchibo Übernachtungen zum Schleuderpreis angeboten wurden und sich die Hotelgäste zum Frühstück plötzlich bunt durchmischt am Buffet drängelten.

Tatsächlich aber fällt heute der Blick vom kleinen Kiosk an der Seebrücke auf eine ziemlich leere Promenade. Vielleicht würden sich hier mehr Menschen aufhalten, wenn sie bei der jungen Frau hinter dem Tresen neben Kaffee und Eis auch mal ein Glas Sekt oder ein kleines Bier kaufen könnten. Aber die Behörden im nahen Bad Doberan halten sich streng ans Gesetz, das ein insolventes Unternehmen von vornherein als „unzuverlässig“ einschätzt. Deshalb dürfe der Kiosk eben auch keinen Alkohol ausschenken.

Auch sonst fällt Heiligendamm aus dem Rahmen. Es gibt keine Shoppingmeile, kein Kurkonzert, keinen Jachthafen, keine Fahrgastschiffe und nach der Schließung des einst so beliebten italienischen Restaurants „Medinis“ am Strand kaum Einkehrmöglichkeiten außerhalb des Hotels. Selbst die einst scharenweise einzeln angereisten oder mit Busunternehmen herangekarrten Neugierigen gibt es nicht mehr. Rund 5000 waren es nach der Hoteleröffnung an einem einzigen Wochenende.

Diese „Gaffer“ hatte Jagdfeld einst als einen Grund für die schwache Auslastung des Hotels angesehen. Die Gäste hätten sich daran gestört, dass fremde Menschen durch die Fensterscheiben oder auf die Teller des Restaurants vor dem Kurhaus schauen würden. Bis heute ist das Hotelgelände eingezäunt. Damit kappte der Investor auch den kurzen Weg vom „Molli“-Bahnhof zur Seebrücke. Genau einen Kilometer ist der Umweg durch den Wald zur Seebrücke lang, der direkte Weg übers Hotelgelände wäre 700 Meter kürzer. „Das ist ein unhaltbarer Zustand“, empört sich der parteilose Bürgermeister von Bad Doberan, Thorsten Semrau. „Wir wollen den kurzen Stichweg, davon hängt das Klima in Heiligendamm ab.“

Der Streit um den Weg blockiert die Restaurierung der verfallenen Villen und das von Jagdfeld geplante Neubaugebiet mit 150 Häusern. Er erhält keine Baugenehmigung und darf keine Parkplätze einrichten. Deshalb setzte Bürgermeister Semrau nun große Hoffungen auf die neuen Käufer, die gegen einen Stichweg übers Gelände keine Einwände vorbrachten. Doch ob die vom Insolvenzverwalter unter mehr als 100 Interessenten ausgewählten Firmen Palladio AG und D & D GmbH aus Berlin tatsächlich die 30 Millionen Euro für den Kauf des Grandhotels aufbringen, ist mehr als fraglich.

Noch lässt sich Jörg Zumbaum nichts von der inneren Anspannung anmerken. Ursprünglich wollte er seinen Platz schon am 1. Juli räumen. „Vielleicht“, so hofft er, „handelt es sich nur ein Missverständnis über die Zahlungsmodalitäten.“ Er warte noch einige Tage. Doch je mehr Zeit verstreicht, desto größer werden die Zweifel an der Seriosität der beiden Berliner Unternehmen. Schon machen neue Gerüchte die Runde, wonach die Käufer nur das Hotel zerschlagen und die Häuser einzeln lukrativ verkaufen wollten.

Aufklärung könnte die Palladio AG geben, doch Geschäftsführer Michael Stehr steht für ein Gespräch nicht zur Verfügung. Auf der Pressekonferenz zur Verkündung des Kaufvertrages im noblen Pianosaal des Grandhotels hatte er sich Ende Mai dagegen noch sehr optimistisch gezeigt. „Hinter uns stehen Geldgeber aus der Türkei, genauer gesagt aus Istanbul“, sagte der Mann, dessen Firma mehrere Neubauprojekte in Berlin betreut. „Wir wollen das Hotel auf dem Niveau eines Fünf-Sterne-Hauses fortführen“, verkündete Michael Stehr damals. „Es bleibt ein Luxusresort ohne Busgesellschaften“, versicherte er. Dafür stellte er sogar den von vielen Gästen vermissten überdachten Gang zum Schwimmbad in Aussicht. Auch die Wiedereröffnung der derzeit geschlossenen Orangerie wolle er prüfen.

Doch vieles spricht dafür, dass jetzt die Suche nach einem Käufer des Grandhotels wieder von vorn beginnt. Vielleicht fällt es sogar in die Hände von Jagdfeld zurück. Heiligendamm bleibt ein ungewöhnlicher und spannender Ort zugleich.

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