Zeitung Heute : Ein Großbuchstabe für China

Sie haben Klötzchen genommen und damit Modelle des höchsten Hauses der Welt gebastelt. Es sieht aus wie ein L – und könnte vielleicht sogar gebaut werden

Christine-Felice Röhrs

Es ist Freitag, der Architekt Siegfried Wernik packt für China. Nicht Hemden oder Strümpfe. Er packt nicht, was er mitnehmen will, sondern was er mitbringen soll. Dokumente. Baupläne, Statistiken, Kostenrechnungen, und der Stapel wächst und wächst. Was die Chinesen alles haben wollen! Sogar Nachweise darüber, dass die Firma wirklich existiert, Lebensläufe der Mitarbeiter, Kopien der Personalausweise, die Diplomzeugnisse. Als hätten er und seine zwei Kollegen nicht seit 15 Jahren quer durch die Republik Häuser und Hallen gebaut. Es muss alles vorliegen, wenn am Mittwoch die Verhandlungen beginnen. Am Ende steht – vielleicht – eine Unterschrift unter einem Vertrag. Dem wichtigsten ihrer Karriere vermutlich.

Monatelang hatten die drei Berliner Architekten Hilde Léon, Konrad Wohlhage und Siegfried Wernik mit Malstiften und Styroporklötzchen den höchsten Turm der Welt erschaffen und oben einen Draht reingesteckt, als Antenne. 660 Meter hoch wäre dieser Turm, würde er gebaut, viel höher als der berühmte Taipeh 101 in Taiwan mit seinen 508 Metern, er würde im Süden Chinas stehen, in Guangzhou. Und er hätte eine sehr besondere Form: die eines großen, eines Mega-L. In der Senkrechten der Turm. Und auf dem Boden, wie sein Schlagschatten, ein 700 Meter langer Fuß. So lang, so riesig, dass sogar das Riesenrad, das aus diesem Bodenbalken des L herausragen würde, sich ausnähme wie ein Apostroph.

Es ist nämlich so, dass Guangzhou gern einen neuen Fernsehturm hätte. Aber einen besonderen, nicht nur einen Spargel mit Knubbel. So hatte die Stadtplanungsbehörde am 23. April 2004 einen Wettbewerb ausgerufen. Für Architekten sind Wettbewerbe, was für andere Menschen Anrufe sind. Man macht sie halt und schaut, ob etwas dabei herauskommt. Ein Preis vielleicht, vielleicht sogar ein Auftrag. Oder eben nichts. Also schickten die Berliner ein schick gebundenes Buch los, mit ihrer Idee vom L-förmigen Turm.

Und dann kamen Léon, Wohlhage und Wernik mit ihrem Mega-L auf die Liste der Besten. Was schon eine Riesenehre ist. Dann bekamen sie auch noch einen von drei ersten Preisen. Was sich jetzt ein bisschen lapidar anhört. Die Geschichte ist aber noch nicht zu Ende. Denn das Spannendste passiert – vielleicht – noch: Kriegen die Erstplatzierten auch noch den Bauauftrag? Damit Ruhm? Und eine gute Chance auf noch mehr Aufträge in der Weltliga? Oder entscheiden sich die Chinesen am Ende doch für eine andere Variante?

Und dann zittert dieses Fax aus der Maschine. „Mittwoch, 15. September, Guangzhou, Vertragsverhandlungen!“

Das Dumme ist nur: Die Chinesen verhandeln nicht nur mit den Berlinern. Sie verhandeln mit allen drei Preisträgern gleichzeitig. Es werden harte fünf Tage, ab Mittwoch, 15. September.

Das Büro Léon Wohlhage Wernik residiert in einem ehemaligen Umspannwerk an der Leibnizstraße in Berlin-Charlottenburg. Sehr modern, sehr schick. Der Pförtner mit der modischen Frisur wirkt, als säße er in der Freizeit auf Deck der eigenen Yacht. Hilde Léon und Siegfried Wernik dagegen sehen aus wie Universitätsdozenten. Sie warten im Konferenzzimmer ihres Büros, das eine einzige Unordnungsorgie ist, mit Plänen und Skizzen und Modellen und einer Menge sehr junger Angestellter.

Wernik, Jahrgang 1953, trägt schwarze Jeans und ein knittriges weißes Hemd, Léon, genauso alt, Latschen. Sie lachen viel. Sie sind bescheiden. Sie sagen, ihr Büro läge im Mittelfeld in Deutschland, naja, vielleicht im oberen. Dabei haben sie gerade in Berlin schon einige von der Architekturkritik gut besprochene Häuser gebaut, immer sehr gradlinig, modern, licht. Manche waren klein, wie bei der Eigenheimsiedlung in Biesdorf: toskanisch-rote Kuben, individuelle kleine Festungen gegen das Mittelmaß. Manche waren auch größer, wie die Indische Botschaft am Tiergartenrand oder die Bremer Landesvertretung gleich in der Nähe.

Aber der Turm, der wäre etwas Besonderes. Nicht nur für die drei. Für deutsche Architekten generell, die international eher selten erste Preise gewinnen. Hilde Léon sagt, sie habe, als die Einladung zu den Verhandlungen kam, erst einmal gedacht: „Hoffentlich halten wir das durch.“ Hilde Léon ist die Skeptikerin im Team.

Für Wettbewerbe erfinden Architekten viel, was niemals Wirklichkeit werden wird, und sie müssen es so detailliert erfinden, dass es zum Schluss in ihren Gedanken, auf dem Papier und in Modellen wie real ist. Es ist, wie ein Kind geboren zu haben. Sie wissen, wie schwer es ist und wie groß es wird, ob hell oder dunkel, düster oder fröhlich. Wieder loszulassen, wenn der Wettbewerb vorbei ist und das Baby dann doch nicht leben wird, ist normalerweise schwer. Nur bei diesem Projekt… „Da ist es irgendwie ambivalent“, sagt Siegfried Wernik. „Einerseits ist der Gedanke scharf, das höchste Gebäude der Welt zu bauen.“ Andererseits: „Es ist das erste Mal, dass wir in solche Regionen vorstoßen.“

Wernik hat ein kleines Kind, ein Kollege hat schon gewitzelt: Das siehst du erst wieder, wenn’s eingeschult wird.

Seit der Preisvergabe geht es in den Köpfen der drei hin und her wie beim Ping-Pong, ein ständiges Einerseits-Andererseits. Einerseits haben sie sich noch tiefer ins Projekt gestürzt, um schnell die Zehn-Seiten-Liste mit Detailnachfragen zu beantworten, die die Chinesen dem Preis hinterhergeschickt hatten. Andererseits die Zweifel. Vor ein paar Tagen las Hilde Léon eine Meldung in der Zeitung „The Straits Times“ aus Singapur, in der stand, dass für Peking geplante Projekte der internationalen Architektenstars Herzog&de Meuron sowie von Rem Koolhaas – das Olympiastadion und das Hochhaus für einen Fernsehsender – doch nicht gebaut werden. Einerseits wäre es gut vorstellbar, dass die Chinesen den tollen Turm von Guangzhou 2008, im Jahr der Olympischen Spiele von Peking, gern vorzeigen würden. Andererseits scheinen sie sich zu überlegen, wie teuer das alles noch werden darf.

Der Turm der Berliner wäre der teuerste der drei Entwürfe. Denn innen gäbe es nicht nur den Fahrstuhl bis zur Aussichtsplattform in 450 Metern Höhe, sondern auch noch einzelne Stationen – wie Nester in die Konstruktion gehängte Stockwerke – die sich für Ausstellungen, Konferenzen oder Shows nutzen ließen. Und sogar die Außenhülle wäre nicht einfach eine Außenhülle, sondern würde aus Millionen von Glasfaserkabeln bestehen, die sich als riesiger Videobildschirm bespielen ließen.

Eine Menge Leute haben für dieses Projekt mittlerweile ihre Terminpläne umgeworfen. Die Ingenieure zum Beispiel, mit denen Tragwerk und Energietechnik des Turms geplant wurden, denn die müssen mit zu den Verhandlungen nach Guangzhou, aber auch der Kostenexperte, der Vertragsexperte und der Projektmanager („Sind die auch so high?“, fragt Léon grinsend, Wernik nickt). Wie viele Chinesen den Deutschen dann gegenübersitzen, weiß er noch nicht. Er weiß nur, dass es lang dauern wird. Am Mittwoch und Donnerstag sind morgens und mittags die anderen Preisträger dran, Franzosen und Engländer, und schließlich die Berliner. Dann hat jeder Preisträger einen Tag lang für sich, um die Chinesen zu überzeugen.

So schlecht stünden die Chancen nicht, sagt Wernik. Deutsche hätten in China irgendwie einen Bonus. „Was Ausländer so in Deutschen sehen, das ist nicht so weit entfernt von dem, was sie auch in Chinesen sehen.“ Dann geht er weiterpacken.

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