Zeitung Heute : Ein großer Kabarettist hat die Bühne verlassen

Der Tagesspiegel

Von Bernd Matthies

Ein ernster, formstrenger Gottesdienst, ein trauriger Abschied von einem der letzten Urberliner, von Wolfgang Gruner. Bachs d-moll-Toccata zu Beginn, Bachs d-moll-Fuge zum Schluss, dazwischen Puccini, Mendelssohn - Getragenes für einen, von dem die Öffentlicheit nur die eine, lustige Seite kannte. „Er war eine Krawalltüte, wie ich ja auch eine bin, auf der Bühne“, sagte Brigitte Mira am Rande der Feier, „im Leben sind wir gar nicht so laut.“ Viele Gäste stellten Vergleiche an mit der extravaganten Trauerfeier für Hildegard Knef wenige Wochen zuvor. Diese hier war familiärer, berlinischer, nicht zuletzt deshalb, weil gleich zwei konträre Politiker Reden hielten: Klaus Wowereit als offizieller Vertreter der Stadt, sein Vorgänger Eberhard Diepgen als persönlicher Freund der Familie.

Der Tote sah zu, von einem großen Foto in Schwarz-Weiß, mit dem typischen Rollkragenpullover, den Kopf über die Schulter geneigt, freundlich, nachsichtig, ein wenig sarkastisch auch. Viele Blumen um das Porträt herum, gelb und weiß und rot, daneben zwei Fernsehkameras für die Direktübertragung. Gemeindepfarrerin Sylvia von Kekulé, kraft Amtes zuständig für viele große Trauerfeiern von Prominenten, füllte für die Öffentlichkeit einige biographische Lücken aus, sprach nicht nur von dem großherzigen, humorvollen Berliner Original, sondern von zu viel Alkohol, von einem, der auch ungerecht und verletzend sein konnte und seiner Familie wohl nicht immer nur als sanftmütiger Vater begegnete. Sie sprach auch von einem, der sich viel für kirchliche Belange einsetzte und dann doch - „ein Rätsel“ - aus der Kirche austrat.

Die Pfarrerin entwickelte ihre Predigt entlang der Rolle Gruners als Tod im „Jedermann“, einer Rolle, die er oft in der Gedächtniskirche gespielt hat. „Er gab unserer Angst und Wut Ausdruck, damit wir nicht an unserer Ohnmacht erstickten“, sagte sie zu seiner Arbeit im politischen Kabarett. „Der Kabarettist verlässt die Bühne, und alle sind noch einmal dabei“, sagte sie mit Blick auf die gut gefüllte Kirche, „ein ausverkauftes Haus, so hätte er sich das wohl gewünscht.“

Eberhard Diepgen wandte sich in seiner Trauerrede direkt an Gruner, den er „Lieber Wolfgang“ nannte. Er erinnerte an Menschlichkeit und Zuverlässigkeit, an einen, der etwas bewegen wollte und auf der Bühne als spontaner Improvisator brillierte, einen, der immer Partei nahm und doch nie parteiisch war, außer, wenn es um Fußball ging: Nicht zufällig trug einer der größten Blumensträuße vor dem Altar eine violette Schleife von Tennnis Borussia; andere Blumen und Kränze kamen von den „Stachelschweinen“ („Wir lieben dir janz“) und von der Berliner Stadtreinigung, die von Gruners Wirken als „Otto Schruppke“ profitiert hat.

Wowereit, der anders als sein Vorgänger Diepgen Gruner persönlich wohl nur von dessen 75. Geburtstagsfeier im vergangenen Jahr kannte, blieb distanzierter, förmlicher. Er sprach von einer lebenden Legende, von einem der beliebtesten und bekanntesten Kabarettisten der Bundesrepublik. „Wolfgang Gruner war die Stimme unserer Stadt. Wir werden sie vermissen.“

In der ersten Reihe saß Bundespräsident Johannes Rau, in seiner Nähe Gruners Witwe Eva mit den beiden Töchtern, der ehemalige Regierende Klaus Schütz, die „Stachelschweine“ der ersten Stunde wie Inge Wolffberg, Jochen Schröder und Rolf Ulrich sowie die Schauspielerkollegen und Weggefährten Brigitte Mira, Friedrich Schoenfelder, Peer Schmidt und Wolfgang Völz. Günter Pfitzmann konnte wegen einer Erkrankung nicht teilnehmen.

Die anschließende Trauerfeier fand am jetzigen Spielort der „Stachelschweine“ im Europa-Center statt, nicht weit entfernt von Gruners langjähriger Wirkungsstätte, dem „Burgkeller“ in der Rankestraße. Die Beisetzung Gruners findet auf seinen Wunsch im engsten Familienkreis statt.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben