Zeitung Heute : Ein Gütesiegel soll sittenwidrige Inhalte im Netz aufspüren

Gunter Becker

"Sex sells" nicht immer. Im September berichtete "Stern TV", dass Werbebanner großer deutscher Unternehmen im Umfeld kin-rpornographischer Websites gesichtet wor-den seien. Direkt betroffen waren die Postbank, die Bank 24 und Volkswagen. Recherchen des Branchendienstes Horizont ergaben, dass die Agenturen der drei Firmen Werbeschaltungen bei Online-Vermarktern in Auftrag gegeben hatten und später ihre Banner zu ihrer Bestürzung auf (kinder)pornographischen Seiten wiederentdeckt hatten. Ist das nur Schlamperei oder gezielte Manipulation?

Branchenkenner vermuteten, dass den Agenturen hohe Reichweiten für ihre Kampagnen verkauft worden waren, die dann auf stark frequentierten aber inhaltlich fragwürdigen Websites erreicht werden sollten. In anderen Fällen waren Banner und dahinterliegende Links ganz umstandslos auf fremde Webseiten entführt worden, um Provisionen für Publikumskontakte zu kassieren: ein klarer Fall von "Banner-Kidnapping". Der Skandal versetzte die Branche in Alarmstimmung. Markenartikler drohten mit Kündigungen. Rolf Dielenschneider, Leiter Marktkommunikation bei VW, stellte klar: "VW wird ab sofort Schaltungen von Bannern nur noch in einem klar kontrollierbaren redaktionellen Umfeld unternehmen. Sollte das nicht möglich sein, werden wir auf Banner-Werbung verzichten."

Nach einer Umfrage der Fachzeitschrift werben & verkaufen und der FOCUS Medialine plädierten 66 % der Befragten für eine stärkere Kontrolle werbetragender Websites. Die Vermarktungagentur Werbung im Netz GmbH versucht mit einer "Clean-Content"-Initiative verlorene Glaubwürdigkeit zurückerobern. "Wir wollen verhindern, dass Banner auf non-clean-content geschaltet werden," sagt Werbung im Netz-Sprecher Bernd Roos, "und wir versuchen der werbetreibenden Wirtschaft zuzusichern, dass wir ihre Aufträge genau ausführen."

Erste Aktivitäten der CleanContent-Kampagne sind eine Website , ein bisher wenig frequentiertes Forum und ein "Runder Tisch" zum Thema. Nach den Vorstellungen der Agentur sollen zukünftig Sites, die zur Beschaltung geeignet sind, mit einem "CleanContent"-Gütesiegel gekennzeichnet werden. Zu diesem Zweck will die Firma, zusammen mit der Online Anbietervereinigung e.V. und der Kinderporno-Suchsoftware PERKEO einen sogenannten CleanContent-Crawler entwickeln, ein Programm das "sittenwidrige" Inhalte im Netz aufspüren soll. Roos: "In erster Linie werden wir diesen Crawler über die von uns vermarkteten Angebote laufen lassen. Er soll aber auch anderen zur Verfügung gestellt werden." Aber wer definiert die Parameter für solch eine Software und legt somit fest, welche Website als sittenwidrig zu gelten hat? Klaus Arnhold, Fachmann für Online-Promotion, sieht die Clean-Content-Kampagne mit gemischten Gefühlen: "Gegen die Sicherstellung von Qualitätsstandards ist grundsätzlich nichts einzuwenden. Sich aber als Sittenpolizei aufzuspielen erscheint mir übertrieben. Arnhold sieht auch keine Notwendigkeit für aufwendige Softwareinstallationen für Online-Werber.

Aufgrund einer Liste mit nur solchen Adressen, auf denen die Schaltung gewollt ist, könne dann per Software entschieden werden, ob das Banner ausgeliefert wird oder nicht. Arnhold ist sich sicher: "Der notwendige programmiertechnische Aufwand ist minimal und dürfte sich auf ein paar Zeilen Code beschränken."

Im November will sich die Branche auf Einladung des Deutschen Multimedia Verbandes an einem Runden Tisch versammeln, um den Banner-Skandal zu bewerten und über mögliche Schutzmechanismen zu beraten. Vielleicht wäre ja ganz schnell zu klären, ob solche Ereignisse nicht zukünftig einfach durch seriöseres und zuverlässigeres Geschäftsgebaren zu vermeiden sind.

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