Zeitung Heute : Ein gutes Bild abgeben

Am Sonntagabend treffen Kanzlerin Angela Merkel und ihr Herausforderer Frank-Walter Steinmeier beim einzigen Fernsehduell dieses Wahlkampfs aufeinander. Wie haben sie sich vorbereitet, und was ist davon zu erwarten?

Stephan Haselberger Sonja Pohlmann

Kanzlerin und Kanzlerkandidat verbindet an diesem Samstag eine außergewöhnliche Zurückhaltung. Zwei Wochen vor dem Wahltag haben Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier alle öffentlichen Auftritte aus ihren Terminkalendern gestrichen. Statt auf Parteikundgebungen um Stimmen zu werben, bereiten sich Amtsinhaberin und Herausforderer mit ihren jeweiligen Beratern auf eine Wahlkampfveranstaltung der besonderen Art vor: Im Studio B in Adlershof treten die Kontrahenten am Sonntagabend um 20.30 Uhr vor einem Millionenpublikum zum einzigen Fernsehduell in diesem Bundestagswahlkampf an. Die 90- minütige Diskussion wird von zwei Moderatorenpaaren geleitet und von ARD, ZDF, RTL und Sat 1 zeitgleich übertragen. Ein heftiger Schlagabtausch ist nicht zu erwarten – weder Merkel noch Steinmeier sind als Hitzköpfe bekannt.


Wie wichtig kann das Duell für die Entscheidung der Wähler werden?

Sehr wichtig oder eher unbedeutend – beides ist möglich. Relevant für den Wahlausgang wird die TV-Debatte der Großkoalitionäre Merkel und Steinmeier vor allem dann, wenn es einer von beiden schafft, ein Thema für die restlichen zwei Wahlkampfwochen zu setzen. Genau das gelang Gerhard Schröder vor vier Jahren. In der Fernsehdiskussion mit Merkel machte der damalige Bundeskanzler die Steuerkonzepte der Union und ihres Experten Paul Kirchhof vor knapp 21 Millionen Zuschauern zum beherrschenden Gegenstand der Auseinandersetzung und verschaffte sich so erheblichen Rückenwind für seine Aufholjagd. Indem Schröder die Pläne des „Professors aus Heidelberg“ zum Anschlag auf die soziale Gerechtigkeit an sich stilisierte, konnte er die eigene Anhängerschaft mobilisieren und unentschlossene Wähler auf seine Seite ziehen, ohne im Lager der Union für eine große Gegenmobilisierung zu sorgen.

Nur geringe Auswirkungen haben TV- Duelle, wenn die Kontrahenten „lediglich die eigenen Anhänger in ihren Absichten bestätigen und die Unentschlossenen nicht erreichen“, sagt der Kommunikationswissenschaftler Frank Brettschneider von der Universität Hohenheim, der sich seit Mitte der 80er Jahre mit der Materie beschäftigt. Die TV-Diskussion zwischen Steinmeier und Merkel werde wahrscheinlich keinen großen Einfluss auf die Entscheidung der Wähler haben, sagt Brettschneider voraus. „Bei diesem Duell führt die Regierung im Prinzip ein Selbstgespräch.“



Was kann Steinmeier tun, um gegen Favoritin Merkel zu punkten?

Bis zum Ende der Woche war kein Thema erkennbar, mit dem der Herausforderer nach schröderschem Vorbild zur Aufholjagd blasen könnte. Amtsinhaberin Merkel hat vorsichtshalber jeden Reformeifer abgelegt und bietet deshalb wenig Angriffsfläche. Als Regierungschefin kann sie die Erfolge der großen Koalition außerdem weitgehend für sich verbuchen. Denkbare Versuche Steinmeiers, die Urheberschaft von Projekten wie der Abwrackprämie getreu dem Motto des Ricola-Männchens aus der Bonbon- Werbung –„Wer hat’s erfunden?“ –, offen für sich zu reklamieren, bergen für die SPD die Gefahr der Selbstverzwergung. Riskant sind auch direkte Attacken auf die populäre Kanzlerin. Sie können bumerangartig auf den Angreifer zurückfallen, wie SPD-Chef Franz Müntefering erlebt hat.

Steinmeier dürfte sich deshalb die FDP und deren Programmatik vornehmen. Merkels Wunschkoalitionspartner ist aus Sicht der Genossen der ideale Prügelknabe, weil er aus seinen Reformplänen – Privatisierung der Krankenversicherung, Einschränkung des Kündigungsschutzes – keinen Hehl macht. Für Steinmeier wird es vor allem darum gehen, Merkel als heimliche Komplizin von FDP-Chef Guido Westerwelle beim Abbau des Sozialstaats dastehen zu lassen. Zudem könnte er versuchen, Merkel in der Frage des Atomausstiegs in die Defensive zu drängen. Ob das aber ausreichen kann, um aus der großen Gruppe der Unentschlossenen – Umfragen zufolge haben sich bis zu 40 Prozent noch nicht entschieden – SPD-Wähler in nennenswerter Zahl zu gewinnen, ist nach Einschätzung Brettschneiders fraglich.


Welche Rolle spielen Äußerlichkeiten?

Welche Kleidung die Kontrahenten tragen oder welche Frisur, ob sie Grimassen schneiden oder nicht, wird laut Brettschneider „gnadenlos überschätzt“ und ist „in der Wahlkabine völlig irrelevant“. Wäre es anders, hätte einer wie Helmut Kohl niemals Bundeskanzler werden können, sagt der Hohenheimer Kommunikationswissenschaftler. Von Bedeutung ist aber, ob Äußerlichkeiten den Erwartungen der Zuschauer an eine gute Amtsführung widersprechen und negative Eindrücke bestärken. Letztlich geht es darum, wem mehr Führungsstärke und Sachkompetenz zugeschrieben wird. Und so kann ein schwitzender Kandidat etwaige Zweifel an seiner Eignung bestätigen.


Nach welchen Regeln läuft das Duell ab?

Die Kandidaten dürfen nicht einfach loslegen, sondern müssen sich an feste Vorgaben halten, die vorab zwischen ihren Beratern und den Sendern ausgehandelt wurden. Mehrere Themenkomplexe stehen zur Diskussion, zu Beginn eines neuen Komplexes wird je eine Einstiegsfrage an die Kandidaten gestellt. Danach haben die Moderatorenpaare Maybrit Illner (ZDF) und Peter Kloeppel (RTL) sowie Frank Plasberg (ARD) und Peter Limbourg (Sat 1) die Möglichkeit, nachzuhaken.

Pro Antwort hat jeder Kombattant 90 Sekunden Zeit – und sollte tunlichst darauf achten, diese nicht zu überschreiten. Denn die Redezeitkonten werden für die Zuschauer regelmäßig eingeblendet und nach 30, 60, 75 und 90 Minuten von den Moderatoren direkt angesprochen. Am Ende der Sendung darf der Unterschied der Redezeiten nicht mehr als eine Minute betragen.

Zum Schluss des Duells werden die beiden Kandidaten ein Statement von 90 Sekunden abgeben. Weil Herausforderer Steinmeier die erste Frage beantworten darf, bekommt Kanzlerin Merkel das letzte Wort. Ein Maskottchen dürfen sich die beiden übrigens nicht mitbringen – denn abgesehen von Stift und Papier sind auf den Pulten keine weiteren Requisiten erlaubt.


Wer entscheidet darüber, welcher der Kontrahenten das Duell gewonnen hat?

Wichtig ist nicht nur das Urteil der Zuschauer, die die Sendung gesehen haben und deren Meinung die Umfrageinstitute noch am selben Abend ermitteln wollen. Eine wohl ebenso große Rolle spielt die Bewertung in der Berichterstattung der Medien. Vertreter von Union und SPD werden deshalb noch während der Sendung hinter den Kulissen versuchen, die Darstellung zu ihren Gunsten zu beeinflussen. Steinmeiers Gehilfen haben dabei einen kleinen Vorteil. Die Erwartungen der Zuschauer an den SPD-Kanzlerkandidaten sind Umfragen zufolge nicht besonders hoch. Übertrifft der Herausforderer sie, hat er schon dazugewonnen.

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