Zeitung Heute : Ein gutes Gewissen haben

Wie eine Mutter Berlin mal entfliehen kann

Sigrid Kneist

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Mike Wolff

Wir haben jetzt ein großes Mädchen. Ein Indikator dafür ist, dass Charlotte inzwischen eine richtige Zockerin ist. Wenn wir die Karten zücken, dann sind nicht mehr nur so Kindereien wie Schwarzer Peter oder Uno angesagt. Inzwischen geht es gut zur Sache. Wir spielen Rommé. Ich hatte bei diesem Spiel früher alte-Tanten-Runden vor Augen, bis mir ein einschlägig erfahrener Freund sagte, dass man bei kaum einem anderen Spiel mehr Geld gewinnen – oder verlieren – kann. Der pekuniäre Aspekt ist Charlotte bisher nicht bekannt. Zum Glück. Sonst würde sie bestimmt versuchen, ihr Taschengeld auf diese Weise zu mehren. Sollte ihr dabei das nötige Kartenglück fehlen, könnte bestimmt ein kleines Weinerchen unsere elterlichen Herzen so weit erweichen, dass wir unsere Siegchancen nicht nutzen. So lange es nur um den Spaß geht, setzt Charlotte solche Mittel nur selten ein. Meistens setzt sie ihr Pokerface auf und überrascht uns dann kalt lächelnd mit einem Hand-Rommé.

Wer so zocken kann, haben wir uns gedacht, ist alt genug, um auf einen Pony-Hof zu fahren. Das hat Charlotte mit Freude gemacht. Und uns damit ganz ungewohnte Freiheiten beschert. Wissen Sie was? Wir haben diese völlig ungeniert ausgekostet und hatten überhaupt kein schlechtes Gewissen. Kaum war das Kind am Stadtrand mit glänzenden Augen in den Bus gestiegen und abgefahren, kam uns die Idee zu einem kleinen Weekend-Trip in trauter Zweisamkeit. Nur kurz plagten Bedenken, ob wir denn im Notfall schnell genug für unser Kind zu erreichen sind. Aber wir hatten doch auf dem Anmeldebogen x-verschiedene Festnetz- und Handy-Nummern angegeben. Außerdem – was sollte denn schon passieren? Wir wollten nicht schwarzsehen, sondern unserer Tochter eine wunderschöne Woche wünschen.

Nach einem kurzen Zwischenstopp zu Hause, um Zahnbürste, Badezeug und ein paar Klamotten einzupacken, waren wir schon auf der Autobahn Richtung Norden und nach knapp drei Stunden am Ziel: in Warnemünde. Einfach so, ganz spontan. Mit Kind hätten wir das – zumal in der Hauptsaison – nicht gemacht. Da wissen wir vorher gerne, wo wir des Nachts ruhen werden. Aber so war’s uns egal. Obwohl der ganze Ort toooootal ausgebucht gewesen sein sollte und uns ein Empfangschef mit den Worten „Spontan aus Berlin? Ist ein bisschen blöd“ zur Hotelsuche nach Wismar schicken wollte, hatten wir ganz schnell Glück. In einem Haus direkt an der Strandpromenade, nicht weit weg vom Leuchtturm und den vielen kleinen Restaurants am Wasser, gab es noch genau ein Zimmer. Für uns ideal. Wir genossen Meer, Strand, Schiffe gucken, Bummeln, Essen gehen, Cocktails trinken. Bis in die Nacht. Kleine Fluchten sind was Wunderbares.

Der Ausflug an die Ostsee war so schön, dass wir ihn in den nächsten Wochen bestimmt wiederholen werden. Der Sommer soll sich angeblich halten. Dann kommt Charlotte aber mit, wir müssen doch mal wieder eine ordentliche Partie Rommé spielen. Das macht zu zweit ja wenig Spaß.

Ein Hotelverzeichnis von Warnemünde für weniger spontane Besuche kann man im Internet unter www.warnemuende.de bestellen.

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