Zeitung Heute : Ein gutes Jahr in Deutschland

Enkel von NS-Opfern studieren zwei Semester lang in Berlin

Juliane Mittelstaedt

Erstmals hat die Humboldt-Universität in diesem Semester 30 Stipendiaten aus Mittel- und Osteuropa, den GUS-Staaten, Israel und den USA eingeladen, die ein ganz spezielles Verhältnis zu Deutschland haben: Ihre Eltern oder Großeltern sind Opfer des Nationalsozialismus. Die Enkel kommen nun für ein Jahr nach Berlin. „Wir wollen den Stipendiaten die Auseinandersetzung mit dem heutigen Deutschland und mit ihrer schmerzhaften Familiengeschichte erleichtern“, erklärte die Vizepräsidentin für Internationales und Öffentlichkeit, Anne-Barbara Ischinger.

Die Stipendiaten werden zwei Semester in Berlin studieren. 21 sind zu Gast an der HU, die anderen an der FU, an der TU, der UdK und der Fachhochschule für Wirtschaft. Begleitet wird das Studium von verschiedenen Veranstaltungen, welche die Stipendiaten nach Weimar, ins Jüdische Museum, in die Gedenkstätte Deutscher Widerstand und ins Haus der Wannseekonferenz führen werden.

Entstanden ist das Programm aus einer Idee der „Kommilitonen von 1933“, von ehemaligen Studierenden, die nach der Machtübernahme Hitlers von der Berliner Universität vertrieben wurden. Sie hatten sich bei einem Treffen an ihrer alten Uni 2001 gewünscht, auch die Enkelgeneration der Opfer von damals in die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit einzubeziehen. Ermöglicht hat das Stipendienprogramm die Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ mit 943 000 Euro. Innerhalb von drei Jahren können mit dieser Unterstützung 90 Studierende ein Jahr in Berlin studieren und Deutschland kennen lernen.

Die größte Gruppe der diesjährigen Stipendiaten stammt mit 13 Studierenden aus Polen. Agnieszka Pasieka, die in Posen Deutsch studiert hat, sieht das Stipendium als „absolute Chance“. Sie will hier mit ihrer Doktorarbeit beginnen. Die 21-jährige Anna Machinska wird ihr BWL-Studium an der Fachhochschule für Wirtschaft fortsetzen. Beide Stipendiatinnen haben sich schon früh mit der deutschen Vergangenheit auseinander gesetzt. Anna Machinskas Urgroßvater starb im österreichischen Mauthausen, der Großvater von Agnieszka Pasieka war Zwangsarbeiter. Auch für Doron Oberhand aus Israel hat Deutschland eine ganz besondere Bedeutung. „Ich glaube, ich konnte das Wort ,Holocaust’ gleich nach ,Mama’ und ,Papa’ sagen“, erinnert sich der angehende Historiker. Deutschland interessiere ihn sehr, sagt Doron Oberhand. „Und für mich ist es so natürlich, dass ich hierher zurückkommen kann.“

Informationen im Internet:

www2.hu-berlin.de/aia/stud_ausl/evz.htm; www.hu-berlin.de /ehemalige

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