Zeitung Heute : Ein Händler der Ideen

Auf der Suche nach Jacob Taubes und seinen Verbindungen zu den Intellektuellen seiner Zeit

Jerry Muller

Historiker schreiben Bücher, weil sie ein Problem lösen wollen. Mein erstes Buch schrieb ich, um die Frage zu beantworten, warum sich einige der hellsten Köpfe der Weimarer Republik von totalitären Lösungen für Probleme der Moderne angezogen fühlten und wie ihre Erfahrung vom Nazideutschland ihre Ansichten beeinflusste. Meinem zweiten Buch lag die Frage zugrunde, was die scheinbar disparaten Bücher Adam Smiths verband. Im Fall meines aktuellen Buchs, einer Biografie des Philosophen Jacob Taubes (1923-1987), mache ich mich auf, um die Frage zu beantworten: „Wer war der Mann und warum haben sich so unterschiedliche Intellektuelle auf drei Kontinenten und quer durchs politische Spektrum für ihn interessiert?“

Das Projekt begann ganz unerwartet. Ich arbeitete gerade an einem Langzeitprojekt über die Schnittstelle zwischen Religion und Politikkritik sowie Kulturkritik im modernen Europa. Einer derjenigen, die der zentralen Bedeutung dieses Problems Aufmerksamkeit verschafft hatten, war Leo Strauss, vor allem in seinen frühen Büchern über Spinoza, Hobbes und Maimonides. Ende 2003 traf ich Irving Kristol und seine Frau, Gertrude Himmelfarb, zwei der einflussreichsten neokonservativen Intellektuellen. Da Maimonides im Vortrag zur Sprache gekommen war, fragte ich sie nach einem Seminar von Jacob Taubes über Maimonides, das sie etwa 45 Jahre zuvor zusammen besucht hatten.

Kristols und Himmelfarbs Reaktion auf meine Frage erstaunte mich nicht wenig. Die Gesichter der damals fast Achtzigjährigen leuchteten bei der Erwähnung Jacob Taubes auf. Irving behauptete mit Nachdruck, Taubes sei „charismatisch“ gewesen, der einzige wirklich charismatische Intellektuelle, den er je gekannt habe – und das von einem Mann, der in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhundert mit sehr vielen Intellektuellen persönlich bekannt gewesen war. „Er konnte auch dämonisch sein“, fügte Kristol hinzu.

1987 war ich dem Namen Taubes auch schon begegnet, als er ein schmales Buch über den deutschen rechtsradikalen Intellektuellen Carl Schmitt veröffentlichte. Es handelte sich um eine Verteidigung Schmitts, geschrieben von einem Mann, der sich selbst als Juden und Linken identifizierte. Daher war Taubes mir ein Rätsel – allerdings keines, dem ich intellektuelle Aufmerksamkeit widmete.

Mein Interesse war geweckt: Wer war dieser „charismatische Intellektuelle“, und was bedeutete „charismatischer Intellektueller“ überhaupt? Und dämonisch?

Kurz darauf traf ich bei einer Versammlung in Washington über T.W. Adorno Norman Birnbaum, einen weiteren Intellektuellen, unwesentlich jünger als die Kristols. Seine Interessen und Bekanntenkreise hatten sich mit denen der Kristols überschnitten, doch er war und blieb seit langem ein Linker. Ich fragte ihn, ob er irgendetwas über Taubes wisse. Ja, in der Tat: Er hatte Taubes Mitte der 1950er kennen gelernt. Taubes hatte einige Jahre lang an der Columbia University unterrichtet, wo manche ihm mit Misstrauen begegneten und andere ihn als Scharlatan betrachteten. In den späten 1960ern war Birnbaum Taubes an der Freien Universität Berlin wieder begegnet, wo dieser sich stark in der Neuen Linken engagierte. Seine zweite Frau, Margerita von Brentano, war eine linksgerichtete Professorin an der FU. Bei den riesigen Teach-Ins an der FU standen Taubes und Brentano 1967 mit Herbert Marcuse und Rudi Dutschke auf der Bühne.

Die Geschichte schien mir immer interessanter zu werden. Ich las einige der Essays, die Taubes veröffentlicht hatte und fand in fast jedem Einsichten und Erhellendes. Ich begann, Menschen zu interviewen, die Taubes gekannt hatten. Taubes war eine Persönlichkeit von ungewöhnlicher Statur. Er schien einen sehr ungewöhnlichen Typen zu repräsentieren: den Antinomiker, der sich zum großen Teil aus einem Widerspruch zum Gesetz definiert. Außerdem hatte sich Taubes im Lauf seines Lebens durch eine bemerkenswerte Anzahl von intellektuellen Kontexten bewegt. Taubes stammte aus einer osteuropäischen Familie von Rabbinern und Gelehrten, doch sein Vater war in den Westen gezogen, nach Wien und später nach Zürich, wo er Hauptrabbiner war und an modernistischen Bewegungen wie der Entwicklung der Wissenschaft des Judentums und der religiösen Zionistenbewegung (Mizrachi) teilgenommen hatte. Jacob hatte nicht nur an einer traditionellen Yeshiva-Schule studiert, sondern auch bei zwei führenden protestantischen und katholischen Theologen des 20. Jahrhunderts, Karl Barth und Hans Urs von Balthasar. In den späten 1940ern verbrachte er zwei Jahre als post-graduate Student am Jewish Theological Seminary in New York, wo viele Spannungen und Dilemmata der Anpassung des Judentums an die Grundsätze modernen Denkens und amerikanischer Kultur zum Ausbruch kamen. In New York arbeitete er auch bei Leo Strauss und lernte viele der deutschen Intellektuellen der Emigration kennen, unter anderem Hannah Arendt (die bei seiner Hochzeit anwesend war) und Paul Tillich. Dann studierte er zwei Jahre an der Hebrew University bei Gershom Scholem, einer weiteren zentralen Figur der deutschen Emigration. Dort rangen Taubes und andere Intellektuelle mit den theologischen Implikationen des Holocaust und des neuen Staates Israel. Von 1953 bis 1955 war er in Harvard, wo er seine eigene antinomische Version der westlichen Geistesgeschichte lehrte und sich mit Herbert Marcuse anfreundete. Von 1956 bis in die frühen 1960er lehrte Taubes an der neu gegründeten Fakultät für Religion der Columbia University. Von den frühen 1960ern bis zu seinem Tod 1987 lehrte er an der Freien Universität als Inhaber des ersten Lehrstuhls für Jüdische Studien in Deutschland und als Leiter des Instituts für Hermeneutik, welches ein Magnet für angesagte Intellektuelle aus dem Ausland von Andre Kojeve bis Jacques Derrida wurde. Taubes hatte sowohl bei der Radikalisierung der Universität als auch bei ihrer Entradikalisierung seine Hand im Spiel.

Taubes betätigte sich oft als Ideenhändler, indem er Ideen in einem nationalen, religiösen oder disziplinären Kontext auftat und sie in einem anderen ausstreute. Ich fand heraus, dass Taubes zu den Intellektuellen gehörte, die ihren Einfluss weniger durch ihre Schriften (die recht mager waren) ausübten, sondern durch persönlichen Kontakt und Gespräche.

Es ist eine Herausforderung, über Taubes zu schreiben. Seine Ideen und die verschiedenen Kontexte zu erklären, in denen er sich bewegte, ist der leichte Teil. Schwieriger ist es, einen Mann zu begreifen, den manche, die ihn kannten, als genial beschreiben – und als Scharlatan. Als Juden in einem spirituellen Konflikt - und als wandelnde Karikatur des antisemitischen Stereotyps vom verschwörerischen, intriganten Juden. Als den stimulierendsten Intellektuellen, den manche je getroffen hatten und als den bösartigsten für andere. Und dann ist da die Frage der Beziehung zwischen Biologie und Charakter. Mitte der 1970er wurde Taubes wegen manischer Depression behandelt, und einiges belegt, dass er Symptome dieser Krankheit vor und mit Sicherheit nach der Behandlung hatte. Biologische Einflüsse auf die Persönlichkeit zu ignorieren, wäre eine Form von selbst auferlegter methodologischer Blindheit. Doch wie viel Gewicht darf man ihnen einräumen? So stellt das Schreiben über Taubes den Biografen und Geistsgeschichtler vor eine außerordentliche Herausforderung. Doch womöglich wird die Ausbeute entsprechend sein. Wenn nicht, kann man wohl immer noch den Neokonservativen die Schuld in die Schuhe schieben.

Der Autor ist Professor für Geschichte an der Catholic University of New York.

Aus dem Englischen von Susanna Nieder

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