Zeitung Heute : Ein Harter für Hertha

Huub Stevens soll den Berliner Klub zum Meister machen

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Von André Görke

Als dann die Feuerzeuge über den Zaun flogen, blieb der Fußballlehrer Huub Stevens stehen und sah den Fans von Sampdoria Genua ins Gesicht. Ein paar Meter vor ihm standen sie, 7000 waren auf der Tribüne, vielleicht 8000, sie spuckten, schrien, pöbelten, und sie schmissen schließlich mit allem, was sie auf den Betonstufen finden konnten. Stevens, der Trainer des Berliner Fußball-Bundesligaklubs Hertha BSC, hätte an diesem Samstagabend letzte Woche einfach an ihnen vorbei laufen können, zügig, oder gleich die Abkürzung durch den schmalen Tunnel unter dem Stadion nehmen. So wie es sich gehört für einen Trainer, der mitten im Spiel vom Schiedsrichter auf die Tribüne geschickt wird. Stevens hatte sich nach einem Foul mit ihm angelegt, wütend war er und laut.

Er sieht in solchen Momenten aus wie Jack Nicholson. Wegen der nach hinten gegelten Haare, vor allem aber wegen des lässigen, selbstbewussten, fast schon arroganten Blicks. Stevens’ Augen können anstrengend sein. Weil sie nie abdrehen, wenn sie einen fixiert haben. Sein Blick provoziert.

Seit dem 1. Juli steht der 48-jährige Niederländer bei Hertha BSC unter Vertrag. Im Ligapokal hat der Klub in der vergangenen Woche Bayern München geschlagen, auch den Deutschen Meister aus Dortmund und Pokalsieger Schalke 04. Die „Bild“-Zeitung titelte: „Die neue Fußballmacht Berlin“. Stevens hat das nicht gefallen, denn genau solche hohen Erwartungen waren es, über die sein Vorgänger gestürzt ist.

Die Trainerstelle war bis Februar besetzt von Jürgen Röber, und der war beliebt in Berlin. Er ist mit dem Klub in die Bundesliga aufgestiegen und hat ihn in die Champions League geführt. Er hat die Maßstäbe selbst gesetzt, aber Hertha sollte nach dem Willen der Vereinsoberen nun auch um die Meisterschaft spielen oder den DFB-Pokal gewinnen. Das haben sie Röber nicht mehr zugetraut. Als er aufgab, übernahmen Falko Götz und Andreas Thom den Job, eine Übergangslösung bis zum Saisonende, denn dass Stevens kommen würde, war da längst klar. Götz und Thom kümmern sich eigentlich um die Hertha-Amateure. Als sich die schwächelnde Profi-Mannschaft unter ihnen aber wieder aufschwang und sich für den Uefa-Cup qualifizierte, fragten sich die Fans, was sie eigentlich noch mit diesem Stevens sollten.

Ihn haben die Fans nie leiden können. Er ist Schalker, und mit diesem Klub verbindet die Berliner eine gepflegte Feindschaft. Dass der Mann in Gelsenkirchen gute Arbeit geleistet hat, interessierte sie wenig. Vor fünf Jahren hatte er mit Schalke 04 den Uefa-Cup geholt. Zweimal gewann sein Klub den DFB-Pokal. Nur hatten die Fans auch den Menschen Stevens vor Augen, den sie im Fernsehen zum Beispiel nie lächeln sahen. Er schrie, er gestikulierte. Der Blick. Natürlich konnte der Mann lachen, aber sein Lachen ist hässlich, so laut und polternd. Und Stevens konnte verächtlich sein. Wie jetzt wieder in Genua. Sein Abwehrspieler Nené zum Beispiel hatte sehr schlecht gespielt, oft stand er falsch in der Abwehrkette. Der Trainer sah sich das an, verschränkte die Arme, guckte zu Boden und schüttelte langsam den Kopf.

Ein Abend Ende Juni. Der Klub präsentiert im Betonrohbau eines Berliner U-Bahnhofs das neue Hertha-Trikot. Stevens tritt locker auf, entspannt, flachst rum, er lächelt. Eine Woche später im Garten des Bundeskanzleramts spielt er mit Gerhard Schröder Elfmeterschießen und schenkt dem Kanzler ein Hertha-Trikot mit dessen n hinten drauf. Schröder lacht, Stevens lacht. Drei Wochen später sehen sie sich wieder. Hertha feiert 110. Geburtstag, Schröder lädt zum Abendessen. In Gelsenkirchen gab es solche Termine nicht. Da hat Stevens immer Trainingsklamotten getragen, nichts anderes. In Berlin hat er jetzt einen schicken grauen Anzug an, sogar am Spielfeldrand.

Er liebt die Ordnung. Die Dienstkleidung der Spieler muss sitzen, jeder hat sein Zeug anzuziehen, nicht das von Kollegen. Wer sich nicht daran hält, zahlt in die Mannschaftskasse. Auf die Brust der eigenen Trainingsjacke hat Stevens seine Initalen gekritzelt, mit Kugelschreiber. Keine Kleinigkeit ist ihm zu unwichtig. Hertha wird von der Firma Nike ausgerüstet, die Spieler bekommen auch ihre Bälle von dort. Heute Abend spielt der Klub zum Saisonauftakt bei den Dortmundern, und die haben Adidas-Bälle. Stevens hat vor ein paar Tagen drei davon anschaffen lassen, zum Üben.

Die Stimmung in der Stadt hat sich geändert in der letzten Zeit. Stevens wird nicht mehr für arrogant gehalten. Und dass er grundsätzlich wenig plaudert, wird akzeptiert. Internes bleibt intern, das war nicht immer so bei Hertha. „Man kann es mit mir aushalten“, sagt Stevens. Aber es gibt Grenzen: Als Hertha einmal in Bernau kickte, bat er Journalisten nach dem Abpfiff in den Kabinentrakt. Der Brasilianer Marcelinho lief vorbei, Stevens schnappte sich seinen Spielmacher und die beiden tuschelten. Was es zu bereden gebe, fragten die Reporter. Stevens wurde ernst, die gute Laune war dahin. „Das war privat“, sagte er, „und so etwas wollen Sie doch nicht etwa wissen, oder?“

Stevens hat keine neue Mannschaft zusammengestellt, sie ist quasi unverändert geblieben. Nur drei neue Spieler hat Hertha verpflichtet. Erst im kommenden Jahr laufen 13 Verträge aus. Eigentlich ist es für Stevens eine Übergangssaison. Aber nur weil die Stadt Stevens jetzt akzeptiert, ändert sie ihre Ansprüche nicht. Hertha muss sich für die Champions League qualifizieren, das wird erwartet. Ein weiteres Jahr nur im Uefa-Cup käme einem Stillstand gleich. Und in Berlin wäre das ein Rückschritt.

Auf dem Trainingsplatz wird Stevens „der Sadist“ genannt. Weil er Witze reißt, wenn seine Fußballer kaum noch laufen können. „Ich will Spaß vermitteln“, sagt er, „auch wenn es den Spielern nicht immer Spaß macht.“ Röbers Methoden galten als zu weich, Stevens ist konsequent. Er verbietet den Spielern, sobald sie den Rasen betreten haben, den Ball auch nur eine Sekunde in die Hand zu nehmen. Auf dem Platz wird Fußball gespielt. „Ich glaube nicht, dass ein Mensch noch härter trainieren kann“, sagt der Spieler Andreas Neuendorf und scheint seinem Trainer die Härte noch nicht einmal übel zu nehmen. Stevens ist in Berlin angekommen.

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