Zeitung Heute : Ein harter Job für den Workaholic

Matthias Oloew

Hartnäckig muss er sein und aufmerksam. Ja, auch aufdringlich, und, ganz wichtig, unempfindlich. Als Versicherungsvertreter sind Steve Arnold diese Eigenschaften gegeben. Aber jetzt, in seiner Rolle als amerikanischer Major, der nach dem Zweiten Weltkrieg mithelfen soll, die Entnazifizierung Deutschlands zu bewerkstelligen, muss er seine Fähigkeiten bündeln, um eine harte Nuss zu knacken. Denn Steve Arnold,der gern in Schwarz-Weiß-Schemata denkt, der zwischen gerecht und ungerecht unterscheidet, aber keine Zwischenstufen kennt, dieser Steve Arnold soll den Fall des Dirigenten Wilhelm Furtwängler untersuchen.

Harvey Keitel spielt Steve Arnold in István Szabós Film "Taking Sides - Der Fall Furtwängler", der am Sonnabend im Wettbewerb lief. Eine schwere Aufgabe für Steve Arnold und auch Harvey Keitel, der als Workaholic der Branche gilt. Er dreht nicht selten fünf bis sechs Filme pro Jahr, die Rolle des US-Majors verlangte von Keitel eine besondere Vorbereitung, es ist keine Rolle, die man aus dem Ärmel schüttelt.

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Harvey Keitel kam am Freitagnachmittag nach Berlin, um den Furtwängler-Film in Berlin vorzustellen. Die Rolle des Steve Arnold, eine Herausforderung. Szabó hat den Film als Kammerspiel angelegt, ein Wort-Duell, zwischen dem Soldaten und dem Dirgenten. Furtwängler, von Göring zum Preußischen Staatsrat, von Goebbels zum Vizepräsidenten der Reichskulturkammer ernannt, stand für Arnold ganz klar im Verdacht, zu den Nazis sehr gute Beziehungen gehabt zu haben.

Während der Vernehmungen muss Arnold aber feststellen, dass er mit seinen Schwarz-Weiß-Erklärungsmustern nicht weiter kommt.Denn: Furtwängler nutzte seine Beziehungen, um jüdische Musiker in sein Orchester aufzunehmen und vor dem sicheren Tod im Konzentrationslager zu bewahren. Furtwänglers Standpunkt, dass Kunst und Politik nichts miteinander zu tun haben, will Arnold nicht akzeptieren. Er muss erkennen, dass ihm Furtwängler während der Vernehmungen zu entwischen droht. Arnold verfällt in die Muster des Versicherungsvertreters: Er wird unerbittlicher.

Kü nstlerisch gesehen ist für Keitel die Rolle in Szabós Film - zu großen Teilen in Babelsberg entstanden - eine konsequente Weiterentwicklung. Denn bereits in der 80er Jahren hat er begonnen, verstärkt in europäischen Produktionen aufzutreten: zum Beispiel in Lina Wertmüllers Drama "Camorra", Ettore Scolas "Die Flucht nach Varennes" und Bertrand Taverniers "Death Watch - Der gekaufte Tod". Die einzige Oscar-Nominierung erhielt Keitel jedoch für eine Nebenrolle, für seine Rolle in "Bugsy" von Barry Levinson.

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