Zeitung Heute : Ein Hauch von Fernost

Die Designerin Charlotte Perriand wird mit einer Neuauflage ihrer japanisch inspirierten Möbel geehrt

Rolf Brockschmidt

Charlotte Perriand (1903-1999) war von ihrem Können überzeugt - und von dem großen Designer Le Corbusier. Als sie sein Werk „Towards an Architecture“ las, war sie so begeistert, einen Geistesverwandten gefunden zu haben, dass sie ihn spontan in seinem Atelier aufsuchte und ihn zu ihrer Ausstellung im Pariser Herbstsalon 1927 einlud. Und Le Corbusier kam. Das war der Anfang einer langen und fruchtbaren Zusammenarbeit. Allerdings hat Charlotte Perriand nie die Berühmtheit ihres großen Vorbildes erreicht, und manche sagen, dass in vielen seiner Möbel auch eine gehörige Portion Charlotte Perriand drin stecke.

Ihre Ausbildung hatte Charlotte Perriand an der „L’École Centrale des Arts Décoratifs“ genossen und hat die „Union des Artistes Modernes“ mit begründet. In den „Ateliers Jean Prouvé“ hat sie zusammen mit Prouvé, Pierre Jeanneret und Georges Blancon zusammengearbeitet. Eine Reihe von Sesseln und ein Sofa waren in Zusammenarbeit mit Jeanneret entstanden. Ein guter Freund und Kollege war auch der Maler Fernand Léger.

Die große Designerin wird nun wiederholt von ihrer Firma Cassina, mit der sie seit 1978 zusammenarbeitet, mit einer Neuauflage ihrer frühen Möbel in der Cassina-Reihe „I Maestri“ geehrt. Mehr als zehn Jahre hat sie mit Le Corbusier gearbeitet, eine Zeit wertvoller Erfahrung. Nicht minder wichtig war ihre Reise nach Japan. 1940 verließ sie das vom Krieg gezeichnete Frankreich und wollte sechs Monate in Japan bleiben. Aber aus diesen sechs Monaten wurden rasch sechs Jahre. Sie sollte zunächst bei einem Kollegen aus der Corbusier-Zeit in Japan Studenten unterrichten, aber bald darauf bekam sie eine Stelle als Beraterin für Design und Handwerk im japanischen Handelsministerium. Die Begegnung mit Japan, mit der Strenge der Form, der Reduktion auf das Wesentliche hat sie in ihrem eigenen Schaffen stark geprägt. Eine wunderbare Fügung des Schicksals. Und so atmen viele ihrer Arbeiten einen Hauch von Fernost.

Diese Seelenverwandtschaft zeigt sich schon in dem Sideboard von 1939, das heute unter dem namen „Riflesso“ wieder aufgelegt wird. Der Korpus dieses flachen Möbels besteht aus außen schwarz und innen rot lackiertem Holz, die Schiebetüren und die Innenablagen sind aus satiniertem Aluminium gefertigt. „Riflesso“ ist 60 Zentimeter hoch und kann mit jeweils zwei unterschiedlichen Gestellen auf 70 oder 87 Zentimeter gebracht oder an der Wand aufgehängt werden. Interessant ist, dass Charlotte Perriand diese unterschiedlichen Höhen auch mit Rücksicht auf fernöstliche und westliche Gewohnheiten ausgewählt hat. Insgesamt mutet „Riflesso“ sehr japanisch an und ist ein Beleg für die Affinität zu asiatischem Formverständnis.

Diese Affinität drückt auch die Bank „Refolo“ von 1953 aus, die sie für ihre eigene Wohnung in Tokio entworfen hatte. Wieder ist das Möbel in seiner Grundform niedrig konzipiert. Eine langgestreckte Bank aus parallel angeordneten Holzlamellen bildet die Basis für eine einfache oder bequemere Polsterung, die wiederum die Sitzhöhe variiert. Die Kissen lassen sich variabel und einfach anbringen, sowohl für die Rückenfläche als auch für die Sitzfläche. Durch die Variationen kann man Teile der Bank auch als Ablagefläche nutzen. Ein Blick in die neuen Kataloge unserer Tage zeigt, dass Charlotte Perriands Linienführung, ihre Grundkonzeption der Betonung des Horizontalen in 50 Jahren nicht an Aktualität verloren hat und uns heute geradezu zeitgenössisch vorkommt.

Charlotte Perriand war aber ein praktisch denkender Mensch. Ihr ausziehbarer Tisch „Ospite“ von 1927 besticht durch seine minimalistische Form und seine Funktionalität . Mit einer ausgefeilten Lammellentechnik, die heutigen Möglichkeiten angepasst ist, lässt sich der Tisch stufenlos ausziehen bis auf eine maximale Länge von drei Metern. Ein verblüffend klares Design, das fast sechzig Jahre alt ist. Ungewöhnlich ist auch ihr Tisch mit einer asymmetrischen Tischplatte, die aussieht, wie eine Reihe verschobener Bretter. Ein demokratischer Tisch ohne Hierarchie.

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