Zeitung Heute : Ein Haus für Connaisseure

Zum Eingang geht es über den neuen Stadtplatz. Im Inneren des Museums herrscht architektonische Noblesse

Piranesis Folge der „Carceri“, die in einem Raum des Stülerbaus gezeigt werden, bilden den Gegenpol zu der Architektur der Sammlung Scharf-Gerstenberg. Wo der in Rom ansässige Vorläufer und Anreger surrealer Bildwelten in unüberschaubare Raumgewirre lockt, zeigt sich das Museum als klare und eindeutige Komposition. Dem Architekten Gregor Sunder-Plassmann stellte sich die Aufgabe, ein Ensemble historischer Bauten neu miteinander zu verbinden und es zu ergänzen. Das „Bauen im Bestand“ gehört zu den anspruchsvollsten Herausforderungen eines Architekten, muss sich doch seine Ergänzung in dienender Funktion zur vorgefundenen Substanz verhalten. Die Meisterschaft besteht darin, diesen Dienst zu leisten und doch zugleich eine eigene Sprache zu sprechen, wo es um neue und in der Altbausubstanz nicht unterzubringende Aufgaben geht.

Genau das ist Sunder-Plassmann mit seinem Siegerentwurf aus dem Wettbewerb von 2004 gelungen. Der östliche Stülerbau mit dem dahinter liegenden Marstall, beide in den 1850er Jahre errichtet, wie auch dem seitlichen, erst 1980 hinzugefügten Ziegelsteinkubus wird nun zu einem Komplex verflochten, in dem die verschiedenen Funktionen des Museums wie selbstverständlich aufeinanderfolgen.

Der städtebauliche Gewinn ist die Öffnung des Vorplatzes an der Schlossstraße, der mit einem Mal wie die Vorfahrt einer Dreiflügelanlage wirkt: links Stülerbau, rechts Heimatmuseum und Abgusssammlung, geradezu der Neubau des gläsernen Foyers. Und doch ist da kein herrschaftlicher Eintritt vorgesehen; vielmehr geht es seitlich zur Linken hinein, während die gläserne Front das Café beschützt, das die Breitseite des Neubaus einnimmt. Ihre Rückfront bildet eine Betonscheibe, die gemeinsam mit jeweils zwei schlanken Betonstützen rechts vor der Glaswand und links im Inneren das Dach trägt, das seinerseits weit auf den Platz hinausragt. Die Fassade wird durch kantige Pfeiler aus rostbraunem Corten-Stahl gebildet, die durchgehende Verglasungen aufnehmen. Die granitenen Gehwegplatten des Hofes setzen sich in das Gebäude hinein fort: Alles soll den Besucher einladen, der erst die langgestreckte Café-Theke sieht und dann erst links den nicht minder langen Kassen- und Verkaufstresen. Und erst ganz zur Linken führt der schmale Durchgang zwischen Stülerbau und Marstall in die Museumsräume.

Diese Nahtstelle ist der schwierigste Teil der Aufgabe, die der Architekt zu lösen hatte. Denn die Geschosshöhen des streng symmetrischen Stülerbaus gehen mit den Raumhöhen des Marstalls und des neuen Foyers nicht zusammen. So musste das Dach hier einen Höhensprung nehmen, um sich zwischen die Geschosse des Stülerbaus einzupassen; und geradezu galt es, den Blick auf den Spandauer Damm und das gegenüberliegende Schloss Charlottenburg frei zu halten. Aufgefangen wird der Blick durch die Bronzeskulptur „La Plus Belle“ von Max Ernst.

Links oder rechts? Einen geschlossenen Rundgang konnte es bei der so gewählten, vom früheren Eingang stracks in den Stülerbau abweichenden Wegführung nicht geben. Der Marstall zur rechten bildet mit seinen kalkgeschlämmten Ziegelwänden eine spannungsvolle Folie für die Kunst; variable Stellwände teilen die lange Raumflucht auf. Nochmals rechts zweigt der tageslichtlose Kubus für die so ungemein eindrucksvollen Bauteile des ägyptischen Sahure-Tempels ab, der eines Tages wie auch das Kalabscha-Tor, das den Eingang zum Marstall besetzt, auf die Museumsinsel im Herzen Berlins übersiedeln werden. Im Sahure-Saal lockt künftig eine Leinwand zu Filmvorführungen.

Den Stülerbau hat Sunder-Plassmann so weit als möglich in den Ursprungszustand zurückversetzt. Keinerlei Serviceräume mehr; alle Säle stehen den Kunstwerken zur Verfügung. Während es südlich der Treppenhausrotunde durchgehende Raumverbindungen gab und gibt, sind die nördlich gelegenen drei Räume von einem eigenen Flur aus jeweils einzeln zugänglich. Die Türlaibungen sind ebenso in heller Eiche gefasst wie der Parkettboden, dem zusätzlich eine dunklere Abstandsleiste zum Schutz der Bilder vor allzu nahsichtigen Besuchern eingelegt ist. Die Türlaibungen, die – wo es notwendig war – nach heute gängigem Standard auch Feuerlöscher und Alarmanlagen bergen, sind durch eine Schattenfuge von den Wänden abgesetzt – so nobel wie, beispielsweise, die Wahl der Armaturen in den Waschräumen im Untergeschoss des Neubaus. Dass Gregor Sunder-Plassmann auf solche Details großen Wert legt, hatte er bereits 2005 beim mehrfach preisgekrönten Pommerschen Landesmuseum in Greifswald gezeigt.

Die Treppenrotunde wird – ein Experiment – nur von ganz oben beleuchtet, aus einem Kranz von Strahlern rings um die verglaste Kuppel. So scheint die gerundete Wand oben ganz weiß, unten jedoch eher hellgrau gestrichen zu sein, obwohl es sich um ein und denselben, allerdings raffiniert angemischten Ton handelt. In den Ausstellungsräumen kommt das Licht aus extrem flachen Doppel-Spots, für die nur eine geringe Einbautiefe in die gegenüber dem bisherigen Zustand angehobenen Decken vorzusehen war.

Was noch fehlt, ist der Ausbau des zweiten Obergeschosses. Die Bausumme in Höhe von zehn Millionen Euro war strikt „gedeckelt“ und ließ die Erfüllung weiterer Wünsche nicht zu. Aber wie es den Anschein hat, kann der Ausbau nach den in den beiden Hauptgeschossen angelegten Maßstäben bewerkstelligt werden, sobald das Museum „Sammlung Scharf-Gerstenberg“ seinen Platz im Bewusstsein der Öffentlichkeit gefunden hat.

Das dürfte sehr schnell der Fall sein. Denn der Gewinn, den der Museumsstandort Charlottenburg aus dem Zuwachs dieser Sammlung zieht, ist enorm. Die Schlossstraße erhält einen Platz, der in die barocke Grundstruktur dieses Areals eingebettet ist und von dem allzu lauten Durchgangsverkehr des Spandauer Damms abrückt. Geradezu beiläufig wird das Café im Neubauteil zum Mittelpunkt des Geschehens, ohne doch vom Zugang zum Museum abzulenken. Schwierig kann es nur an der – unvermeidlich engen – Gelenkstelle zwischen den beiden Altbauten werden, wo sich die Besucherströme kreuzen. „Besucherströme“ bleiben eine Herausforderung. Denn wie ihr Pendant, das Museum Berggruen auf der anderen Straßenseite, ist auch die Sammlung Scharf-Gerstenberg dem Charakter nach ein Privatmuseum, ein Genießermuseum, ein Haus für Connaisseure.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!