Zeitung Heute : Ein Haus – zwei Adressen

Die Räume in Bonn werden als Außenstelle genutzt

Albert Funk

Manchmal hört man ja noch die Klage von älteren Politikern, Beamten oder Journalisten vor allem: Im guten, alten Bonn, da war doch manches anders, besser, schöner – als jetzt im ach so hektischen Berlin. Und Namen wie Palais Schaumburg, Villa Hammerschmidt, Hardthöhe, Kanzlerbungalow, ja selbst Baracke klingen nach einer guten alten Zeit der deutschen Politik.

Der Bundesrat war damals nicht die zentrale Adresse, die er heute in Berlin geworden ist. Kein Herrenhaus stand für ihn bereit, als er ins Lebens trat. Er war ein Anhängsel am Bonner Bundeshaus. Der Plenarsaal war ein langer Schlauch von Raum mit der Aura unprätentiöser, frührepublikanischer Sachlichkeit. Es war der Hörsaal der ehemaligen Pädagogischen Akademie, wo zuvor schon der Parlamentarische Rat das Grundgesetz erarbeitet und wo Konrad Adenauer die Verfassung verkündet hatte. Ein historischer Ort also, weshalb er heute unter Denkmalschutz steht. Genutzt wird der alte Plenarsaal derzeit nicht.

Heute werden die alten Bundesratsräume in Bonn noch als Außenstelle genutzt. So hat der Bundesrat, wie einige Bundesministerien, zwei Adressen. Seit dem Umzug nach Berlin tagen in Bonn einige Male im Jahr jene Ausschüsse des Bundesrats, bei denen korrespondierende Bundesministerien ebenfalls noch mit einer Dependance in Bonn angesiedelt sind, also Agrar, Umwelt, Kultur, auch der EU-Ausschuss. Doch finden diese Treffen nur außerhalb der Sitzungswochen des Bundestages in Bonn statt. Nur noch zehn Mitarbeiter hat die Länderkammer in Bonn.

Immerhin verabschiedete sich der Bundesrat recht spektakulär aus Bonn. Die letzte Sitzung, die 753. seit 1949, verlief turbulent. Im Mittelpunkt stand Eberhard Diepgen, damals Regierender Bürgermeister in Berlin. Es ging um die rot-grüne Steuerreform. Die Regierung brauchte Stimmen aus den großen Koalitionen. Berlin wurde damals noch schwarz-rot regiert. Diepgen brach, nach langem Zögern bis in die Morgenstunden, aus der Unionslinie aus. Das „Angebot“ des Bundes war zu gut. Das Ja beim Aufruf der Länder überließ er freilich dem SPD-Senator Klaus Böger.

Die rhetorischen Wogen schlugen hoch, Bernhard Vogel schrieb mit einem temperamentvollen Redeauftritt Bundesratsgeschichte. Ausgerechnet in der letzten Sitzung in Bonn sah der damalige Thüringer Ministerpräsident das Verfassungsorgan Bundesrat missbraucht, eine Mehrheit sei „zusammengekarrt“ worden.

So erlebte das betuliche Bonn einen lebendigen Abschied der Länderkammer. Noch einmal drängten sich die Kamerateams in den engen Fluren, die Pressetribüne war völlig überfüllt, die Matadore aus den Ländern hatten Mühe, sich Bahn zu schaffen ins Plenum – und wieder hinaus. Dann war’s vorbei, der Bundesrat verließ sein Heim, in dem die Länder über 50 Jahre Bundespolitik gemacht hatten.

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