Zeitung Heute : Ein Heer von Zweiflern

Armeen sind gewaltig, aber auch sensibel. Franz Josef Jung, Verteidigungsminister, lernt das gerade

Robert Birnbaum

Es besteht ein klares Missverhältnis zwischen diesen großen, breiten Händen, dem Schiff und dem Steuerrad. Das Schiff, das kurz vor Weihnachten das warme blaue Meer am Golf von Aden durchpflügt, heißt „Lübeck“ und ist eine Fregatte der Bundesmarine. Eine Fregatte ist ein relativ beeindruckendes Gerät zur See, 130 Meter lang, gut 50 000 PS im Bauch. Das Steuerrad ist aber kleiner als das Lenkrad in jedem popeligen Pkw. Und dann sind da diese ungewöhnlich großen Hände. Die gehören zu Franz Josef Jung. Meistens liegen sie gefaltet vor dem Anzug, als habe der Inhaber Sorge, sie könnten frei schwingend versehentlich Schaden anrichten. Jetzt sollen sie das Schiff steuern.

Sekunden später legen sich 3800 Tonnen Stahl sehr energisch in die Kurve, und unten in der Messe fliegen die Flaschen vom Tresen. Vielleicht hat in diesem Moment unter der Sonne Afrikas der neue Bundesminister der Verteidigung zum ersten Mal sinnbildlich gespürt, was für ein gewaltiges Ding in seine Hände gelegt ist. Und wie sensibel es gleichwohl auf die kleinste Drehung am Steuerrad reagiert.

Er hat die Erfahrung seither noch öfter gemacht. Nicht immer hat sich der Schaden auf Glasbruch beschränkt. Was nicht nur unter Militärs sorgsam registriert worden ist, sondern ganz besonders in der Polit-Szene im und um den Reichstag. Man sah sich nämlich bestätigt. Hatten die alten Hasen nicht gleich den Kopf geschüttelt über diese Berufung? Ein Landespolitiker! Letzte Berührung mit der Bundeswehr als Offiziersanwärter 1968/69. Danach Verwendungen nur noch im politischen CDU-Schützengraben in Hessen als Generalsekretär, Staatskanzleichef, Fraktionschef, kurz: Roland Kochs Freund und Allzweckwaffe, bundesweit nur kurz und eher zweifelhaft bekannt geworden als Bauernopfer in der regionalen Variante der CDU-Spendenaffäre. Dazu dann noch das Bild vom Winzersohn aus dem Rheingau, der mit spürbarem Behagen erzählt, dass er bis heute Reben beschneidet und den Weinbergtraktor fährt – fertig ist das Urteil. Ein Provinzler in der Weltpolitik. Na prost Riesling!

Er hat das übrigens im Vorhinein gewusst, was da an Vor-Urteil auf ihn zukommt. Jung weiß auch, dass er unter Beobachtung steht. Der politische Gegner nimmt Maß, die Presse, die Parteifreunde noch viel genauer. Der Riesenapparat Bundeswehr belauert ihn bis hinab zum Obergefreiten in Kabul, der den neuen Dienstherrn bei der Vorführung der Ausrüstung auf gut gemeinte Fragen („Sind Sie denn so zufrieden?“) mit kargem „Jou“ abfertigt und aus den Augenwinkeln beobachtet, wie der Herr Minister eine Station weiter sich im militärischen Tierreich verirrt: „Das ist der ,Fuchs’?“ Nein, dies ist kein Radpanzer, sondern eine Drohne namens Aladin, ein Modellflugzeug mit Aufklärungskamera. Nicht zu vergessen der Riesenapparat Ministerium, der versucht, sich den Neuen gefügig zu machen. „Da zerrt jeder an ihm, vom Generalinspekteur abwärts“, berichtet ein genauer Vor-Ort-Beobachter.

Eine prekäre Lage. Erst recht nach einem Vorgänger wie Peter Struck, weithin geachtet und geschätzt. Eine prekäre Lage obendrein mit kurzer Vorwarnzeit. Als Angela Merkel und Roland Koch weit vor der Bundestagswahl vereinbarten, dass im Falle des sicher geglaubten Sieges Jung ein Kabinettsamt bekommt – Koch selbst wollte nach kurzem Zögern lieber doch in Hessen bleiben –, da hatten alle drei noch bodenständige Ressorts im Auge. So etwas wie Verkehr und Bau oder Landwirtschaft. Aber Verteidigung? Jung hat, als der Ruf ihn ereilte, erst mal sein Tagebuch aus der Grundwehrzeit nachgelesen und aus der Offiziersschule. Die hat er abgebrochen, als der Vater starb und die zwei Söhne das Weingut in Eltville übernehmen mussten. Mitgenommen hat er aber eine Erfahrung aus dem Überlebenstraining mit Iglu-Bau und 120-Kilometer-Marsch: „Wenn man merkt, wo die eigene Grenze liegen, das ist ganz nützlich – auch wenn man merkt, wie lange es dauert, bis man dort ist.“

Klingt nicht nach Mangel an Selbstvertrauen, klingt eher nach hartem Hund. Auch so ein Ruf, der ihm aus Hessen voraus eilt: tiefschwarzer Haudrauf, konservativ bis auf die Knochen. Beides nicht falsch, nur anders. Den Haudrauf gibt er, wenn es die Funktion erfordert, lustvoll mit den Augen zwinkernd. Konservativ ist er auch, auf die erstaunlich gewordene, altmodische Weise des respektablen Honoratioren. Einer, dem – vier Jahre nach Kriegsende geboren – die transatlantische Partnerschaft immer noch eine Frage der Dankbarkeit ist, der vertraute Plausch mit einem russischen Verteidigungsminister ein Wunder der Weltgeschichte, die Wehrpflicht ein Herzensanliegen und Worte wie „Fairness“ oder „Anstand“ nicht nur selbstverständliches, sondern ganz und gar ernst gemeintes Vokabular.

Der Mann kennt die Tricks und Kniffe des politischen Spiels. Aber er ist kein Spieler. Jung gilt noch beim größten politischen Widersacher als einer, der Absprachen einhält und Loyalität wahrt, selbst wenn das zu seinem Nachteil ausgeht. Mit Joschka Fischer hat er sich im hessischen Landtag offen duelliert, privat gefrozzelt, und beim Landtagsfußball Grün gegen Schwarz haben sie einander grinsend gegrätscht. Seither duzen sich die zwei.

Angela Merkel wiederum kennt er aus der Zeit der Wende in der DDR, als Jung in Thüringen den Wahlkampf Ost aufbaute und Helmut Kohl überredete, die Ost-CDU plus ein paar andere, teils recht obskure Gruppen zu einer „Allianz für Deutschland“ zu schmieden. Viele in der West-CDU fanden die „Blockflöten“-Brüderschaft degoutant. Jung hatte aber dem Volk aufs Maul geschaut und richtig gerechnet. Seit damals schätzt ihn Merkel. Weshalb immer falsch lag, wer Jung für Kochs U-Boot in der Bundesregierung hielt. Die Kanzlerin hat sich den Mann ins Kabinett geholt, zwischen Ulla Schmidt und Ursula von der Leyen und schräg gegenüber von Heidemarie Wieczorek-Zeul gesetzt, weil sie weiß, dass der sie nicht hintergeht. Um dieses traute Bild komplett zu machen: Zu der Zeit, als die Rote Heidi Wieczorek Juso-Chefin war, hat Jung mit den Kumpels aus der Jungen Union jenen „Andenpakt“ gegründet, dessen Mitglieder heute die Länderfürsten der CDU stellen: Koch, Christian Wulff, Günther Oettinger und so weiter.

Eine ideale Ausgangslage also, sollte man meinen. Vielleicht ein bisschen zu ideal mit der Folge, dass der Neue etwas viel Lehr- und Wanderzeit für sich in Anspruch nimmt? Bis tief in die eigenen Reihen ist eine gewisse Irritation über die ersten Wochen und Monate des neuen Bundesministers eingetreten. Die größten Wogen hat ein Vorgang geschlagen, von dem alle Beteiligten versichern, dass der frisch ins Amt gekommene Jung überhaupt nur noch im letzten Akt tätig geworden sei. Die Rede ist vom Hinauswurf zweier der ranghöchsten Generale der Bundeswehr, des Vize-Generalinspekteurs Hans-Heinrich Dieter und Vize-Heeresinspekteur Jürgen Ruwe. Unstreitig, dass beide ein Disziplinarvergehen begangen haben, als Dieter dem alten Kumpel Ruwe von Ermittlungen gegen dessen Sohn – einem Offiziersschüler – berichtete. Ob das die Entlassung rechtfertigte, ob dahinter nicht vielmehr interne Machtkämpfe steckten, ist Jung auch von Parteifreunden gefragt worden. Zumal Ruwe wie Dieter als Reform-Skeptiker manchem Unionspolitiker als Brüder im Geiste galten. Jung indes steht zu der Entscheidung: „Rückblickend betrachtet würde ich es nicht anders machen.“

Dass seine Beliebtheit im Offizierscorps seither keine Spitzenwerte hat – wen wundert es. Vor allem aber wabert seither der Argwohn, dass Jung womöglich sein Haus nicht im Griff hat und alte Kräfte allzu frei schalten und walten. Dass er mit einem sehr kleinen und jungen Team im engsten Umkreis sein Büro bezogen hat, nur den alterfahrenen Staatssekretär Peter Wichert mitbrachte und zwei Parlamentarische aus der Union – ja heißt das nun, dass der eiserne Besen im Schrank bleibt? Wehrexperten der Union fallen ganze Reihen führender Köpfe im Ministerium ein, gegen deren Entlassung sie ganz und gar nichts einzuwenden hätten, zumal wenn ihnen CDU-Parteibuchträger folgen würden. „Da gibt es Druck im Kessel“, sagt ein Jung-Vertrauter.

Freilich auch Gegendruck von höherer Warte. „Wenn Sie einen Abteilungsleiter auswechseln wollen, ist sofort de Maizière am Telefon“, berichtet ein Insider. Merkels Kanzleramtsminister wacht über den Großkoalitionsfrieden. Womöglich an diesem Ort überflüssigerweise – in Hessen haben sie gute Erfahrung mit der Loyalität, die dankbare sozialdemokratische Spitzenbeamte für christdemokratische Chefs entwickeln können. Parteifreunde haben Jung aber wissen lassen, dass sie nachgucken, ob diese Umpolung auch in Berlin funktioniert.

Dahinter steckt sie wieder, die Frage im Hintergrund: Ob der Hesse Jung auch in Berlin funktioniert? Eine Hauptstadt-Wohnung hat er inzwischen, sehr zentral, nach wochenlangem Gastlager in der Julius-Leber-Kaserne. Und die Stimme ist fester geworden. Die klang vor Weihnachten auf der Fregatte und in Kabul oft wie auf Eiern und produzierte jede Menge Leerformeln über „positive Entwicklungen“ – bloß nichts Falsches sagen! Aber Jung ist ein eiserner Aktenleser. Außerdem gewöhnt man sich an alles, sogar daran, dass der US-Kollege Donald Rumsfeld einen dauernd anraunzt, endlich mehr Geld in die Abwehr des Bösen zu stecken. Die Stimme also ist fester geworden, fast schon so wie in den Momenten, in denen früher der Generalist Jung mal eben die Feinheiten der Gemeindefinanzreform erläuterte. „Er braucht noch etwas Zeit“, sagt ein Wohlmeinender. Zeit, das Schiff Bundeswehr kennen und steuern zu lernen, die Mannschaft zu überzeugen und die anderen, die jedes Manöver genau beobachten. „Ich hab ja immer Jobs gemacht, die nachher zweie gemacht haben“, hat Jung einmal über sich selbst gesagt. Der Job auf dieser Kommandobrücke ist aber von anderer Art. Der erfordert den ganzen Mann, manchmal mehr.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar