Zeitung Heute : Ein Heger aus der Pfalz

Mit Kurt Beck dürfte in der SPD ein neuer Stil einkehren. Er hört den anderen zu – und trifft dann schnell Entscheidungen

Gerd Appenzeller[Berlin] Stephan Lüke[Mainz]

Nach dem Rücktritt von SPD-Chef Matthias Platzeck soll Kurt Beck, Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz, den Parteivorsitz übernehmen. Für welchen Politik- und Führungsstil steht Kurt Beck?

Immer und immer wieder musste Kurt Beck nach seinem als historisch gefeierten Wahlsieg vor zwei Wochen die Frage beantworten, ob nun auch seine Ambitionen „im eigenen Verein“ in Berlin gestiegen seien. Doch auch im Siegestaumel blieb sich der rheinland-pfälzische Ministerpräsident treu. „Nein“, so gab er allen zu verstehen, die es hören wollten, „eine neue Konkurrenzsituation wird es nicht geben“. Er werde Matthias Platzeck weiterhin loyal zur Seite stehen.

Die Ereignisse in Berlin haben Becks Planungen nun über den Haufen geworfen. Doch es ist typisch für ihn, dass er sich ohne lange Bedenkzeit entschieden hat, das schwierige Amt des SPD-Chefs zu übernehmen. Denn neben Verlässlichkeit und Geradlinigkeit wird ihm ein weiteres Motto zugeschrieben: Aufgaben, die sich auftun, hat man sich zu stellen.

Es sind wohl diese Eigenschaften und die scheinbar unerschöpfliche Energie, die den 57-Jährigen politisch immer weiter nach oben gespült haben. Schon als Kind konnte er beobachten, was es heißt, sich durchboxen zu müssen. Gemeinsam mit Cousine und Cousin wurde er von seiner Großmutter großgezogen. Diese bändigte nicht nur die „Rasselbande“, sondern sorgte auch dafür, dass der landwirtschaftliche Betrieb nicht ins Stottern geriet. Von ihr lernte Beck, sich durchzubeißen. Und von ihr lernte er auch, sich den Aufgaben des Lebens ohne Jammern zu stellen. Er lernte anzupacken.

Aber er erfuhr auch die Schattenseiten des Lebens. Ausgelöst durch eine medikamentöse Behandlung, die nach Komplikationen bei seiner Geburt erforderlich schien, plagte ihn bis zur Pubertät eine entstellende Hautkrankheit. Er musste Diät halten, durfte an vielem nicht teilnehmen. Er erinnert sich: „Ich war ein Außenseiter, hatte oft das Gefühl, unerwünscht zu sein.“

Die Zeiten haben sich geändert. Heute steht Beck mitten im Leben, mitten im Volk. „Rheinland-Pfalz ist von ganz unten nach ganz oben gekommen“, sagt er – und das Zitat trifft auch auf ihn selbst zu. Nach einer Ausbildung zum Elektromechaniker in den 60er Jahren besuchte Beck die Abendschule und machte 1972 die Mittlere Reife. Sieben Jahre später zog er erstmals in den Mainzer Landtag ein.

Als Ministerpräsident ist Beck allgegenwärtig, er kennt jeden und hat dennoch die Bodenhaftung nicht verloren – das erkennen neidvoll selbst politische Gegner an. „Überall, wo ich hinkam, war er schon“, klagte beispielsweise die frühere Spitzenkandidatin der rheinland-pfälzischen Grünen, Ise Thomas.

Dass die Nähe zu den Menschen die beste Gewähr ist, nicht abzuheben, hat Beck verinnerlicht. Er sucht den direkten Kontakt zu den Wählern, die Bürgersprechstunde in seiner kleinen südpfälzischen Heimatgemeinde Steinfeld, wo er lange Zeit Bürgermeister war, ist ihm „hoch und heilig“, dem 1. FC Kaiserslautern drückt er bei den Heimspielen stets kräftig die Daumen, um abends bei den Ringern in Schifferstadt aufgestaute Energie ablassen zu können.

Zu Gewerkschaften, Kirchen und Verbänden unterhält der Vater eines Sohnes gleichermaßen guten Kontakt wie zu Wirtschaftsbossen. Er lässt sich beraten, hört zu und entscheidet. Letzteres übrigens schnell. Wie zuletzt bei der Besetzung der Ministerposten im FDP-freien Kabinett. Eine Stunde, so ist überliefert, ließ der Beck zum Beispiel dem Präsidenten des Oberlandesgerichtes Koblenz, Heinz Georg Bamberger, Zeit, um sich für das Amt des Justizministers zu entscheiden.

Es sind diese Eigenschaften, die die Person an der Spitze der SPD auszeichnen sollten, meinte so mancher Sozialdemokrat im November 2005. Gerne hätten ihn schon damals nicht wenige Genossen als Nachfolger von Franz Müntefering gesehen. Doch da wollte der Mann, der 1972 unter dem Eindruck der Wahlkampagne Willy Brandts in die SPD eintrat, nicht. Er wollte Rheinland-Pfalz, das er als Ministerpräsident seit 1994 führt, gewinnen. „Die SPD ist hier eine geschlossene Partei, die mal wieder richtig gewinnen will“, hatte er vor der Landtagswahl gesagt.

In Berlin aber verstummten die Stimmen nie völlig, die ihn, der sich gerne auch einmal mit der Bundes-SPD anlegte und 1997 gegen deren Willen eine Erhöhung der Mehrwertsteuer forderte, stärker einbinden wollten. Sie und alle jene, die Platzeck bevorzugten, müssen oder können sich nun auf einen anderen Umgangston einstellen. Beck ist nicht weich, aber er hört sich die Meinung der anderen an. Erst dann entscheidet er.

Diejenigen, die ihn gut kennen, sind sich sicher, dass er in Streitfragen stärker als viele andere fähig ist, ideologiefrei und sachorientiert die Lager zu vereinen. Diese Fähigkeit wird auch in den eigenen Reihen gefragt sein, wenn es gilt, so manche Reform der großen Koalition den eigenen Leuten zu vermitteln. Wenn ihm das gelingen sollte, hätte Beck vermutlich beste Aussichten auf die Kanzlerkandidatur 2009. Ob er das auch anstrebt? Wer Beck kennt, weiß: Sein Bauch weiß die Antwort schon heute. Verraten wird Beck sie (noch) nicht.

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