Zeitung Heute : Ein Herz für Rinder

Auf der Halbinsel Butjadingen betreibt Jan Gerdes ein Altersheim für Rindviecher

Jan Gerdes macht seinen Kühen den Hof. Der gelernte Milchbauer stellte seinen Betrieb von konventioneller auf Bio-Landwirtschaft um – und schließlich ein. Aus seinen Nutztieren wurden Haustiere. Foto: Focke Strangmann/dapd
Jan Gerdes macht seinen Kühen den Hof. Der gelernte Milchbauer stellte seinen Betrieb von konventioneller auf Bio-Landwirtschaft...Foto: dapd

Der Tag beginnt früh auf Hof Butenland. Wie auf jedem anderen Bauernhof, müssen die Tiere gefüttert und der Stall gesäubert werden, wobei sich die Pferde und Kühe auf der Weide selbst versorgen. Der milde Sommer hat mit reichlich Regen dafür gesorgt, dass das Gras hoch und saftig ist. Perfekt für Kuhmutter Dina und ihr Kälbchen Mattis, das erst vor ein paar Tagen geboren wurde.

„Das war schön“, erzählt Jan Gerdes, Hofherr auf Butenland. „Das Kalb kam am Sonntag in der Mittagszeit zur Welt und ich war dabei.“ Er hat hautnah miterlebt, wie Dina mit den Wehen gekämpft hat und wie viel Angst die junge Kuh hatte, aber auch wie wundervoll es war, als der kleine Mattis endlich da war. Jetzt ist das gefleckte Kalb mit den weißen Beinen schon fünf Tage alt und erkundet neugierig die Gegend, während seine Mutter im Gras liegt und ihr Frühstück wiederkäut. Aber wenn ihn der Hunger packt, steht Dina auf und säugt ihr Baby – so wie es die Natur vorgesehen hat. Denn auf diesem 150 Jahre alten Hof auf der Halbinsel Butjadingen, idyllisch zwischen Jadebusen und Wesermündung an der Nordsee gelegen, leben alle Tiere in völliger Freiheit. Keines der vier Schweine wird je beim Schlachter landen, keine Gans und keine Ente je gemästet und auch keine der 34 Kühe muss an die Melkmaschine.

Jan Gerdes ist auf Hof Butenland aufgewachsen. Eigentlich wollte er Lehrer werden, aber dann kam alles anders und er musste den Hof übernehmen. Er wurde Milchbauer, wie sein Vater und sein Großvater vor ihm. „Ich wollte es aber besser machen“, erinnert er sich. „Also habe ich den gesamten Betrieb auf Bio umgestellt.“ Das ging fast 20 Jahre lang gut. Aber Gerdes war geplagt von der Situation der Kühe. „Sie werden künstlich befruchtet, wenn sie noch sehr jung sind, und nach der Geburt werden ihnen die Kälber weggenommen“, erzählt er. Da sei es relativ egal, ob man konventionelle oder Biolandwirtschaft betreibt. Das Prinzip sei überall gleich. „Sonst kann man die Kühe nicht mit der Maschine melken und einen Hof wirtschaftlich betreiben“, sagt Gerdes. Er hat es trotzdem probiert und die Kälber länger bei ihren Müttern gelassen. Aber dann war die Trennung umso schlimmer. Früher, als man die Kühe noch mit der Hand gemolken hat, konnten sich Mensch und Kalb die Muttermilch teilen. Heute sei das zu kostenintensiv, so Gerdes. Und dass die Milchkühe am Ende auch noch zum Schlachter gingen, bedrückte den Landwirt zusätzlich.

Schließlich hat ihn sein Beruf krank gemacht und er beschloss die Landwirtschaft auf Hof Butenland einzustellen. In Zukunft wollte er die Weiden an benachbarte Bauern verpachten, das Dachgeschoss des alten Hofs für Feriengäste ausbauen und alle Kühe an den Schlachthof verkaufen. Dann kam der Tag des Abtransports. „Das war schrecklich“, erinnert sich Gerdes. „Zwölf Kühe passten nicht mehr auf den Transporter und da habe ich beschlossen, dass sie hier bleiben und in Freiheit leben sollten. Das war der Anfang vom Kuhaltersheim und Gnadenhof.“ Mit der Zeit kamen immer mehr Kühe dazu. Manche waren vorher Labortiere, andere sind von Milchhöfen durch Tierschützer befreit worden oder ausgebüxt – so wie Jungmutter Dina, für die Feriengäste den Bauern entschädigt haben, damit sie auf Butenland bleiben konnte. Drei Pferde hat Gerdes auch aufgenommen und eine Menge Hühner, Enten und Gänse, die aus Legefarmen oder Mastbetrieben stammen. Sie alle leben jetzt mit ihm, seiner Lebensgefährtin Karin Mück und ihrem Auszubildenden Kalle auf dem Hof, ebenso wie sechs Kaninchen, acht Katzen und fünf Hunde.

„Wir unterscheiden hier nicht zwischen Haustieren und Nutztieren“, sagt Gerdes. Das sei der große Unterschied zu anderen Bauernhöfen. Und damit das auch für immer so bleibt, hat er seinen Hof 2007 in die Tierschutz-Stiftung Hof Butenland umgewandelt. „Ich will, dass die Tiere hier immer gut versorgt sind“, sagt er. Denn die Erfahrung habe ihm gezeigt, dass es keinen Kompromiss gibt zwischen der modernen Viehwirtschaft und einer wirklich artgerechten Haltung von Tieren. In der Konsequenz leben die Menschen auf dem Hof auch vegan. Kein Fleisch mehr zu essen, sei ihm nicht schwergefallen, meint Gerdes. „Wir hatten auch früher immer Azubis hier, die Vegetarier waren. Was sie gekocht haben, fand ich meistens lecker.“ Schwieriger sei es da mit Milch und Käse, gibt er zu. „Darauf zu verzichten, war nicht leicht. Aber es gibt gute Alternativen. Es ist nur eine Frage, wie wichtig einem das ist.“

Plötzlich geht an diesem Spätsommernachmittag ein Wolkenbruch nieder. Jan Gerdes wird nervös. Er streift sich eine Jacke über und stampft hinaus in den Regen, um nach seinen Tieren zu sehen.

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