Zeitung Heute : Ein Herz und zwei Leben

Nach dem Kriegsende am 8. Mai 1945 war Polen ein Land in Bewegung. Keine gute Zeit für ein deutsches Mädchen, sich in einen polnischen Jungen zu verlieben. Wie Elvira Profé und Fortunat Mackiewicz 60 Jahre brauchten, um sich zu finden.

Agnieszka Hreczuk[Mieszkowice]
Immer dabei. Dieses Foto ihrer Jugendliebe trug Elvira Profé stets bei sich.
Immer dabei. Dieses Foto ihrer Jugendliebe trug Elvira Profé stets bei sich.

Die Ursel ist von der Geschichte begeistert. „So romantisch!“ Aber die Geschichte ihrer Freundin hat noch kein Ende. Die Ursel will, dass sie gut ausgeht. Und da sie ein Auto besitzt, bringt sie ihre Freundin selbst zum Treffpunkt. Nach Polen. Mehr als 500 Kilometer ist der Weg lang.

Es ist 1995. Ursel redet aufgeregt, Elvira Profé denkt nach. Sie hat Zweifel. Je näher sie dem Ziel kommen, desto größer werden die. So viel Zeit ist vergangen. Sie werde ihn bestimmt nicht mehr erkennen, denkt sie sich, und er sie auch nicht. Sie werden nur enttäuscht sein. Es geht doch gar nicht anders.

Sie holt das Foto aus dem Portemonnaie. Es ist ein altes Bild, mit einem weiß gezackten Rand, wie es vor Jahrzehnten üblich war. Keine Risse, keine Knicke. Dabei hat die Fotografie so viele Jahre in so vielen Portemonnaies von ihr gesteckt. Alte Portemonnaies warf sie weg, das alte Bild behielt sie.

Es zeigt einen jungen, eleganten Mann mit ernstem Blick. Sein Name: Fortunat Mackiewicz. „Fortek“, sagt Elvira liebevoll. Das Foto ist schwarz-weiß, die Details muss man sich denken. Dunkle Haare, helle Augen. Grüngrau, das merkte sich Elvira bei ihrem ersten Treffen. Winter 1946 war das, sie war in die Küche seiner Eltern in Mieszkowice getreten, wie es nach dem Krieg hieß, davor war es Bärwalde. Sie hielt ein Milchkännchen an die Brust gedrückt. Und welche romantische Liebe beginnt schon mit Milch?

Aber jetzt ist sie hier. Unterwegs auf der Autobahn mit Ursel. Unterwegs, eine Lücke in ihrem Leben zu schließen, die gerissen wurde durch Weltgeschehen: den Zweiten Weltkrieg, den Kalten Krieg danach, die Blockpolitik, den Mauerbau. Aber geht so etwas überhaupt, etwas, das man verpasst hat, noch zu korrigieren?

Am Treffpunkt wartet Fortunat Mackiewicz, genannt Fortek. Längst alt geworden, steht er dort und hat kurzzeitig romantische Ideen. „Unsinn“, sagt er dann zu sich selbst. In seinem Alter! Die Blumen, eingeschweißt in einer Glaskugel, sein Begrüßungsgeschenk, hält er plötzlich für eine absurde Idee. Was erwartet er? Ein altes Weib. Er überlegt, ob es nicht besser wäre, vom Bahnhof, den sie als Treffpunkt vorgesehen haben, zu flüchten. Es sei doch sowieso „zu spät“, sagt er sich, „vorbei ist vorbei“.

Aber manchmal auch nicht. Und so können Elvira Profé und Fortek Mackiewicz, die Deutsche und der Pole, zum heutigen Jahrestag des Kriegsendes ihre ungewöhnliche, unwahrscheinliche und darum vielleicht schönste Liebesgeschichte der Welt erzählen.

Sie beginnt nicht erst im Winter 1946, als Teile von Polen zur Sowjetunion und Teile Deutschlands zu Polen gehören. Aber es ist die Zeit der großen Verschiebungen, in der manche Menschen trotzdem in ihren Häusern bleiben, so dass in den neuen Grenzen aus ehemaligen Kriegsgegnern Landsleute werden – und ein deutsches Mädchen, das Milch holen will, zu einem polnischen Bauern geht. Wie in Mieszkowice, ehemals Bärwalde.

Zu Bärwalde-Zeiten war der Stolz der Stadt eine Wasserwaagen- und Zollstockfabrik gewesen, die Elviras Großvater gegründet und ihr Vater geleitet hatte. Sie waren gute Arbeitgeber, für die Mittagspausen schmierte Elviras Mutter Butterbrote. Erst für ihre deutschen Arbeiter, und als der Krieg ihnen polnische Arbeiter aus Lodz brachte, auch für die.

Als dann die Rote Armee in Bärwalde einmarschierte und alle deutschen Männer verhaftete, legten die polnischen Arbeiter ein gutes Wort für Elviras Vater ein. Außerdem sagten sie, dass nur der Herr Profé mit seinem Wissen die Stromversorgung der Stadt sicherstellen könne.

Er wurde freigelassen. Die anderen deutschen Männer lagen nahe der Mühle im Dreck, mit Schusslöchern im Kopf.

Elvira wurde wie zigtausende Deutsche und Polen in der Zeit nach Sibirien gebracht. Das hätte für die 19-Jährige das Ende sein können, doch sie hat Glück. Als sie krank wird, lässt man sie nicht sterben, man schickt sie zurück, nach Frankfurt (Oder), das jetzt Grenzstadt ist. „Bärwalde gibt es nicht mehr. Dort ist jetzt Polen“, sagt ihr jemand. Sie fragt herum und erfährt, dass Bärwalde jetzt zwar Mieszkowice heiße, aber ihre Familie dort geblieben ist. Und Walter Profé, Elviras Vater, leitet immer noch die Fabrik. Elvira beschließt, zu ihrer Familie zu gehen, auch wenn das jenseits der Grenze sein würde.

Zu jener Zeit hilft in der Fabrik ein gewisser Fortek Mackiewicz aus, der etwas Deutsch kann. Was auch ein Zufall ist, denn die Familie Mackiewicz ist erst durch den Krieg hierher an die Oder geraten. Vorher hatten sie weit in Ostpolen gelebt, in einem kleinen Dorf, in dem man nur wenig Erfahrung mit Deutschen, wohl aber viele schlechte mit Russen gemacht hatte. Als 1944 klar wird, dass die Region zur Sowjetunion gehören würde, nehmen die Mackiewiczs vom Bauernhof mit, was sie tragen können und was selbst laufen kann, sie steigen in den Zug nach Westen und kommen in Mieszkowice an, wo die meisten Häuser leerstehen, weil die deutschen Bewohner geflohen sind.

In jenem Winter bekommt man in Mieszkowice Lebensmittel nur gegen Lebensmittelmarken oder auf dem Schwarzmarkt. Die Polen haben Tiere, sie leben von ihren Hühnern und Kühen. Die Deutschen haben nichts, weder Marken noch Geld. Den Profés hilft die Güte der Mutter Mackiewicz.

„Warum gebt ihr euch mit diesem Kraut ab?“, hören die Mackiewiczs von da an von ihren polnischen Nachbarn. Aber die Mutter pflegt zu sagen: „Man weiß nie, wie sich das Schicksal wendet.“

Und darum kippte sie dem dünnen Mädchen Milch in dessen Kanne. Das dünne Mädchen, das den Sohn angeschaut hat – und er hat ja auch geschaut.

Der 25-jährige Fortek sitzt am Tisch in der Küche, als sie reinkommt. Genau so wie auf dem Foto sieht er aus, nur nicht so ernst. Elvira hat gelernt, sich vor den Männern zu fürchten. Vorsichtig geht sie rückwärts zum Ausgang, das Milchkännchen hält sie fest an die Brust gedrückt. Sie schaut ihm die ganze Zeit in die Augen. Grüngrau und lächelnd. Warm und vertrauenswürdig.

So fing es an. Ganz einfach.

„Liebe auf den ersten Blick? Ah, sie war so zerbrechlich, so dünn. Wie kann man sich in so eine Frau verlieben?“, wird er Jahrzehnte später über den Moment sagen und ein Foto von Elvira holen, das im Regal steht. Ein Mädchen mit langen dunklen Haaren, hinten zusammengebunden nach der alten Mode. Ernste, etwas traurige Augen. „Moje kochanie“, wird er dabei sagen, mein Liebling, und das Foto anlächeln und sanft streicheln.

Die dünne junge Frau kommt von da an immer, wenn es Milch zu holen gibt. Sie und der Sohn reden miteinander. Sie macht sein Herz weich. „Du musst dich nicht mehr fürchten, ich werde dich beschützen“, sagt er ihr mal. Sie lacht wieder. Sie machen lange Spaziergänge, die Blicke der Nachbarn sind ihnen egal. Auf dem Weg nach Moryn küsst Fortek Elvira zum ersten Mal so richtig.

Der Beamte im Standesamt freut sich, dass der junge Mackiewicz heiraten will.

– Eine Deutsche? Na gut, es gab schon solche Fälle in der Gegend. Wen?

– Elvira Profé.

– Die Tochter des Fabrikbesitzers? Eine Kapitalistin also?

Ein lautes Klopfen des Bleistiftes beendete die Sache. Für Kapitalisten gibt es keinen Platz in Polen.

Es ist ein Vorzeichen. Bald darauf müssen die Profés fort aus Mieszkowice. Sie kriegen eine halbe Stunde Zeit, ihre Sachen zu packen. Fortek kommt sich verabschieden. Beide wissen, dass sie sich nie wieder sehen werden. Elvira kann schwören, dass Fortek Tränen in den Augen hat. „Ich werde schreiben“, verspricht sie ihm. Lieber nicht, sagte er, ein Brief aus dem Ausland bedeute Probleme. Nur die Fotos bleiben ihnen. Seins in ihrem Portemonnaie und ihrs in seinem Regal.

Die Familie Profé ließ sich erst in Brandenburg nieder, doch als die neu gegründete Fabrik für Messinstrumente des Vaters von der DDR-Führung verstaatlicht wurde, zogen sie nach Westfalen. Elvira studierte, half dem Vater. Später zog sie nach West-Berlin, arbeitete mit geistig behinderten Kindern. Eine Familie gründete sie nie. Sie fragte sich nicht, ob es wegen Fortek so war. Er hat mich bestimmt schon vergessen, dachte sie sich. Aber sein Foto hatte sie immer dabei.

Nach dem Mauerfall ergriff Elvira die Gelegenheit, nach Mieszkowice zu fahren. Sie besuchte die Fabrik, in der immer noch gearbeitet wurde. Sie stellte sich vor. „Profé?“, fragte ein Mann erfreut. Er erinnerte sich an ihrem Vater. Elvira wurde eingeladen, alle waren so herzlich zu ihr. Sie erzählte von der ersten Fabrik im Osten, der Flucht in den Westen, dem Tod ihres Vaters. Am Ende fragte sie nach Fortek. „Mackiewicz? Er ist längst tot.“

Elvira stand auf. Sie hatte das Gefühl, dass sie mehr nicht zu suchen hatte. Sie verabschiedete sich, hinterließ ein Maßband, auf dem die Adresse des väterlichen Betriebs noch eingestanzt war, falls sie mal etwas bräuchten ...

Ein paar Monate später kam tatsächlich ein Brief. „Sehr geehrte Frau Elvira“. Ein Brief von Fortek. Er ist nicht tot. Eine seiner Cousinen hatte von Elviras Besuch gehört und ihm die Adresse von dem Maßband gegeben. Und nun ist sein Brief in Berlin angekommen.

Er schreibt, dass er Mieszkowice kurz nach Elvira verlassen hatte und jetzt im Ermland wohnt, in Mlynary, an der russischen Grenze. Was er all diese Jahre gemacht und dass er geheiratet habe. Erwähnt aber nicht, dass seine Frau vor 20 Jahren in die USA ausgewandert ist und sie getrennt leben.

„Unser Junge hat geschrieben“, freute sich die ältere Frau Profé, Elviras Mutter. So nannte sie Fortek immer noch. „Antworte ihm, vielleicht braucht er was.“

Elvira traute es sich erst nach Monaten. Nach vier Jahren beschlossen sie, dass sie sich treffen sollten. Und deshalb sind sie also unterwegs. 1995. Sie im Auto mit der Ursel. Er in seinem, allein. Als Treffpunkt dient der Bahnhof in Kwidzyn.

Ursel sieht Fortek als Erste. Sie erkennt ihn als den Mann vom Foto. „Da ist er!“

Sie kommen sich näher, bleiben stehen. Und dann umarmen sie sich. Ohne Fragen, ohne Worte. Einfach so. „Es war so, als ob es alle diese Jahre nicht gegeben hätte. Es gab einfach nur uns. Elvira und Fortek“, sagen sie heute. Nach all den Jahren ist die Liebe immer noch da. Elvira kann nur etwas Polnisch, Fortek hat viel Deutsch vergessen. Ungewöhnlich sind ihre Gespräche. Noch ungewöhnlicher ist, dass sie sich verstehen. Als ob sie gar keine Worte bräuchten, sondern ihre Gedanken lesen würden. „Echte Liebe“, seufzen die Leute mit etwas Neid.

Sie bauen ein Haus, um zusammen sein zu können. Er zieht wieder nach Mieszkowice, sie siedelt aus Berlin über. Dieses Mal, 2005 und beinahe 60 Jahre nach dem ersten Versuch, hat der Beamte im Standesamt keine Vorbehalte. Obwohl die Braut 80 Jahre alt ist und der Bräutigam 85. Sie sagt: „Warum sollen wir daran denken, was wir nicht hatten? Lieber uns daran freuen, was wir haben. Uns. Dass wir uns wiedergefunden haben, ist ein Wunder.“

Das Foto von Fortek trägt Elvira immer noch mit sich, im Portemonnaie. Das Foto von ihr steht im Wohnzimmer auf der Kommode. Gleich neben der Glaskugel mit den eingeschweißten Blumen. Und neben dem Hochzeitsfoto, auf dem Elvira und Fortek lachen. „Letztendlich ein Happy End.“

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