Zeitung Heute : Ein Hirsch, zwei Kühe, viele Pfeile

Wilderei in einem Brandenburger Zoo

Ariane Bemmer[Müncheberg]

Er war ein bisschen schmalbrüstig, aber lieb. Kam zum Zaun, wenn man ihn rief, ließ sich streicheln. Jetzt ist er tot, Jürgen, der Damhirsch, und zwei trächtige Hirschkühe auch. Abgeschossen mit Pfeilen und weggeschleppt. Man hat die 20 Zentimeter langen Pfeilspitzen später gefunden. Auch die Spuren waren deutlich, das Blut und die Furchen, die Jürgens Geweih gezogen hat, es hatte geschneit in der Nacht auf den 28. Januar, in der Tatnacht.

Die Gewalttat hat den Heimattiergarten von Müncheberg im Osten Brandenburgs aufgeschreckt. Wer macht so etwas? Und warum? Und was, wenn die Täter wiederkommen?

Sechs Hirschkühe haben sie jetzt noch. Außerdem Wildschweine, Mufflons, Ponys, Ziegen, Hasen und Rotwild: Heinrich und seine Herde. Die Tiere stehen an der Straße, die hat man schnell im Auto. Davor haben sie im Tiergarten Angst.

Für Norbert Marx, den Chef des Heimatzoos, ist das alles eine Sauerei, das sagt er schnell und mit sächsischem Tonfall. Es ist eine Woche nach der Tat. Marx steht vor dem Gehege, in dem die drei Tiere fehlen. Der Anschlag auf den Tierpark trifft ihn. „Da gibt man sich hier so eine Mühe“, sagt er. Er ist der einzige Angestellte, die anderen Männer, die hier gerade füttern, ausmisten oder ausbessern, helfen freiwillig. Der Zoo hat vor acht Jahren als Arbeitsamtsmaßnahme angefangen, aber vielen ist er längst eine Art heile Heimat geworden, mit den vielen Tieren, die sie lieb gewonnen haben.

Der Mini-Zoo liegt im Schatten hoher Fichten, an denen ein Specht herumklopft. Am Eingang ist eine Drehtür, in der sich so viele Mütter mit ihren Kinderwagen verkeilt haben, dass man eine zweite Tür baute. Die steht offen. Eintritt kassiert Marx, wenn er Besucher sieht, im Vorbeigehen, einen Euro 50.

Am Damwildgehege hängt noch die Infotafel mit Foto von Jürgen, Damwild, männlich, geboren 1997. Sie seien auch traurig, sagt Helmut Füller, „wir haben den Jürgen ja gekannt“. Füller ist der Vorsitzende des Stiftungsvereins, der den Tiergarten unterstützt und 30 Prozent von Marx’ Gehalt zahlt. Der Rest kommt vom Arbeitsamt. Marx und Füller, das sind kleine, breite Männer, die nach harter Arbeit aussehen. Sie kommen beide aus der Landwirtschaft. Füller hat einen Schweinebetrieb. Er sagt, die Polizei glaube, dass die Täter das Fleisch an ein Wildrestaurant verkaufen wollen.

Er hat auch eine gute Nachricht: Der Tierpark Wriezen schenkt den Münchebergern einen Damhirsch. Jetzt brauchen sie aber noch 100 Euro für die Betäubungsmunition, einen Tierarzt, der mit dem Betäubungsgewehr schießen kann, und einen Transporter. Der Verein mit seinen 30 Mitgliedern – alles Rentner – hat nicht viel Geld. Münchebergs Heimattiergarten ist ein bisschen wie Jürgen: etwas schmalbrüstig, aber lieb. Kinder können hier etwas über den Wald und seine Bewohner lernen, Marx sammelt die Geweihe, die Heinrich jährlich abwirft. Die könne er genauso gut teuer verkaufen, sagt er. Aber das wolle er nicht.

Am Morgen nach der Tat kam die Polizei, der Tiergarten blieb geschlossen. Marx sagt, er habe erst abends zu Hause gemerkt, dass er den ganzen Tag nichts gegessen hatte, und Füller findet, er hätte damals sagen sollen, dass sie an den Tieren gerade Medikamente testen, die für Menschen gefährlich sind. Dass ihm das nicht eingefallen ist, ärgert ihn.

Am Wochenende hat sich der Stiftungsverein getroffen. Eine Firma will ihnen Überwachungskameras schenken, außerdem wollen ein paar Vereinsmitglieder nachts Streife gehen. Sie haben einen Plan aufgestellt, sagt Füller.

Marx wird nicht patrouillieren. Er wohnt zu weit weg. Jetzt macht er einen Rundgang durch den Park. Vorbei an den Wildschweinchen, dem Ziegenbaby, das Kinder aus Müncheberg „Schneeröschen“ getauft haben, vorbei an den Shetlandponys, den zwei kleinen Hängebauchschweinchen. Hängebauchschweinchen schmecken auch lecker, sagt Marx.

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