Zeitung Heute : Ein höchst verdächtiger Zufall Zwei Flugzeugabstürze binnen weniger Minuten

Elke Windisch[Moskau]

Ein Schreibheft liegt da. Eines, wie sie Schüler der unteren Klassen benutzen, auf den Linien ungelenke Buchstaben. Ferienerlebnisse eines kleinen Mädchens von der Schwarzmeerküste, das mit den Eltern auf Urlaub bei Verwandten in Moskau war. „Ein Leben“, sagt der Einsatzleiter des Katastrophenschutzes mit belegter Stimme, „ist zu Ende, bevor es richtig begann.“ Einen Moment noch verweilt die Fernsehkamera auf dem Gesicht mit den blauen, ein wenig feuchten Augen, dann schwenkt sie über die Unglücksstelle: Trümmer der Tragflächen und des Fahrwerks, Gepäckstücke, darunter auch das Schreibheft, verstreut in einem Umkreis von mehreren hundert Metern. Männer mit signalroten Helmen untersuchen mit ihren Hunden das Gebiet. Sie sind Sprengstoffexperten des Inlandsgeheimdienstes FSB. Konkrete Hinweise auf einen Anschlag gebe es bisher nicht, sagte jedoch der FSB-Pressesprecher.

Es ist kurz nach 22 Uhr Moskauer Zeit, als am Dienstag vom Flughafen Domodedowo im Süden der russischen Hauptstadt eine TU-134 Richtung Wolgograd startet. Am Steuer sitzt der Generaldirektor von Wolga-Avia-Express, der die Maschine gehört. Ein erfahrener Flieger. Um 22 Uhr 56 verschwindet sie vom Radar. Ohne Anzeichen einer Katastrophe. Kein Wortwechsel im Cockpit, kein SOS, keine auffälligen Manöver. Zur gleichen Zeit wollen Einwohner im zentralrussischen Butschalki, dort wo der lichte Mischwald allmählich den Steppen Südrusslands weicht, am Nachthimmel einen grellen Lichtblitz gesehen und Sekunden später einen ohrenbetäubenden Knall gehört haben. Dann fällt die Tupolew auf die Erde.

Fassungslos starrt das Team im Tower von Rostow am Don auf die Bildschirme. Und bis zur nächsten Katastrophe sind es nur noch wenige Minuten. Eine TU-154 der Fluggesellschaft Sibir, die 35 Minuten zuvor, ebenfalls in Domodedowo, von der Startbahn abgehoben hatte, und auf dem Weg nach Sotschi ist, fällt nahe dem südrussischen Rostow vom Himmel und bohrt sich mit der Nase metertief in den Steppenboden. Kurz darauf klingeln die elfenbeinfarbenen Telefone ohne Wählscheibe, die selten etwas Gutes melden – im Schlafzimmer von Premier Michail Fradkow und in Putins Urlaubsresidenz bei Sotschi. Auch die Leitung des dortigen Flughafens ist bereits im Bilde, teilt den Wartenden zunächst jedoch nur per Anzeigetafel mit, die Ankunft der Maschine aus Moskau verzögere sich „auf unbestimmte Zeit“. Erst, als schon der neue Tag graut, bittet ein Sibir-Repräsentant die Hinterbliebenen in das Flughafencafé.

Zwei Abstürze mit insgesamt 89 Toten innerhalb weniger Minuten. Ein irrer Zufall? Menschliches Versagen, überalterte Maschinen, mangelnde Wartung oder schlechtes Flugbenzin? Oder eben doch ein Anschlag? Am Sonntag sind Präsidentenwahlen in Tschetschenien, die Separatisten, die bei dem Scheinfriedensprozess außen vor blieben, hatten schon Anfang Juni mit „deutlicher Zunahme“ aktiver Kampfhandlungen gedroht.

Worte, denen Taten folgen: Überfälle auf Militärkonvois im Nordostkaukasus, bewaffnete Zusammenstöße mit Ordnungskräften im bisher relativ ruhigen Nordwestkaukasus. Und was ist mit den Passagieren, die, wie die Nachrichtenagentur Interfax meldete, eingecheckt hatten, aber nicht an Bord waren, als sich die Kabinentür der Maschine nach Wolgograd schloss? Gleich sechs Mann, die den Abflug trotz mehrfacher Aufrufe verpasst haben? Warum sprachen hiesige Medien bei der Maschine nach Sotschi zunächst von einer Entführung? Fragen, auf die die Bevölkerung bisher keine Antwort bekam. Der Terrorverdacht wird offiziell heruntergespielt. Aber Experten und Parlamentsabgeordnete sagen, die Umstände der Abstürze deuten auf einen Anschlag hin. Und Präsident Putin kehrte aus dem Urlaub nach Moskau zurück und übertrug die Sicherheitskontrollen auf den Flughäfen sofort dem Innenministerium. Denn er sagte einmal selbst: Er sei für alles, was im Land geschieht, verantwortlich.

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