Zeitung Heute : Ein Hotel speziell für Fans des alternativen Betriebssystems

Walter Schmidt

Die Bibel Fehlt. Nach Gottes Wort kramen die Gäste der Villa Vogelsang in ihren Nachttisch-Schubladen vergeblich. Stattdessen finden sie im Hotelzimmer Informationen über ein Betriebssystem für Computer, das Linux heißt und immer mehr Freunde gewinnt. Spätestens wenn der Blick der Hotelbesucher auf einen possierlichen Plüsch-Pinguin fällt, der in keinem Zimmer fehlt, wissen sie, dass sie in keinem normalen Hotel sind. Die Villa Vogelsang in Essen-Horst ist das einzige Linux-Hotel Deutschlands.

Das muss die Hotelgäste nicht weiter stören. "Wir wollen auf keinen Fall den Eindruck erwecken, dass sich Geschäftsreisende mit einem Betriebssystem beschäftigen müssen, wenn sie bei uns ein Zimmer buchen", sagt der Hotel-Inhaber und -Geschäftsführer Reinhard Wiesemann. Wer 195 bis 425 Mark für eine Nacht zahlt, sollte freilich auch die Wahl haben. Neun Zimmer und Suiten gibt es, daneben übliche Annehmlichkeiten: Leihfahrräder, Yoga-Kurse.

Die Villa Vogelsang liegt lauschig in einem zweieinhalb Hektar großen Park oberhalb der Ruhr und verdankt ihre Existenz einem kuriosen Zufall. Sie wurde vom Pächter einer benachbarten Burg erbaut, nachdem dessen Magd beim Holzhacken einen Goldschatz gefunden hatte, der möglicherweise aus der Kriegskasse Napoleons stammt. Seit Mai 1999 können Hotelgäste in der aufwändig restaurierten Villa übernachten und die Abende dazu nutzen, sich von einem Privatlehrer in Linux schulen zu lassen - aber auch im Umgang mit dem Internet oder mit E-Mail. Das kostet pro Stunde 170 Mark und spielt sich im Hotelzimmer ab.

"Wer sich dafür interessiert, sollte schon beim Buchen des Zimmers seinen Lehrer mitbestellen", rät Wiesemann. Gäste, die keine Schulung, aber einen Laptop brauchen, können sich ein Gerät für 100 Mark pro Tag mieten. Die zumindest deftig klingenden Kosten verteidigt der Hotelinhaber damit, dass er Notebooks "alle zwei Jahre" ersetzen müsse und meist eine halbe Stunde Einweisung in das Angebot nötig sei.

Das Hotel bietet neben der individuellen Schulung und Abendkursen auch Seminare zu Linux an, die externe Fachleute leiten. Themen können sein: Linux im Unternehmen, Linux-Grundkurs, Internet und Sicherheit oder Netzwerk- und Systemadministration. Während der Sommer-Akademie (maximal neun Personen) können sich Linux-Freunde eine Woche lang ganz vertieft einem Thema widmen und haben alle Angebote des Hotels inklusive - dürfen dafür aber auch 5200 Mark pro Person bezahlen. Unentgeltlich ist der monatliche Walk-in (auf deutsch: Hereinspaziert!), bei dem ein Experte Rede und Antwort zu allen Fragen rund um Linux steht.

Das Hotel-Angebot lockt noch etwas im Nebel des Unbekannten. Bisher begrüßt Reinhard Wiesemann in seinem Haus "leider vor allem Gäste, die von Linux noch nichts gehört haben". Doch der Hotel-Manager hofft auf Zuwachs, "denn Linux ist das Betriebssystem mit den größten Zuwachsraten", freilich auf vergleichsweise niedrigem Niveau, gemessen etwa an der Verbreitung von Windows oder anderer Systeme, die Linux-Fans dem "Kathedralen-Prinzip" zuordnen. Will heißen: Sie werden von einer monopolistischen Firma entwickelt und können extern nicht verändert werden, weil das Erfinder-Unternehmen den so genannten Quellcode nicht preisgibt. Das ist bei Linux anders. Das Programm selbst ist kostenlos, entwickelt sich ständig fort und kann als System nach dem quasi anarchistischen "Basar-Prinzip" von freien Spezialisten wunschgemäß an die Bedürfnisse von Nutzern angepassst werden.

Das spricht sich herum. Zehn Millionen Anwender gibt es laut Wiesemann weltweit. "Heute schon laufen 42 Prozent aller Internet-Server mit Linux", freut sich der Hotelier, der sich von den Vorteilen des Betriebssystems - vor allem für Firmen - überzeugt zeigt. Das muss er wohl, wenn seine kreative Geschäftsidee wirklich erfolgreich werden soll.Hotel im Park "Villa Vogelsang", t 02 01 / 85 36 - 600 (Fax: - 605), Internet: www.villa-vogelsang.de ; E-Mail: rezeption@villa-vogel sang.de . Am 6. Mai findet der Demo-Tag der Essener Linux User Group statt, eine Info-Messe rund um Linux. Essen ist von mit dem ICE in rund dreieinhalb Stunden zu erreichen.

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