Zeitung Heute : Ein Igel und der Polterer

Er war der Anwalt der Zwangsarbeiter – jetzt hat Stuart Eizenstat sein Buch über die Verhandlungen vorgestellt

Matthias B. Krause[New York]

Von Matthias B. Krause,

New York

Der Buchumschlag lässt an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. Er zeigt eine Schweizer Nationalflagge, überlagert von Goldbarren, die zum Hakenkreuz angeordnet sind. Darüber der Titel „Imperfect Justice“ – Unvollkommene Gerechtigkeit. Schon bevor Stuart Eizenstats Werk die Ladentische in den USA erreichte, sannen die erbosten Schweizer über eine Klage gegen den ehemaligen Chefunterhändler der US-Regierung nach. Oder wenigstens über ein Einreiseverbot auf Lebenszeit. Eizenstat selbst nahm die Entrüstung gelassen. Verglichen mit dem, was er bei seinen jahrelangen Verhandlungen in Bern, Berlin, Wien und Paris erlebte, um Zwangsarbeitern und Enteigneten mehr als 50 Jahre nach der Nazi-Herrschaft eine Entschädigung zukommen zu lassen, ist sie kaum ein müder Wind im Wasserglas.

Im feinen Salon des Council on Foreign Relations mit Blick auf die New Yorker Park Avenue, verkleidet mit schwerem, dunklem Holz und dekoriert mit einem Dutzend Ölbildern, wirkt der Mann im grauen Straßenanzug auf den ersten Blick harmlos. Die Haare schütter, die Lippen schmal, die Augen blicken durch eine Brille mit feinem Goldgestell. Ernst und aufmerksam. Doch die Entschädigungsverhandlungen, die die Öffentlichkeit schon als einen quälenden Prozess erlebte, wirken aus der Innenansicht, die Eizenstat an diesem Abend aus seinem Buch referiert, bisweilen schockierend.

Eizenstats Worte haben Gewicht, er gilt in Amerika seit Jahrzehnten als der Mann für unmögliche Fälle. Ob Handelskrise mit Europa, Umweltgipfel in Rio de Janeiro oder der Kampf um die Entschädigung der Zwangsarbeiter – die amerikanischen Präsidenten riefen stets Eizenstat. Der 60 Jahre alte Jurist sei ein brillanter Diplomat, sagen Freunde und Feinde. Seine Künste beschrieb ein früherer EU-Botschafter in Washington so: „Er ist wie ein Igel: Rastlos an den Ecken der Fälle schnüffelnd, um zu sehen, wo es einen Eingang gibt. Bei der kleinsten Gefahr jedoch rollt er sich ein und wird unangreifbar. Später kommt er wieder hervor und macht weiter.“

Mit dieser Taktik hat Eizenstat als Beauftragter Washingtons Konzernen und Regierungen in der Schweiz, in Deutschland, in Österreich und Frankreich Milliarden abgerungen. Die Deutschen landen auf seiner Moral-Skala irgendwo zwischen Zwei minus und Drei plus. Während er Kanzler Gerhard Schröder und auch dem Verhandlungsführer Otto Graf Lambsdorff gute Zeugnisse ausstellt, dominiere bei den deutschen Wirtschaftschefs jedoch das Kosten-Nutzen-Denken.

Obwohl Eizenstat ihnen nicht abspricht, sich ihrer moralischen Verantwortung bewusst zu sein, soll davon im praktischen Tauziehen um das ZehnMilliarden-Mark-Abkommen wenig übrig geblieben sein. Insbesondere Daimler-Chrysler-Vorstand Manfred Gentz wird von Eizenstat als poltriger Dickkopf porträtiert, der mit allen Tricks versuchte, die Kassen seines und der anderen Unternehmen maximal zu schonen.

So zog Gentz nach einem halben Jahr Verhandlungen plötzlich einen Plan aus der Tasche, der laut Eizenstat darauf hinauslief, die Zahl der Begünstigten so weit es geht zu reduzieren. Nur wer unter „Gefängnis ähnlichen Bedingungen“ arbeiten musste, sollte demnach Geld erhalten – und auch nur, wenn er das mehr als sechs Monate lang ertragen hatte. Wie viel die Opfer dann bekommen, sollte wiederum von ihren heutigen Lebensumständen abhängen. Weniger also für die Überlebenden in Osteuropa, mehr für jene in den USA, Westeuropa und Israel. Oder, wie Eizenstat Gentz zitiert: 5000 Dollar seien für einen „reichen Juden in New York“ nun mal viel weniger als für einen ukrainischen Pensionär.

Der Vorschlag sei „ein perfektes Rezept für ein Desaster“, sagt Eizenstat, dennoch ging Gentz damit entgegen allen Absprachen an die Öffentlichkeit. Selbst einen Interventionsversuch des damaligen US-Botschafters in Deutschland, John Kornblum, ignorierte er. Das Ergebnis fasst Eizenstat in dem Satz zusammen: „Das Vertrauen, das ich zwischen den Verhandlungspartnern über mehrere Monate vorsichtig aufgebaut hatte, brach an einem einzigen Tag zusammen.“ Die Verhandlungen verzögerten sich um Wochen, derweil starben die Opfer weiter – ein Prozent von ihnen pro Monat, hatte Eizenstats Team ausgerechnet.

Das Verhältnis zwischen Gentz und dem US-Chefunterhändler blieb bis zum Schluss äußerst gespannt. Einmal habe sich der Wirtschaftsvertreter gar zu der Bemerkung verstiegen, die Zahlungen gingen auf Kosten „unserer Aktieninhaber, von denen viele Juden sind“, schreibt Eizenstat. Sein einziger Kommentar: „Unglaublich“.

Schließlich schießt Gentz wenige Augenblicke vor Unterzeichnung des Abkommens am 17. Juli 2000 erneut quer. Er wirft den USA eine „wahre Diktatorschaft“ vor und setzt nur widerwillig seine Unterschrift unter das Dokument. Sollte Eizenstats Insiderbericht nun auch in Deutschland Wellen schlagen, wird es wenigstens nicht am Umschlag liegen: Den hat der Verlag fast schamhaft neutral gestaltet.

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