Zeitung Heute : Ein im Grünen Häuschen

Hier verbringt der Mensch jede Menge Zeit: an der Haltestelle. Und er freut sich an einem Dach überm Kopf. Zu Unrecht werden Wartehäuschen kaum beachtet. Jetzt wurden sie Kunst – auf der Berliner Biennale.

Susanne Kippenberger

Ein Haus aus Glas mit bestickten Gardinchen, mit Rattansofa und frischen Blümchen, Computeranschluss und Reiseproviant: eine Bushaltestelle am Ende der Welt, auf Unst, der nördlichsten bewohnten Insel Großbritanniens. Dort ist der Wartende nicht der Arme, ohne Auto und ohne Führerschein, sondern König. „God Save the Queen and Bobby MacAulay“ hat denn auch jemand ins Gästebuch der schottischen Bushaltestelle geschrieben. MacAuley war nämlich der gute Geist, der den einsamen Ort so ausstaffiert hat, dass die Haltestelle vor ein paar Jahren von der Fachzeitschrift „Buses Magazine“ zur besten Großbritanniens ernannt wurde.

Nackt – nackter geht's nicht: „The Naked City“ hat der portugiesische Künstler Pedro Barateiro seine massiven Bushaltestellen aus rohem Beton genannt, die er auf der kürzlich eröffneten Berlin-Biennale aufgestellt hat: die eine vor der Neuen Nationalgalerie, die andere im Skulpturenpark. Dass in den Tagen der Eröffnung tatsächlich ein Bus-Shuttle die beiden verband, war Zufall. Heute ist es nur noch eine imaginäre Reise, die den Stop im Osten mit jenem im Westen verbindet. Denn die Bushaltestellen sind gar keine Bushaltestellen, der Beton kein Beton, zumindest kein hundertprozentiger, das wäre zu teuer geworden. Die Installationen sind Nachbauten von Stops am anderen Ende der Welt, in Litauen und Kasachstan. Der Künstler kennt sie von Bildern des Schweden Christopher Herwig, der durchs riesige Ex-Sowjetreich gereist ist, um Bushaltestellen zu fotografieren. Die meisten von ihnen, von durchaus imposanter Statur, sehen ziemlich traurig aus. Als hätte sie jemand vergessen in den unendlichen Weiten des Nichts.

„My Life as a Bus Stop“, so heißt ein Film, in dem es um etwas ganz anderes als Bushaltestellen geht. Schade eigentlich, denn so ein Stop hätte viel zu erzählen. Komödien und Tragödien, Dramen und Romanzen.

Bushaltestelle, was für ein profanes Wort für einen so reizvollen Ort. „A home away from home“, das ist es doch, was das Häuschen ist: ein ambulantes Zuhause für den Reisenden, der hier ein Dach überm Kopf findet. Drei – heutzutage meist transparente – Wände dazu, und schon ist er geschützt vor Regen, Wind und Schnee, ja, selbst vor zuviel Sonnenschein: In Dubai gibt es schon vollklimatisierte Häuschen. Die Wartehallen haben eine Bank zum Sitzen, ein bisschen was zu lesen – Reklame, Abfahrtszeiten, kleine Botschaften (Katze entlaufen) –, Kunst an der Wand, selbst gemalt oder gekritzelt, einen Abfalleimer, ein Gespräch vielleicht, ein Flirt… Selbst mit Musik wird man versorgt, die dringt aus fremden Ohrstöpseln zu einem hinüber. Was will man mehr.

Ein Klo zum Beispiel. Aber auch das gibt es längst, an einigen Endhaltestellen der BVG. Oder in den futuristisch anmutenden Modellen der „Intelligent Series“, die das japanische Designbüro GK Sekkei für den Berliner Unternehmer Hans Wall entworfen hat. Die haben so ziemlich alles, was man sich für ein modernes Zuhause wünschen kann: Entertainment, Informationen über die Stadt, eine Uhr, Solarzellen im Dach, Temperaturanzeige, Reklame sowieso. Nur ohne Gardinchen und Blümchen.

Aber Bushaltestellen, und das macht sie so reizvoll für Künstler aller Art, sind weit mehr als technische Ausstattung. Allein die Bau gewordene Metaphorik: Ist nicht das ganze Leben eine Reise, eine einzige Warterei?

Es sind Orte des Versprechens, vor allem in der Provinz: Irgendwann kommt hier ein Bus vorbei und holt dich aus der Einöde raus. Sie sind das Etwas im Nichts. Weshalb jede Bushaltestelle besser ist als gar keine. Denn wo die Häuschen verschwinden, gibt es bald auch keine Menschen mehr.

Es sind Orte der Enttäuschung – gerade ist der 48er weg –, ja, der Hoffnungslosigkeit. Woher soll ich die Zuversicht nehmen, dass hier tatsächlich je ein Bus vorbeikommt? Dass das Warten mal ein Ende nimmt? Auf den Dörfern Brandenburgs, wo es nicht mal eine Tankstelle gibt, geschweige denn einen Jugendclub, gehören Haltestellen zu den wenigen Orten, an denen junge Leute sich unter einem Dach treffen können, ohne dafür bezahlen zu müssen. Da kann die Enttäuschung auch in Wut umschlagen. Schmierereien und „Entglasung“, wie das offiziell heißt, machen den Häuschen zu schaffen.

Bushaltestellen sind Orte der Poesie, zumindest aus der Ferne betrachtet. Dann stehen die Menschen da wie in einem Bühnenbild, als hätte ein Regisseur sie dort platziert: Du hier hin, Ihr beiden dort drüben hin. Wie verloren sie wirken, die Haltestellen ebenso wie die Wartenden. Als der Künstler Alessandro Raho die Schauspielerin Judi Dench für die National Portrait Gallery malte, wies er sie an, sich so hinzustellen, als warte sie auf einen Bus. Obwohl sie das wahrscheinlich schon ziemlich lange nicht mehr gemacht hatte (zu den Sitzungen ließ sie sich vom Chauffeur kutschieren), hat sie es ziemlich authentisch hingekriegt. Das gehört wahrscheinlich zu den menschlichen Urerfahrungen, das vergisst man so wenig wie das Fahrradfahren.Dieser Ausdruck: In einer Welt, in der man ständig aktiv ist, in einem Moment, wo man sich fortbewegen will (warum sonst stünde man an der Haltestelle) verdammt sein zum Nichtstun. Nicht zu wissen, wohin mit sich.

Auch ohne die große Judi Dench hat die Tristesse immer etwas Malerisches. Je öder die Gegend, desto interessanter das Wartehäuschen, gerade in den Ländern des Ostblocks. In einem System, in dem alles gleich sein sollte, treten sie als Individualisten auf. Rührend die Versuche in der DDR, die rauen Betonmauern durch Kindergartenmalerei zu verhübschen. Vor allem in Polen und der ehemaligen Sowjetunion findet man ganz besondere Architekturen. Als hätten die Baumeister, die sonst immer Plattenbausiedlungen en gros hochziehen mussten, sich einmal austoben wollen, entwarfen sie Monumente für eine bessere Zukunft. Viele Häuschen sehen aus wie selbstgebastelt, Zeugnisse einer Kultur der Improvisation. Oft sind die Bushaltestellen heute nur noch Ruinen der einstigen Hoffnung. Ihre Dächer, die einmal wie Schmetterlingsfügel aussahen, sind nur noch Gerippe. Selbst dort, wo der Verkehr nicht längst mangels Rentabilität eingestellt worden ist.

Kein Wunder, dass Fotografen sich gerade von den osteuropäischen Modellen angezogen fühlen. Der Schwede Christopher Herwig ist nämlich keineswegs der Einzige, der mit der Kamera dort herumgezogen ist. „Architekturen des Wartens“ hat Ursula Schulz-Dornburg ihre Serie aus Armenien genannt, die in der Berliner Galerie Aedes ausgestellt wurde, und von der einige Fotos in einem gleichnamigen Büchlein festgehalten sind: Irrwitzige Konstruktionen, von denen manche wie Betontempel, andere wie Konstruktionen für eine Hollywoodschaukel, wieder andere wie Entwürfe von Le Corbusier aussehen. Stolz stehen die Frauen, elegant gekleidet, geschminkt und frisiert, in den Ruinen im Nirgendwo.

Jürgen Haese war in der ehemaligen DDR unterwegs. „Warten“ hat er sein Büchlein genannt, in dem er die Bushaltestellen als „Orte des Erinnerns“ präsentiert. Neben seine Fotos hat er die Mementos der Wartenden gestellt. Erinnerungen an die erste Liebe, an kindliche Malarbeiten und an Einweihungsfeiern mit Schnaps und Bier. An den kriegsversehrten Rentner, der die Wiese vor dem Häuschen mähte und harkte – und an die Oberschüler, die dort am 1. Mai grillten und tanzten und den Rasen ruinierten.

Die Orte, die die Fantasie der Künstler beflügeln, sind fast alle auf dem Land. Die Hochglanzbushaltestellen der Metropolen scheinen ihnen egal zu sein. Denen fehlt die nackte Haut, auf die der Betrachter seine eigenen Gedanken und Gefühle projizieren kann. In der Stadt dienen sie als Werbetafeln, sind auch nicht mehr Haus, sondern Möbelstück. Stadtmöblierung, so nennt man das.

Da sind Bushaltestellen Orte, an denen die Stadt zur Marke wird. Die „Visitenkarte des Öffentlichen Personennahverkehrs“ wie Hannover sie zum Beispiel definiert, die Stadt, die Anfang der 90er einige Stararchitekten für Einzelstücke engagierte. Bushaltestellen sind Ausdruck der Corporate Identity einer Gemeinde. „Seit 100 Jahren ein Wahrzeichen Berlins“ heißt eine im letzten Jahr veröffentlichte Broschüre über die Bushaltestellen der BVG. Wobei der Laie feststellen muss, dass das, was er für Bushaltestellen gehalten hat, gar keine sind. „Die Haltestelle selber ist das Zeichen 224 der Straßenverkehrsordnung, nämlich das grüne ,H’ auf gelben Grund im grünen Kreis auf weißem Grund, wie sie es an jeder Bus- und Straßenbahnhaltestelle sehen“, klärt die BVG auf. „Die Wartehalle (Fahrgastunterstand) ist rechtlich nicht mit der Haltestelle verbunden. Wartehallen stellen eine Sondernutzung öffentlichen Straßenlandes dar und dürfen nur mit einer Standortgenehmigung des zuständigen Bezirks aufgestellt werden.“ Immerhin: von den rund 6600 Haltestellen in der Stadt haben 4200 auch ein Wartehäuschen. Die allerdings weder Berlin noch der BVG, sondern der Firma Hans Wall gehören.

Vor 20 Jahren wurde der Vertrag abgeschlossen, von dem beide Seiten profitieren. Wall baut und pflegt die Stationen, die er dafür als Werbefläche vermarkten darf. Wobei er auch seinen Namen auf jede Haltestelle stempelt, so dass Fremde auf die Idee kommen könnten, wenn sie die Idee von der Bushaltestelle als Visitenkarte ernst nehmen, diese Stadt heißt nicht Berlin, sondern Wall. Was aber, Englisch ausgesprochen, auch wieder ein ganz passender Name zu sein scheint.

Was Pedro Barateiro, den portugiesischen Biennale-Künstler, an Bushaltestellen so fasziniert, ist ihre menschliche Dimension. Ihr Eigenleben. Dass sie sogar ein Leben nach dem Tod haben. „Sie sind schön, sie sind stabil, und und sie werden was anderes, something else, wenn sie nicht mehr in Benutzung sind. Dieses something else ist es, was mich interessiert.“ Auch ohne Zutun des Künstlers sind die Bauten wie Skulpturen, findet der 28-Jährige. Was ihn jetzt interessiert, ist „die Interaktion mit der Installation: Was die Leute daraus machen“.

Nun, sie machen das, was man an einer richtigen Haltestelle auch macht: setzen sich hin, gucken in die Luft, reden, langweilen sich, essen Apfel und Butterbrot. Und warten. Auf was, wissen sie wahrscheinlich selber nicht. Manche lesen auch, wie im richtigen Leben. In einer Ablage stecken anstelle von Fahrplänen Künstlerheftchen, „Eine gefühlvolle Anleitung zwischen zwei Elementen in Raum und Zeit“. „Lesezimmer/Vorführung/Balkon/Sperrobjekt/Beobachtungspunkt/…“, das sind ein paar der auf der Titelseite verzeichneten Vorschläge, was die nackte Stadt sonst noch sein könnte. Wer sich in Barateiros Haltestelle vor die Nationalgalerie setzt, diesen Nachbau aus Kasachstan, und in die Abendsonne blinzelt, kommt sich fast wie auf der Terrasse vor. Und die Stadt wird zum Vorgarten.

— www.berlinbiennale.de

— www.herwigphoto.com

— „Die Bushaltestellen der BVG“, 9,90 Euro, in den Shops der BVG.

— Ursula Schulz-Dornburg, Architekturen des Wartens. Aedes/Buchhandlung Walther König, 12 Euro.

— Markus Steinmair: Stop! Warten auf den Bus (in Estland), www.architektur-medienwerkstatt.net

— www.annatretter.de („Kleine Häuser“)

— http://deu.archinform.net/projekte/920.htm

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