Zeitung Heute : Ein Individuum auf vier Beinen

Vom feinen Unterschied zwischen einem Schreibtisch und einem table à écrire

Ulrich Clewing

Natürlich Liebesbriefe. Was kann auf diesem edlen Holz anderes niedergeschrieben worden sein, als zärtliche Gedanken, sehnsüchtige Bitten und heißblütiges Begehren? Wie er so dasteht auf seinen hohen, elegant geschwungenen Beinen, passt dieser zierliche Salontisch ganz vorzüglich zu unserer Vorstellung vom verfeinerten, immer auch etwas intriganten Leben zur Zeit des Rokoko.

Entstanden ist der Tisch mit seinem zierlichen, Intarsien verzierten Korpus um 1750 in Paris – wahrscheinlich in der Werkstatt des berühmten Kunstschreiners Bernard van Risenburgh (ca. 1700–1766), dem er heute zugeschrieben wird. Er verfügt über eine herausziehbare, lederbezogene Schreibplatte und drei Schubladen, von denen zwei fest zu verschließen sind, um zu verbergende Botschaften aufzunehmen.

Tischchen wie diese table à écrire waren Mitte des 18. Jahrhunderts in adligen Kreisen in Frankreich sehr beliebt. Das war nicht nur eine vorübergehende, flüchtige Mode, sondern markiert eine tief greifende Veränderung im höfischen Alltag unter Ludwig XV. Sein Vorgänger, der „Sonnenkönig“ Ludwig XIV., hatte meistens in Versailles Hof gehalten, vor den Toren von Paris, also praktisch auf dem Land. Der barocke Pomp, den er dabei verbreitete, war seinen Nachfolger verhasst. Und so wurden während der Regentschaft Ludwig XV. nicht nur die Formen feingliedriger, auch das Dasein generell verlagerte sich mehr und mehr ins Zentrum der Stadt. An die Stelle des protzigen Schlosses, das mit seinen riesigen Dimensionen das unerreichte Vorbild für unzählige europäische Fürstenhäuser abgab, trat das komfortablere, intimere, aber auch ungleich geringer dimensionierte städtische Palais.

In diesen Stadtpalästen – auch hôtel particulier genannt – war schlicht kein Platz für große Möbel. Die zarte Erscheinung des Schreibtisches, den der Würzburger Antiquitätenhändler Neuhaus auf der Ars Nobilis offeriert, beruht daher keineswegs nur auf Fragen des Geschmacks. Sie ist auch ein Zeichen für die geänderten Lebensumstände derjenigen Angehörigen des Adels und des gehobenen Bürgertums, die sich die Honorare für die Meisterstücke von Kunsthandwerkern wie van Risenburgh leisten konnten. Im Gegenzug erhielten die Käufer wahre Kunstwerke, präzise verarbeitet und aus augenschmeichlerischen Materialien: Palisander, Rosenholz, die Beschläge aus Messing und feuervergoldeter Bronze. Lauter kleine Individuen, die im Lauf der Jahre Geschichte und Geschichten angehäuft haben. Auch der Neuhaus-Tisch trägt einen bedeutungsschweren Stempel, die ihn quasi als Re-Import ausweist: Er stammt von jenem Londoner Händler, der nach der Revolution von 1789 als erster wieder Handelsbeziehungen mit dem jakobinischen Frankreich unterhielt.

Solche Höchstleistungen der Handwerkskunst findet man heute in Museen wie dem Londoner Victoria & Albert Museum oder dem New Yorker Metropolitan Museum of Art. Und wenn einmal eines dieser seltenen Möbelstücke auf den Markt kommt, hat es einen exklusiven Preis. Als im März dieses Jahres ein ähnliches, von van Risenburgh sogar signiertes Tischchen aus der Sammlung des Barons Alexis de Rédé aus dem Hôtel Lambert bei Sotheby’s in Paris versteigert wurde, zahlte ein unbekannter Liebhaber mehr als 250000 Euro. Wer sich für den Tisch bei Neuhaus interessiert, muss nicht ganz so tief in die Tasche greifen: 75000 Euro soll er kosten. Die Ahnung vergangener Liebesabenteuer gibt es gratis dazu.

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