Zeitung Heute : Ein Intellektueller neuen Typs

Der Tagesspiegel

Heute feiert Iring Fetscher seinen achtzigsten Geburtstag. Der emeritierte Professor für Politikwissenschaft an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main hat wie nur wenige Repräsentanten seines Faches nicht nur einflussreiche Standards für die Entwicklung der politischen Ideengeschichte in der Bundesrepublik gesetzt. Darüber hinaus wirkte er auch federführend durch seine intensive publizistische Tätigkeit an einer liberalen politischen Kultur mit, die sich nach der Katastrophe des „Dritten Reiches“ auf dem Nullpunkt befand.

Gegen Verzerrungen

Das wissenschaftliche und publizistische Werk Iring Fetschers ist zu umfangreich, um es mit wenigen Worten in der europäischen Entwicklung der politischen Ideengeschichte zu verorten. Doch sollte wenigstens auf seine beiden großen Leistungen hingewiesen werden, mit denen er sich sehr früh einen nachhaltigen Ruf in der „scientific community“ verschaffte. Einerseits sind seine frühen Marx-Studien zu nennen. Fetscher war einer der ersten, der Marx als einen „Klassiker des politischen Denkens“ charakterisiert hat. Der Entstellung des Marxschen Werkes im Dienste der Ideologie der sowjetischen Großmacht und ihrer ost- und mitteleuropäischen Satrapen hielt er die Resultate seiner eigenen, minutiös aus den Marxschen Texten erschlossenen Interpretationen entgegen: Sie verdichteten sich zu einem Marx-Bild, dessen humanistische Grundierung sich in entscheidenden Aspekten nicht nur einer dogmatischen Instrumentalisierung entzog, sondern notwendig zu deren Kritik führen musste.

Andererseits hat Fetscher durch sein Schule machendes Rousseau-Buch einer ganzen Generation von Wissenschaftlern und Studenten exemplarisch gezeigt, wie die politische Ideengeschichte als Demokratie-Wissenschaft verstanden werden kann. Indem er am Beispiel Rousseaus das emanzipatorische Erbe der frühen bürgerlichen Freiheitsbewegung sichtbar machte, wirkte er unmittelbar auf die politische Kultur der frühen Bundesrepublik ein. Er wies auf das Potenzial der autonomen Teilhabe der Bürger am politischen Entscheidungsprozess hin, das nach 1945 unter dem zurückgebliebenen Schutt der völkischen Ideologie erst neu zu entdecken war.

Liberale Korrekturen

Zugleich ist es ein Verdienst Fetschers, dass er den Autonomiegedanken Rousseaus stets liberal korrigiert hat durch den Verweis auf die individuellen vorstaatlichen Freiheitsrechte der einzelnen. Davon legen seine Studien über das englische Regierungssystem und dessen ideengeschichtliche Voraussetzungen ein beredtes Zeugnis ab.

Vor allem aber ist Fetscher in vorbildlicher Weise aus dem Elfenbeinturm des reinen Fachgelehrtentums ausgebrochen. Überspitzt formuliert könnte man sagen, dass er sich im Laufe seines langen Lebens zu einem Intellektuellen neuen Typs entwickelt hat. Ohne jemals die Pose dessen einzunehmen, der dem unmündigen Publikum zeigt, wohin sich die welthistorischen Prozesse bewegen, hat er sich mit der Aufgabe beschieden, einer breiten Öffentlichkeit Hilfen zur eigenen Standortbestimmung zu geben. Diese zutiefst demokratische Aufgabe erfüllt er mit einer Meisterschaft, die zwei Umständen geschuldet ist: Zum einen schreibt er seine Texte als Demokrat. Wie Otto Bauer oder Ossip K. Flechtheim vor ihm vermeidet er jeden szientifischen Jargon, um sich dem Publikum mitzuteilen. Zum anderen kann er wie kaum ein anderer die historische Dimension und die aktuelle Bedeutung der brennenden Zeitprobleme erklären, ohne dem Leser das eigene Denken abzunehmen.

Als akademischer Lehrer hat Fetscher einen beachtlichen Kreis von Schülerinnen und Schülern hervorgebracht. Dennoch ist er niemals das Haupt einer akademischen Schule gewesen. Sein Frankfurter Institut war vielmehr durch ein breit gefächertes Spektrum unterschiedlicher wissenschaftstheoretischer und politischer Positionen charakterisiert. Fetscher hat diesen Pluralismus eher gefördert als unterbunden. Für diese Liberalität bin ich ihm bis auf den heutigen Tag dankbar. In der Tat: Es gibt viele Grü nde, Iring Fetscher aus Anlass seines achtzigsten Geburtstages zu danken. Doch zuerst sollten wir ihm noch viele gesunde und produktive Jahre wünschen. Er hat es verdient. Richard Saage

Der Autor ist Professor für Politikwissenschaft an der Universität Halle und hat bei Fetscher promoviert.

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