Zeitung Heute : Ein irres Leuchten

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Von Jörg Braun und Petra Kistler, Überlingen,
und Elke Windisch, Moskau

Die Sonne geht sechs Stunden zu früh auf. Über dem Bodensee färben sich die Wolken orangerot. Ein Glutball steht in der Luft und wird immer größer. Es sieht aus, als ob der Himmel brennt. Johannes Beyer, 50, der mit Freunden die laue Sommernacht auf seinem Balkon in der Altstadt von Überlingen genießt, ist verwirrt. Was ist das? Ein Höhenfeuerwerk? Ein Satellit außer Kontrolle? Ein Gewitter? Ein irres Leuchten ist am Ufer zu sehen. Dann noch einmal zwei, drei gleißende Flecken in der Nacht. Wie Raketen beim Seenachtsfest. Plötzlich ein Dröhnen. Ein tiefer Ton. Ein gewaltiges Brummen. Brennende Teile fallen vom Himmel. Der Boden vibriert, Fenster klirren. Beyer schaut auf die Uhr. Es ist 23 Uhr 52. Soeben sind zwei Flugzeuge zusammengestoßen.

Johannes Beyer springt in seinen Wagen und fährt auf die Flammen zu. In Owingen, einem Dorf wenige Kilometer nördlich von Überlingen, rückt die Freiwillige Feuerwehr aus. Von überall her kommen Rettungskräfte. Polizeiwagen rasen heran, Feuerwehrfahrzeuge heulen auf, Krankenwagen bahnen sich ihren Weg. „Wo was passiert ist? Keine Ahnung! Überall, überall ist hier was los“, schreit ein Polizist. Im Hintergrund plärren unentwirrbare Stimmen aus dem Funkgerät.

Mehr als 100 Zuschauer stehen am Straßenrand und beobachten die Szenerie. Ein Polizist verwehrt ihnen den Durchgang, deutet auf eine Plastikfolie. Darunter liegt ein Kind, vom Himmel gefallen aus 13 000 Metern Höhe. Nur ein paar Schritte weiter entdeckt ein Mann eine weitere Leiche. „Eine Frau, tot“, sagt er. Polizei und Rotkreuz-Kräfte decken den Leichnam zu. „Keine Arbeit mehr hier für uns“, sagt ein Notarzt.

Schuhe mit offenen Schnürsenkeln

Was wirklich passiert ist, weiß so kurz nach dem Absturz noch keiner. Wo genau die Unglücksstelle ist, bleibt unklar. Ist es ein Flugzeug? Sind es zwei? Man weiß nur, dass ein großes Trümmerteil am Owinger Golfplatz niedergegangen ist, direkt neben einem Wohnhaus. Ein Notarzt erzählt von vielen Toten, die dort gefunden worden seien. Dann die Nachricht, dass zwischen den Orten Hohenbodman und Taisersdorf ein größeres Flugzeugteil in einen Wald gerast sei. Feuerwehrkräfte berichten von heftigen Bränden.

In Taisersdorf stehen die Löschfahrzeuge der Wehren in Kolonne am Straßenrand. Ein einzelner Turnschuh mit geöffneten Schnürsenkeln liegt am Boden. „Bei meinem Flug in den Urlaub hatte ich auf 12000 Metern Höhe auch keine Schuhe mehr an“, erinnert sich ein Feuerwehrmann. Beißender Rauch zieht über die Felder. Es stinkt nach verbranntem Kunststoff. Am Hang sind Flammen zu sehen, auf dem Weg Richtung Feuer stößt man auf eine hunderte Meter lange Spur auf der Landstraße, die dem gleicht, was sonst ein Gartenhäcksler ausspuckt: zerhackte Blätter, Äste, Rinde, gesplitterte Baumteile. Eine grausige Bahn der Verwüstung, die zur Unglücksstelle führt. Im Wald ringen Feuerwehrleute mit den letzten Flammen, die noch aus dem Wrack züngeln. Es ist eine Frachtmaschine, eine Boeing, geflogen von einem Briten und einem Kanadier, wie man später erfährt. Doch auch sie sind tot, auch hier sind die Notärzte zu traurigem Nichtstun verurteilt. Gegen drei Uhr am Morgen haben die Einsatzkräfte die verschiedenen Brandherde unter Kontrolle.

Die Polizisten haben eine andere Aufgabe. Sie müssen den Ort vor den Blicken der ersten Neugierigen versperren, die an der Absturzstelle auftauchen. Die Überreste des Flugzeuge werden für die Erforschung der Unfallursache eingesammelt. Einige Funde werden später zur Auswertung in eine Halle im Ort Frickingen gebracht. Vor allem persönliche Dinge sind darunter, ein Lippenstift, eine Tasche. Einige Schaulustige wollen noch am Ort des Absturzes Souvenirs dieses makaberen Schauspiels mitgehen lassen: „Lassen Sie das gefälligst liegen!“, raunzt ein Polizist einen Gaffer an, der sich ein verbogenes Flugzeugteil unter den Arm geklemmt hat. Ein anderer Uniformierter schaut stumm auf einen einsamen Turnschuh, der im Wald liegt, neben roten Trümmerteilen und zerborstenen Bäumen. So geht die Nacht zu Ende.

Am Tag herrscht hektische Geschäftigkeit. 1300 Helfer sind im Einsatz, Polizeibeamte aus ganz Baden-Württemberg, Soldaten der Bundeswehr, Feuerwehrleute, Sanitäter, Mitarbeiter des Technischen Hilfswerks. Eine Hundertschaft der Polizeidirektion Freiburg durchkämmt in einer langen Reihe ein mannshohes Maisfeld, in dem das zweite Flugzeug niedergegangen ist, eine Passagiermaschine, eine russische Tupolew. Der Gestank von verbranntem Flugbenzin hängt in der Luft, am Himmel kreisen Hubschrauber und wirbeln tausend kleine Wölkchen auf – Reste von Löschschaum.

Es ist ein Gang des Grauens. Überall liegen Leichenteile: Arme, Beine, ein Torso. Ein Leichnam ist mitten in die Scheune der Heimsonderschule von Brachenreute gefallen. Wenige Meter davon entfernt liegt der komplett erhaltene Rumpf der russischen Maschine. Die meisten toten Passagiere sitzen noch angeschnallt in den Reihen.

Die Helfer ziehen erste Bilanz: Der Korridor, in dem die Überreste verstreut sind, ist einen Kilometer breit und zehn Kilometer lang. An 57 Stellen liegen Wrackteile, an vier Stellen Leichen. Es gibt keine Überlebenden. Es gibt nur Opfer: 71 Menschen sind bei dieser Katastrophe umgekommen, die meisten davon sind Kinder und Jugendliche aus Russland. Sie wollten in Spanien Ferien machen.

„Er hat sich so gefreut auf die Reise“

In der baschkirischen Hauptstadt Ufa am Morgen danach. Die junge Frau mit den halblangen blonden Haaren ist kaum zu verstehen. „Wenn ich das gewusst hätte“, kann sie gerade noch herausbringen, bevor ein neuer Weinkrampf sie schüttelt. Bis das russische Fernsehen die ersten Bilder der Katastrophe brachte, glaubte sie ihren elfjährigen Sohn Bulat schon an der spanischen Costa Dorada beim Baden im Mittelmeer. „Er hat sich so gefreut auf die Reise“, sagt seine Mutter. „Auf die Sonne, auf das Meer, das er noch nie in seinem Leben gesehen hat.“ Bulat Beglow ist eines der 52 Kinder, die über dem Bodensee ums Leben kamen. 44 von ihnen waren zwölf und jünger, acht zwischen 13 und 16. Sie kommen fast alle aus Familien, die leitende Funktionen in der Regierung der russischen Teilrepublik Baschkirien bekleiden.

Eigentlich hätte Bulat schon längst in Spanien sein müssen. Im Estival Park Hotel, einem Vier-Sterne-Hotel, war alles für die Ankunft der Kinder vorbereitet. Denn sie waren schon am Samstag aus Ufa nach Moskau geflogen und sollten dort in eine Maschine der Fluggesellschaft „Rossija“ umsteigen. Mit „Rossija“-Maschinen fliegen gewöhnlich nur Präsident Putin, ausländische Staatschefs, wenn sie in Russland unterwegs sind, sowie der Premier- und der Außenminister. Es sollte eine besondere Ehre sein. Doch die Kinder, die im Rahmen eines Unesco-Austauschprogramms in Spanien Ferien machen sollten, hatten die Regierungsmaschine verpasst. Als Ersatz buchten die Veranstalter die Maschine der „Baschkirskije Avialinii“, die erst am Montagabend um 22 Uhr 48 Ortszeit vom Moskauer Großflughafen Domodedowo startete. Die baschkirische Fluglinie ist eines der vielen Unternehmen, in die der Staatsbetrieb Aeroflot nach dem Ende der Union zerfiel. Einige der Fluggesellschaften hat die staatliche Luftfahrtbehörde längst wieder vom Himmel geholt. Der Grund: technische Überalterung der Flotte, mangelnde Wartung, unzureichende Sicherheitsstandards und mangelnde Englischkenntnisse der Piloten.

Das russische Verkehrsministerium dementiert „kategorisch“, dass der Pilot der Tupolew unerfahren gewesen sei: Alexander Gross habe das Zertifikat eines Piloten Erster Klasse und seit 1991 die Lizenz für internationale Flüge. 4000 internationale Flugstunden, davon 1600 als Chefpilot könne er vorweisen. Sein Englisch-Examen habe er im vergangenen Winter gemacht. Wie er bis dahin über die Runden kam, sagt der Sprecher nicht.

Glück, ein seltsames Wort

Während der Sprecher sein Dementi verkündet, diskutieren die Menschen in Überlingen über die vergangene Nacht. Einige finden, die deutsche Flugsicherheit solle darüber nachdenken, russische Maschinen überhaupt nicht mehr über Deutschland fliegen zu lassen. Aber sie reden auch über das Glück. An einem solchen Tag ein seltsames Wort. Doch die Menschen hier hatten Glück: Die brennenden Wrackteile haben zwar Häuser in Brand gesetzt, doch am Boden wurde niemand verletzt. Auch das Wasser des Bodensees, der mehreren Millionen Menschen im Südwesten Trinkwasser liefert, ist nach ersten Erkenntnissen sauber geblieben. Die Boeing habe weder gefährliche noch wassergefährdende Fracht an Bord gehabt, berichtet der baden-württembergische Umweltminister Müller am Nachmittag. An Bord waren Sendungen des Kurierdienstes DHL.

Die Experten rekonstruieren jetzt das Unfallgeschehen. So viel ist bislang bekannt: Um 23 Uhr 35 Uhr kollidieren die Flugzeuge über dem Bodensee. Fünf Minuten zuvor, um 23 Uhr 30, hat die Flugsicherung in München die Tupolew den Kollegen in Zürich übergeben. Um 23 Uhr 34 wird dort bemerkt, dass die beiden Maschinen direkt aufeinander zufliegen. Die Tupolew wird aufgefordert, auf eine niedrigere Flughöhe zu wechseln. Doch die erste Aufforderung bleibt ohne Antwort. Erst 25 Sekunden vor dem Zusammenstoß reagiert die russische Maschine. Doch da lässt auch der Pilot der Boeing sein Flugzeug sinken.

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