Zeitung Heute : Ein Jahr nach der Welle

Weihnachten 2004 ging Banda Aceh unter. Im Norden Sumatras starben 130 000 Menschen. Wie sieht es heute in der Provinzhauptstadt aus? Ein indonesischer Stadtplaner führt durch die größte Baustelle seines Landes.

Eberhard Schade

Der 16 Jahre alte Jeep der deutschen Welthungerhilfe fährt im Schritttempo durch den Jalan Fatahillah, der im Volksmund nur noch „RotKreuz-Weg“ genannt wird. Türkischer Halbmond, Canadian Red Cross, Deutsches Rotes Kreuz. Vor fast jedem Haus weht die Fahne einer internationalen Hilfsorganisation. Als die Einheimischen merkten, dass sich diese in Banda Aceh länger einrichten, sind viele zu ihren Verwandten gezogen. Haben ihre schmucken Bungalows schnell an eine der Hilfsorganisationen vermietet. Die wohlhabenderen Einwohner hatten so gleich zweimal Glück in der Katastrophe. Ihre Häuser, weit genug weg vom Meer gelegen, blieben stehen. Und jetzt bekommen sie dafür im Monat so viel Miete, wie sie früher im ganzen Jahr selbst gezahlt hätten.

Am Steuer des Jeeps sitzt Ralph Dickerhof, einer von 20 Mitarbeitern der Welthungerhilfe vor Ort. Neben ihm: Ferdian Syah, gelernter Ingenieur und Stadtplaner. Syah kommt aus Banda Aceh, war vor dem Tsunami beim indonesischen Bauministerium angestellt. Als Spezialist für Stahl und Beton ist er zuständig für Hochbauten, bis zum 26. Dezember 2004 eine überschaubare Aufgabe. Doch dann kam die Flutwelle, und mit ihr machte der 28-Jährige einen gewaltigen Karrieresprung. Die Stadt braucht Ingenieure, Planer. Syah ist beides, wurde Leiter des Häuserbauprojekts der Wiederaufbaubehörde BRR. Jetzt muss er quasi eine ganze Stadt neu planen: Banda Aceh, diese großflächig zersiedelte Stadt im äußersten Norden der Insel Sumatra, die vor der Flut nur durch Meldungen über Erdbeben und neue Tote im Bürgerkrieg auf sich aufmerksam machte. Und dann, ganz plötzlich, am Zweiten Weihnachtsfeiertag, zum Symbol für die verheerendsten Zerstörungen des Tsunamis wird.

Die Wassermassen, so hoch wie Kokospalmen, töten mindestens 130 000 Menschen. 120 000 Wohnhäuser werden zerstört, über 1100 Moscheen, 1662 Schulen und 693 Krankenstationen verwüstet, 800 Kilometer Straße und 2260 Brücken weggespült.

Weil das indonesische Militär mit der Bewältigung der Katastrophe total überfordert ist, öffnet es die Provinz widerwillig, lässt Helfer und Journalisten rein.

In rund einem Drittel der Stadt wird aber nicht nur jegliche Infrastruktur weggeschwemmt, auch das soziale Gefüge gerät durcheinander. Unter den zusammenstürzenden Häusern sterben wesentlich mehr Frauen als Männer – die waren meist nicht zu Hause, als die Welle kam. Schule, Haushalt, Gesundheit – in all diesen Bereichen fehlen jetzt Frauen. „Es gibt unzählige Witwer mit Kindern, die kommen überhaupt nicht mit der Situation klar“, sagt Ralph Dickerhof. Bis wieder ein Gleichgewicht hergestellt ist, können Jahre, wenn nicht Jahrzehnte vergehen. „Viele junge Acehnesen haben sich im vergangenen Jahr deshalb entschlossen, eigene Familien zu gründen.“ Sie wollen helfen, beim Aufbau der Post-Tsunami-Generation.

Weiter im Jeep Richtung Stadtzentrum. Vorbei am Unicef-Hauptquartier, wo gerade zwölf weiße, nagelneue Mitsubishi-Pick-ups angekommen sind. Dickerhof schüttelt den Kopf. „Wenn die Leute hier das sehen, werden sie einfach sauer“, sagt er. Denn Autos sind in der Stadt nun rar. Die Welle hat tausende einfach verschluckt, Kilometer weiter wieder ausgespuckt. Die Wracks stehen noch immer vor Werkstätten, werden dort ausgeschlachtet, sehen aus wie in die Luft gesprengt.

Der Jalan Hasan Saleh, Banda Acehs neue Hauptgeschäftsstraße. Aus den für Indonesien typischen Tante-Emma-Läden plärrt Radiolärm. Drinnen türmen sich die Dinge des täglichen Bedarfs. Draußen bauen Händler ihre Buden auf, verkaufen Fleisch, Fisch, Gemüse. In den ersten Tagen nach der Katastrophe haben sie die Preise hoch getrieben, verkauften sie das Kilo Tomaten für das Fünffache, Fleisch für das Doppelte. Relativ schnell aber funktionierte die Versorgung aus dem fruchtbaren Hinterland. Heute kostet das Kilo Tomaten wieder 25 Cent. „Im Gegensatz zu Dörfern an der Küste“, sagt Ferdian Sya, „herrschte in der Stadt nie Hungersnot.“

Nebenan, im historischen Stadtzentrum rund um die große Moschee, stand das Wasser zwei Meter hoch in den Läden, die Besitzer verloren alles. Vor dem Tsunami haben die Gemüse- und Fischhändler hier ihre Stände aufgebaut, in unmittelbarer Nähe zur alten Fischereigenossenschaft. Flussufer, Moschee, Basar – ein Ensemble, so reizvoll, dass ein Investor mittendrin ein Hotel hochziehen wollte. Die Fundamente stehen noch. Der Investor ist längst weg.

Weg ist auch das Militär. Am runden Tisch hat man sich mit den Rebellen verständigt. Früher gehörten bewaffnete Soldaten zum Stadtbild, jetzt sind keine Patrouillen mehr zu sehen. „Das tut dem Klima in der Stadt sehr gut“, findet Syah. Fast in jeder Großfamilie gab es Sympathisanten oder Angehörige der Rebellen. „Diese lebten in ständiger Angst, festgenommen zu werden.“ 30 Jahre lang hatten sich die „Bewegung freies Aceh“ (GAM) und Indonesiens Regierung erbittert bekämpft. Die GAM wollte einen eigenen Staat. Jakarta wollte, dass Aceh eine Provinz Indonesiens bleibt. Der Tsunami und die anschließende Öffnung haben dem Konflikt neue Friedensdynamik verliehen. Jetzt sitzt die Stadt auf dem Erbe der Militärliegenschaften. Die Baracken neben der Moschee sind verwaist, gammeln vor sich hin.

Weiter Richtung Norden, Richtung Küste. Im zweiten Kreisverkehr geht plötzlich nichts mehr. Dickerhof legt beide Ellenbogen auf das Steuer, stöhnt. „Früher hat es in Banda Aceh nie Stau gegeben“, sagt sein Beifahrer. Jetzt schlängelt sich alles vorbei an den Ständen fliegender Straßenhändler. Fußgänger, Mopeds, Laster. Und natürlich: die Jeeps der Hilfsorganisationen. Hier, noch immer im verschonten Teil der Stadt, ist so viel Leben, der Tod von Tausenden scheint weit weg.

Nur ein paar Straßen weiter aber ist er allgegenwärtig. Im Stadtteil Punge, wo die Welle ein 20 Tonnen schweres Tankschiff drei Kilometer weit und mitten in eine Wohnsiedlung drückte. Der Koloss aus Eisen und Stahl, der als schwimmendes Notstromaggregat einmal ganze Stadtviertel mit Energie versorgt hat, begrub Menschen, Häuser, Autos unter sich, spaltet eine gewachsene Siedlung. Und mittlerweile auch die Acehnesen. Die einen wollen, dass er so schnell wie möglich wieder ins Meer geschleppt wird. Jetzt, wo er sowieso nichts mehr nutzt, weshalb auch das Stromnetz der Stadt immer wieder zusammenbricht. „Weg damit“, sagt auch der Ingenieur und Stadtplaner.

Andere haben sich offenbar mit dem Tanker arrangiert, schlagen Kapital aus der einzigen echten Besucherattraktion Banda Acehs direkt vor ihrer Haustür. Sie bieten Nüsse und Getränke an, haben Holzkisten für Spenden aufgestellt. „Hello Mister“, rufen Kinder den Fremden, die kommen, ein Foto machen und wieder gehen, hinterher. „I am a Tsunami child.“

Inzwischen ist es Mittag. Die Schatten dunkler Wolken legen sich genau über die Stadtteile, die der Tsunami weggewischt hat. Lamthe, Meuraxa – vor allem aber Ulele. Der Zipfel, in dem nur 20 Prozent der Bevölkerung überlebten.

Die Straße dorthin ist zum Teil ausgebessert, von den Häusern kaum eine Spur. Hier ist ein Klinkerboden übrig, da ein Betonsockel. Vereinzelt ragen Zelte, Holzbaracken aus dem Nichts. Doch dann, endlich: erste Rohbauten neuer Häuser. 40, 50 auf einem Fleck, mehr nicht. Viel ist dort, wo es die Stadt am schlimmsten getroffen hat, nicht zu sehen von Wiederaufbau. Das untermauern auch die Zahlen. Bis jetzt wurden 10 000 Häuser in der Region Aceh fertig gestellt. Ein Drittel dessen, was bis zum Jahresende versprochen wurde.

„Es gibt Grundstücke, da muss identifiziert werden, wo der Besitzer ist“, sagt Syah. „Ist er verstorben? Wenn ja, gibt es Erben? Dann müssen neue Besitzurkunden ausgestellt, die Grundstücke vom Katasteramt zertifiziert werden. Dieser ganze Prozess braucht einfach seine Zeit.“

Das „neue“ Banda Aceh gibt es bislang nur auf einer Blaupause, der Masterplan der BRR listet imposante Zahlen auf. „Ein bisschen stolz bin ich aber schon auf das, was bisher geleistet wurde“, rechtfertigt Syah seine Arbeit. Immerhin seien mittlerweile sechs von neun geplanten Krankenhäusern gebaut, 75 Altersheime, zwölf Kindergärten, 74 Grundschulen und 43 Moscheen. Insgesamt 392 Objekte wurden im Jahr 2005 fertig gestellt. 1232 sind insgesamt geplant.

Der Masterplan legt auch die Grundflächen und Kosten der neuen Häuser fest. 36 Quadratmeter groß und nicht teurer als 2400 Euro sollen sie sein. Mehr als 75 000 Häuser haben allein die Hilfsorganisationen zugesagt. „Alle kamen anfangs rein, jetzt wurschteln viele nur so vor sich hin, weil sie irgendwie das Geld unter die Leute bringen müssen“, sagt Syah, dessen Behörde eigentlich die Zusammenarbeit koordinieren soll. Kein Wunder, dass die Betroffenen, die zum großen Teil noch immer in Zelten und Baracken hausen, unzufrieden sind, allmählich unruhig werden. „Es gab sogar schon erste Demonstrationen.“

Die meisten der großen Hilfsorganisationen haben auch Hausprojekte, die Helfer stehen unter ständigem Konkurrenzdruck. Den bekam auch schon die Welthungerhilfe zu spüren. „Unser Musterhaus ist aus Lehm, Bambus und Kokosfasern“, erzählt Dickerhof, „steht auf Stelzen, ist flutresistent und erdbebensicher.“ Ursprünglich sollten 700 dieser Ökohäuser am Stadtrand von Aceh errichtet werden. Doch dann war eine türkische Hilfsorganisation schneller. Sie hatte mehr Geld, setzte bei den lokalen Behörden ein Standardwohnhaus durch. „Die haben uns total überrumpelt“, sagt Dickerhof. Er und seine Kollegen suchten sich danach ein ruhigeres Pflaster für zukünftige Projekte für Banda Aceh.

In diesem konkreten Fall hatten die Tsunami-Opfer Glück, die Türken bauten ihre Häuser schnell. „Manchmal aber zieht sich der Streit zwischen zwei Organisationen um ein Stück Land über Monate hin“, erklärt Ferdian Syah. Wertvolle Zeit, in der längst gebaut werden könnte.

2006 plant seine Behörde den Bau von 40 000 neuen Häusern. Eine Zahl, die, wenn er sie sagt, ihm noch immer eine Gänsehaut verpasst. „Vor dieser Aufgabe habe ich schon gehörigen Respekt“, sagt der 28-Jährige. Noch fehlt es an allem. An Ziegeln, an Zement. „Das wird eng im nächsten Jahr“, gibt Syah zu.

Noch aber befindet er sich in der Planungsphase. Sein Job ist es, zu gucken, wo das Hausprojekt der einen Hilfsorganisation endet, das der anderen beginnt. Seine Behörde füllt dann die Lücken. „Oft fehlen nur 30, 40 Häuser, damit eine intakte Siedlung wachsen kann, eine Schule oder ein Kindergarten. Unternehmen wir nichts, schütten die Leute sofort ihren Müll in die Baulücke, das Gelände verslumt.“

Vier Jahre lang, schätzt Syah, dauert es noch, bis in Banda Aceh alles repariert ist. Bis in der Stadt so etwas wie Normalität einkehrt, wird sicher mehr Zeit vergehen.

Wie in einem Slumviertel sieht auch die Gegend um den Hafen von Banda Aceh aus, einst wirtschaftliches Zentrum der Stadt. Von hier brachten Händler aus der Stadt und dem Umland Reis, Gemüse und Fisch auf die vorgelagerten Inseln. Großfamilien fuhren an den Wochenenden zum Strand. Im Hafen gab es Cafés, Restaurants. Alles Geschichte. Der Hafen heute ist nahezu menschenleer. Es gibt zwei, drei improvisierte Läden. Auf den ersten Blick ist Ulele noch immer Niemandsland.

„Eine Zeit lang haben wir tatsächlich überlegt, ob wir das Viertel brachliegen lassen, als eine Art Mahnmal“, sagt Syah. Doch dann, Ende Juli, unterzeichnete Indonesien einen Vertrag mit der australischen Regierung, Australien sagte einen Großteil der Mittel für den Wiederaufbau zu. Die meterhohe Schicht von Schlamm, Schutt und Leichen ist abgetragen. Überall hört man das Geräusch von Sägen, Hämmern, Schleifmaschinen. Verkaufsstände für kleine Fischmärkte werden gebaut, Boote gezimmert. Und oben, auf der alten Brücke, steht eine Gruppe Rikschafahrer, feilscht um eine Tour durch Banda Acehs Ground Zero.

Unter einem mit Palmwedeln abgedeckten Verschlag steht Uzman Awahab, Fischverkäufer. „Was geschehen ist, ist geschehen“, sagt der kleine, braungebrannte Mann mit den schiefen Zähnen und dem viel zu großen Polo-Shirt, „wir dürfen nicht mehr zurückblicken. Müssen weitermachen, an die Zukunft denken.“ Dass Uzman überhaupt von Zukunft spricht, verdankt er dem Forum Bangum Aceh, einer Bürgerinitiative Betroffener, die Männer und Frauen wie ihn mit Kleinkrediten unterstützt.

Im April bekam Uzman 200 Dollar Starthilfe. „Von der einen Hälfte habe ich mir eine neue Kühlbox gekauft, von der anderen die ersten frischen Fische.“ An einem guten Tag verdient er heute die Hälfte dessen, was er vor dem Tsunami verdient hat. Ein Jahr, nachdem er sein Haus, ein Kind und seine ganze Ausrüstung verloren hat, kann er Frau und Baby ernähren.

„Die Bürgerinitiative unterstützt mittlerweile 140 solcher Projekte in Banda Aceh“, sagt Syah. Fischverkäufer, Bootsbauer, Rikschafahrer. Einkommen schaffende Maßnahmen nennen die Hilfsorganisationen diese Programme. Für die Menschen sind sie oft wichtiger als ein Dach über dem Kopf. „Weil sie nicht länger betteln müssen, jeden Tag aufstehen und arbeiten gehen“, erklärt Dickerhof, für viele sei das die beste Traumabewältigung.

Eine ähnliche Wirkung hat die Wiederaufbauarbeit auch für Ferdian Syah. „Sie hat mir geholfen, mich auch verändert“, sagt er. „Vorher war alles statisch hier, die Menschen haben sich nicht großartig umeinander gekümmert. Jetzt sind wir plötzlich wie Pinguine, die gemeinsam lernen müssen, in der Kälte zu überleben.“

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