Zeitung Heute : Ein Jahrgang fällt ins Wasser

Wein aus Sachsen: Endlich hatte er einen guten Ruf. Und nun das – wie Winzer gegen die Flut ankämpfen.

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Von Susanne Kippenberger

Verwegen. Verwegen nennt Bernd Kreis das, was er macht. „Kenner trinken Württemberger“ heißt das Motto im Ländle – und da bietet der renommierte Stuttgarter Sommelier seinen Kunden Riesling von Klaus Zimmerling an – Wein aus Sachsen! Die meisten Württemberger wissen vermutlich nicht mal, dass man so was trinken kann. Oder fragen, ob man das jetzt überhaupt noch trinken kann, wo doch an der Elbe alles unter Wasser steht.

Dann erzählt Sommelier Kreis erst einmal, warum er den Wein von Zimmerling mag: Weil er „Geschichten erzählt“. Weil er so eigenwillig, so gehaltvoll ist. Weil man schmecken kann, woher er kommt. Die Globalisierung, so Kreis, hat zur Verarmung der Weinkultur geführt. Plötzlich schmeckt der Chardonnay überall gleich, ob er aus Kalifornien oder Australien kommt: wie eine Bombe. Der Wein aus Pillnitz „ist nicht so plakativ“. Nach so was sehnen sich die Menschen in New York. Dort bestellen Kenner längst „ABC wine“: „Anything but Chardonnay.“

Der Wein von Zimmerling ist so eigenwillig wie der Winzer, der seinen Riesling, auch wenn er 14 Euro kostet, noch immer als Landwein vermarktet. Gelernter Maschinenbauer ist der Dresdner, der schon als Student mit Holunder- und Kirschwein experimentiert hat. Der nach der Wende in der österreichischen Wachau ein Lehrjahr verbrachte, dessen (ökologisch angebaute) Weine immer besser geworden sind, wie der Gault Millau ihm bescheinigt: „mineralisch, ja charaktervoll mit klarer Frucht und Struktur“ schreibt der Führer und reiht den Betrieb nach Schloss Proschwitz, neben Vincenz Richter und Schloss Wackerbarth unter die Spitzenbetriebe in Sachsen ein.

Und so empfiehlt Bernd Kreis seinen schwäbischen Kunden den Riesling von Zimmerling zur gebratenen Forelle, zum Ziegenkäse, zur Wurscht. Und erzählt von der mühsamen Arbeit im Königlichen Weinberg von Pillnitz, erklärt den hohen Preis. „Das ist ja fast ein Solidaritätsbeitrag, den man leistet.“

Und Solidarität hat Zimmerling jetzt bitter nötig. Denn sein Wein schwimmt im Schlamm. Flaschen, Holzfässer, Etiketten, Stahltanks, Kartonagen – all das treibt im Keller von Schloss Pillnitz herum, wo Zimmerling seine Schätze lagert. Er gehört zu den Winzern, die am schlimmsten von der Flut betroffen sind. Das, was den Weinbauern die Arbeit so schwer macht, war für viele die Rettung vor der Flut: die steile Lage am Hang über der Elbe. Betroffen aber sind alle: von den schweren Regenfällen, die Erde und Mauern weggespült haben.

Verwegen. So könnte man das nennen, was die Winzer in Sachsen machen, „die Eskimos unter Deutschlands Weinbauern“, wie einer von ihnen einmal spottete. Weit im Osten, hoch im Norden liegt das kleinste Weinanbaugebiet Deutschlands: 445 Hektar. In der Pfalz sind es 23459 Hektar. 52 Kilometer kurz ist die malerische Strecke von Pirna bis Diesbar und Seußlitz, wo die Winzer am härtesten von der Flut betroffen sind.

Die Weinbauern sind Kummer vom Klima gewöhnt. Kontinental ist es hier, im Sommer heiß, im Winter eiskalt. Der schlimmste Feind ist der Frost, der auch im Frühjahr noch zuschlägt. Ein Wetter der Extreme und bösen Überraschungen. „Da steht man morgens auf", erzählt der Winzer Friedrich Aust, „und sieht: Der halbe Weinberg ist weggefroren.“ So extrem ist auch die steile Lage, die die Arbeit mühsam, die Weine teuer macht. Mit Maschinen kommt man da nicht weit.

Krise, Krieg und Reblausplage

Solche Widrigkeiten hatten auch zum Niedergang des Weinanbaus geführt, der in Sachsen seit dem Mittelalter Tradition hat - in Meißen wurde die erste Weinbauschule Europas gegründet. Aber Reblausplage, Krieg und Krise und mangelndes Interesse, nicht zuletzt der DDR, führten zum Niedergang. Mit der Wende kam der Aufschwung: neue Möglichkeiten, neue Winzer, neue Kellermeister, neue Technik. Neue Leidenschaft.

Weine aus Sachsen sind etwas Besonderes, das ist Teil ihres Reizes. Aber der Exotenbonus allein würde den sächsischen Tropfen nicht die Aufmerksamkeit bringen, die Fachleute ihnen seit ein paar Jahren schenken. Klasse statt Masse heißt die Devise, der sich die meisten Winzer verschrieben haben. Nur wer die Erträge rigoros reduziert, auch schlechte Lagen abgibt, kann Qualität produzieren. Deswegen beginnen die Weinbauern in diesen Tagen auch mit der „grünen Lese“: Mittelmäßige Trauben werden aussortiert, damit die guten besser gedeihen können. Alles mit der Hand. Ein Aufwand, der sich lohnt. Sehr konzentriert sind die besten Tropfen, „trockener Wein mit echtem Charakter“, wie Hugh Johnson lobt.

„Filigran und verspielt, sehr duftig und fruchtig,“ so beschreibt Martin Schwarz, Kellermeister in Schloss Proschwitz das eigene Produkt. Der eine schwärmt für Zimmerling, der andere schwört auf Proschwitz. Für den Gault Millau ist Proschwitz, Mitglied im Verband der Prädikatsweingüter (VdP), „mit Abstand der beste Betrieb im Osten“. Auch hier ist wieder Liebe und Leidenschaft eines Quereinsteigers im Spiel. Als Unternehmensberater hatte Georg Prinz zur Lippe in München gearbeitet, bevor er Weingut und Schloss der Familie zurückkaufte, die 1945 enteignet worden war, und energisch investierte.

Die Verbundenheit mit der Region spielt auch beim Absatz eine große Rolle. Außerhalb der Landesgrenzen sind sächsische Tropfen schwer zu bekommen. Wer aber aus Düsseldorf nach Meißen reist, probiert gerne Typisches aus der Region, Goldriesling zum Beispiel, Elbling oder Traminer. Sei es in einem der Schlösser, Pillnitz, Proschwitz, Wackerbarth, im Weingut oder im Restaurant. Vor drei Jahren wurde daher auch der Förderverein Sächsische Weinstraße gegründet, der auch den jährlichen „Tag des offenen Weinguts“ mit organisiert.

Friedrich Aust hat sich dafür stark gemacht, dass er wie geplant an diesem Wochenende stattfindet. Trotz, ja, auch wegen der Katastrophe. Um dem vielen Schrecklichen der letzten Wochen etwas Schönes entgegenzuhalten. Und um die von der Flut betroffenen Weingüter, die nicht teilnehmen können, mit einer Spendenaktion zu unterstützen. Aust selbst sind durch die starken Regenfälle Mauern, die die Wärme in den Terrassen halten, weggerutscht. Auf rund 150 000 Euro schätzt er den Schaden – eine Menge Geld für den 24-Jährigen, der sich erst seit diesem Jahr ganz dem Weinanbau verschrieben hat, wie er stolz erklärt, nachdem er jahrelang zwischen Beruf und Berufung gependelt ist. Steinbildhauer ist er eigentlich, am Kölner Dom hat er gearbeitet und in Dresden. Aber mit zwölf Jahren schon hatte Aust eine eigene Kellerei, mit 16 hat er seinen ersten Weinberg gekauft. Der Vater, ein Denkmalpfleger, gehörte zu den gut 2000 Hobbywinzern im Land, von denen heute immer noch viele aktiv sind, die meist ihre Trauben bei der Winzergenossenschaft Meißen abgeben. Gleich nach der Wende wurde Aust junior aktiv, brachte 1994 seinen ersten Wein auf den Markt, setzt heute im Kempinski Taschenberg Palais seinen Wein ab – so wie sein Freund und Förderer, Prinz zur Lippe. „Der hat mir Rückenwind gegeben.“

In diesem Jahr hat Aust seinen ersten Urlaub seit sieben Jahren gemacht. Nach Neuseeland ist er gereist, einen ganzen Monat lang. So begeistert kam er zurück, dass er am liebsten sofort ausgewandert wäre. „Ein wunderbares Pflaster!“ Aber das Weingut in Radebeul aufgeben – das würde er nie. „Das hat für mich mit Heimat und Geborgenheit zu tun.“

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