Zeitung Heute : Ein Job, bei dem nach Sekunden bezahlt wird

KLAUS SIEG

Ein Haufen Staffeleien lehnt an der Wand, daneben Skizzen mit Bewegungsstudien und jede Menge Zeichenmaterial - Stifte, Scheren, Klebestreifen.An den Tischen sitzen Schüler vor Papierbergen und Kaffeetassen und diskutieren ihre Entwürfe.Das vielbemühte produktive Chaos ist in der "animation school hamburg" leicht auszumachen.In einem alten Fabrikgebäude der Hansestadt werdenZeichentalente zu Trickfilmspezialisten ausgebildet - ein bundesweit einmaliges Projekt.

Bisher stieß man zum Trickfilm nach dem Prinzip "Training on the job".Produktionsfirmen mußten ihre Kräfte häufig im Ausland anwerben, da hiesige Fachleute rar sind.Das soll sich nun ändern.Deshalb fungieren als Träger der Schule neben der Stiftung Berufliche Bildung und der Medienstiftung Hamburg auch die Hamburger Trickompany und das Animationsstudio Ludewig.Das sorgt für Praxisnähe.Die Trickompany, die auch die Schulräume stellt, ist eines der größten Studios in Europa und zeichnet verantwortlich für viele erfolgreiche Kinoproduktionen der letzten Jahre.Filme wie "Werner - das muß kesseln!", "Kleines Arschloch" oder "Pippi Langstrumpf" wurden hier animiert.

In der vierzehnmonatigen Ausbildung durchlaufen die sechszehn Schüler an der "animation school hamburg" alle Stationen einer Trickfilmproduktion.Die Umsetzung eines Drehbuchs in ein Storyboard etwa, eine erste Szenenfolge mit Skizzen zu Licht, dramaturgischer Komposition und Kameraeinstellungen.Oder das Layout von Hintergründen und die zeichnerische Umsetzung von Naturerscheinungen, wie Schatten, Feuer, Wasser oder Licht.Und vor allem natürlich die eigentliche Animation, bei der die Bilder erst das Laufen lernen.Das kann am Computer geschehen oder am Leuchttisch.Am Ende der Ausbildung erstellen je vier Schüler einen Abschlußfilm.

Unterrichtet wird an vier Tagen in der Woche, damit den Schülern noch genug Zeit zum Geldverdienen bleibt.Denn die Schule kostet 300 Mark im Monat.Viele Schüler jobben schon in ihrem zukünftigen Beruf.Sie colorieren im Animationsstudio Ludewig am Computer TV-Serien, zeichnen kleine Clips für Werbeagenturen oder gestalten Internetseiten.Denn Animations-Designer werden gesucht.

"Formale Zulassungskriterien spielen bei der Auswahl der Berwerber keine Rolle", sagt Barbara Wienecke, die Schulleiterin.Gefragt ist Kreativität und eigenes Profil.Deshalb sollte die Berwerbungsmappe auch den Entwurf einer eigenen Comicfigur enthalten.Der Andrang für das laufende Schuljahr war groß, es meldeten sich sogar Eltern, die ihr zehnjähriges Kind anmelden wollten.Entsprechend heterogen ist die Zusammensetzung des Jahrgangs, der jüngste Teilnehmer ist siebzehn und der älteste sechsunddreißig.

Viele haben ihr Studium für Grafik oder Illustration unterbrochen, um sich an der "animation school" einen Kindheitstraum zu erfüllen.Oder sie kommen schon aus dem Berufsleben."Beim Trickfilm wollte ich immer arbeiten", sagt Uwe Saegener, der vor der Schule für eine Werbeagentur gezeichnet hat.Trickfilm sei für ihn wie Schauspielern, nur müsse man sich dabei nicht selbst zur Schau stellen und könne die Figuren für sich spielen lassen.Außerdem könne man eine ganz neue Welt gestalten.

Dafür aber sind die handwerklichen Voraussetzungen sehr hoch.Selbst wer etwa als Illustrator schon sehr gut gewesen ist, hat es auf der Animationsschule noch schwer."Hinter dem Beruf Trickfilmzeichner steht ein riesiger Mythos", sagt Barbara Wienecke.Die meisten würden denken, Trickfilm-Animateure hätten den ganzen Tag Spaß, arbeiteten wann sie wollten und seien kreativ wie freie Künstler.Mit den meisten Bewerbern telefoniert sie deshalb erst einmal eine viertel Stunde, um ihnen "den Kopf zu waschen".Denn die Herstellung eines größeren Trickfilms verläuft extrem arbeitsteilig.Man muß eine Figur zwanzig mal am Tag immer wieder zeichnen können."Für Leute, die spontan zeichnen, kann das schlimm sein", sagt Barbara Wienecke.Es ist sehr wichtig, nach Stil-, Form und Zeitvorgaben arbeiten zu können.

Unerfahrene Zeichner verdienen ihr Geld schwer.Die Animation wird in der Regel mit 80 bis 300 Mark brutto pro Filmsekunde bezahlt.Und der dafür nötige Aufwand ist sehr unterschiedlich.Einige Produktionen kommen mit sechs Bildern pro Sekunde aus, für andere aber müssen zwölf oder vierundzwanzig gezeichnet werden."Als Profi kann man aber auch ein paar Sekunden am Tag schaffen und sehr gut verdienen", sagt Peter Bohl, der seit zehn Jahren für die Trickompany zeichnet.Gefragte Regisseure oder Charakterdesigner können bis zu 12 000 Mark im Monat verdienen.Neben der Bereitschaft, unter Akkord-Bedingungen zu arbeiten, müssen Animations-Designer äußerst flexibel sein.Jobs werden meistens nur für eine Produktion vergeben.Und die kann an vielen Plätzen auf der Welt stattfinden, wobei London oder die Disney Studios als bedeutende Standorte ihren Reiz haben.

Je größer die Produktion ist, desto kleiner ist allerdings der eigene Anteil am Film."Wenn ich meinen Freunden im Kino eine Szene zeigen will, die ich gezeichnet habe, ist sie schon vorbei", sagt Ulrike Barth, die nach der animation school hamburg wieder zurück an die Fachhochschule für Gestaltung will, um ihr Diplom in Trickfilm zu machen.Nie hätte sie gedacht, daß man für einen Animationsfilm so viele Menschen braucht.Aber genau in der Teamarbeit liegt für sie auch ein Vorteil gegenüber der freien Kunst.Denn die mache doch sehr einsam.

animation school hamburg, Frau Barbara Wienecke, Hohenesch 13, 22765 Hamburg, t 040 / 39 88 19 111.

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