Zeitung Heute : Ein Käfig voller Affen

Uta-Maria Heim

Die "Real Life Soap" ist auf 100 Tage angelegt. Zur Begleitung gibt es die Kolumne "100 Tage Einsamkeit".Uta-Maria Heim

Wer "Big Brother" jetzt immer noch für das Allmachtsgespenst eines Zukunftsromans hält, der kriegt nirgends mehr geholfen. Nachdem die mit dem Selbstversuch kokettierende Lebend-Show seit zwei Wochen jeden Abend fast live aus dem Nobelcontainer strahlt, hat jeder Zeitungsleser eine Menge über "Big Brother" und RTL 2 gelernt. Dabei war gerade dieser Sender bei der Kritik out. Nachdem erstaunlicherweise ausgerechnet von dort eine der besten TV-Produktionen der neunziger Jahre gekommen war: "Der Sandmann", Hauptdarsteller Götz George, Regie Nico Hofmann. "Der Sandmann" war ein radikal medienkritischer Thriller, der die Jagd der Show nach dem Geld brutal analysierte.

Nun, mit "Big Brother", zieht man bei RTL 2 genau das gnadenlos durch, was "Der Sandmann" angeprangert hat. Und prompt ist die Kritik wieder da. Unentwegt wird in den Feuilletons und auf den Medienseiten der Tageszeitungen über "Big Brother" berichtet. Über die Normen und Gefühle, die dort herrschen, über Ein- und Aussteiger, über jede noch so nebensächliche Banalität. Diese sekundär verwerteten Nichtigkeiten sind oft noch trivialer als die fahlen Sprüche direkt aus der RTL 2-Geisterwelt.

Im "Big-Brother"-Haus werde, wie selbst der Bundespräsident fürchtet, die "persönliche Freiheit" bedroht. "Paradoxerweise gerade" durch das "freiwillige Mittun". Das machte vielen gebildeten Menschen in den letzten Wochen viel Angst. Wir hatten sogar Mitleid mit denen da drin. Das war falsch. Zu lange haben wir das Wesentliche nicht begriffen: Im "Big-Brother"-Knast nesten Medienprofis. Sie entziehen sich. Sie schützen ihre Privatheit und lassen nichts raus, aber wir geben alles. Sie haben uns in der Hand.

Denn vor allem auch wir, die Medienkritiker, machen freiwillig mit. Wir reden unablässig über "Big Brother". Und stellen uns damit in den Dienst einer langweiligen, aber bisher vollends harmlos anzuschauenden Mitmach-Serie. Und ach, wir entblößen uns dabei doch viel mehr als die in ihrem Nobeldings. Die sagen doch nichts. Die wehren sich doch prima gegen unseren intellektuellen Voyeurismus. RTL 2 hat uns hereingelegt. Wie damals beim "Sandmann". Es ist wieder genau das gleiche Spiel, nur ist es diesmal keine Fiktion. Diesmal ist es leider echt. Die Affen im Zoo sind wir, die Zuschauer, die Leute außerhalb des Käfigs. Und die ärmste Teilspezies sitzt dabei auf den Bänken der Fernsehkritik. Wir hocken doch in Wirklichkeit hinter Gittern und gucken uns das Leben dort draußen an! Ob wir es wichtig finden oder nicht: Wir müssen über "Big Brother" berichten. Hundert Tage lang. Jeden Tag. Dabei geben wir ein großes Stück Freiheit auf. Und RTL 2 macht damit Werbung.

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