Zeitung Heute : „Ein kahler Kopf macht nicht reich“

Der koreanische Wissenschaftler Hwang ist nicht der einzige Schummler. Hans-Hermann Dubben sagt: 90 Prozent aller Studien sind falsch.

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Interview: Simone Kosog HansHermann Dubben, 50, sucht nach Irrtümern in der Wissenschaft. Er war selbst enthusiastischer Biophysiker und schreibt nun mit einem Kollegen Bücher über Fehler der Forscher, jüngst „Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit“. Dubben lehrt am Institut für Allgemeinmedizin an der Uni-Klinik in Hamburg.

Herr Dubben, mal angenommen, ich bin Forscherin bei einem Pharmaunternehmen und habe ein neues Medikament entwickelt, von dem ich befürchte, dass es nicht besser ist als das Medikament der Konkurrenz. Was kann ich da tun?

Sie starten eine Studie, in der Sie die beiden Medikamente vergleichen, nur verzichten Sie darauf, den so genannten Endpunkt festzulegen – eine beliebte Methode. Statt genau zu definieren, was Sie untersuchen wollen, sagen Sie pauschal: Ich schaue mal, ob Medikament A besser ist als Medikament B. Dann können Sie an Ihren Patienten eine Reihe von Parametern messen: Blutdruck, Cholesterinspiegel, Lungenvolumen und vieles andere. Und am Schluss machen Sie eine statistische Erhebung für alle diese Endpunkte. Wenn Sie 100 Parameter untersuchen, werden Sie im Mittel fünf Ergebnisse erzielen, bei denen Ihr Medikament zufällig besser abschneidet.

Und mit denen gehe ich dann in die Öffentlichkeit.

Genau. Mit der Absicht zu manipulieren oder ohne – viele Forscher wissen gar nicht, dass sie da einen Fehler machen.

Wo genau liegt der Fehler? Im Verschweigen der restlichen Ergebnisse?

Das allein kann schon ein grober Fehler sein. Aber zudem bekommen Sie eine Reihe falsch positiver Untersuchungsergebnisse. Das heißt, es ist gut möglich, dass Ihr Medikament in diesen fünf Punkten nicht wirklich besser ist als das Konkurrenzprodukt, sondern nur zufällig bessere Ergebnisse hatte. Stellen Sie sich vor, Sie würfeln zehn Mal mit einem roten Würfel und im Mittel kommt vielleicht vier heraus, und dann würfeln Sie zehn Mal mit einem grünen Würfel und da kommt im Mittel 3,1 heraus. Dann könnten Sie fälschlicherweise denken, der rote sei grundsätzlich besser als der grüne.

So etwas passiert Wissenschaftlern tatsächlich?

Das ist gang und gäbe. Ich habe gerade erst eine Untersuchung in die Hand bekommen, die international publiziert wurde. Da haben Forscher untersucht, welchen Einfluss das Alter des Fahrers auf einen Verkehrsunfall hat, ob er Alkohol getrunken hat, wie das Wetter war, welche Farbe das Auto hatte und zig andere Dinge. Natürlich haben sie ein statistisch signifikantes Ergebnis gefunden: Silberfarbene Autos haben weniger Unfälle. Da kann ich nur sagen: Schön, dass wir für so etwas Geld ausgeben. Das Problem liegt unter anderem darin, dass die angehenden Forscher an den Universitäten viel zu wenig über Methoden lernen.

Sie selbst sind eigentlich kein Statistiker, sondern Biophysiker.

Und ich habe früher genau dieselben Fehler gemacht. Ich habe Experimente und klinische Studien ausgewertet und immer etwas Signifikantes darin gefunden. Ein paar Jahre lang habe ich geglaubt, das läge daran, dass ich ein so guter Wissenschaftler bin. Bis mir auffiel, dass meine Herangehensweise von Grund auf nicht stimmt.

Dann haben Sie damit begonnen, sämtlichen Statistiken zu misstrauen?

Ja. Der Unmut wurde immer größer. Meinem Kollegen Hans-Peter Beck-Bornholdt ging es genauso: Wir haben mit hehren wissenschaftlichen Zielen angefangen und wurden immer frustrierter.

Was hat Sie so geärgert?

Da werden zum Beispiel Untersuchungen an einer Hand voll Patienten gemacht und verallgemeinert. Die meisten Untersuchungen in den Fachzeitschriften strotzen vor logischen und methodischen Fehlern. Gut 90 Prozent aller Untersuchungen sind unbrauchbar. Und damit habe ich mich noch vorsichtig ausgedrückt. Mein Kollege und ich haben dann irgendwann begonnen, all diese Untersuchungen zu sammeln.

Statistiken begegnen uns überall im Alltag. Kein Fußballspiel, das nicht bis zum letzten Ballkontakt ausgezählt wird.

Eine sehr merkwürdige Entwicklung. Sie können auch in ein Lottogeschäft gehen, da finden Sie Statistiken darüber, wie lange meinetwegen die Zahl 13 nicht mehr gezogen wurde und dass sie an diesem Samstag überfällig sei. Als hätte die Lottotrommel ein Gedächtnis!

Wie sehr bestimmt die Statistik Ihren Alltag? Steigen Sie gelassen in ein Flugzeug, weil Sie wissen, dass es statistisch ein sicheres Verkehrsmittel ist?

Ich treffe solche Entscheidungen eher aus dem Bauch heraus und nicht mit Hilfe der Statistik. Was nutzt es mir, wenn ich in einem abstürzenden Flugzeug sitze, zu wissen, dass dies ein sehr unwahrscheinlicher Fall ist?

Wie finden Sie die Studien über Rotwein, bei denen mal herauskommt, dass ein wenig Wein gesund ist und manchmal das Gegenteil?

Da ziehe ich natürlich diejenigen vor, die für gelegentlichen Weinkonsum plädieren. Bei diesen Studien ist entscheidend, welche Probanden man einbezieht. Schließe ich zum Beispiel einerseits Personen mit ein, die gar nichts trinken, weil sie schwer krank sind und andererseits schwere Trinker, dann ist es kein Wunder, dass die mäßigen Genießer die höchste Lebenserwartung haben.

Lassen Sie uns noch ein bisschen weiter an meiner Studie manipulieren. Was haben Sie noch für Vorschläge?

Sie gehen vor wie bei der Wahl in einer Bananenrepublik: Sie schließen bestimmte Bevölkerungsgruppen von vornherein aus, dann werden noch irgendwelche Zettel im Nachhinein als ungültig definiert, weil das Kreuz nicht genau im Kästchen war, und am Ende gewinnt der eigene Kandidat mit drei Stimmen Vorsprung. Ich bespreche in meiner Vorlesung eine Studie, die in „Lancet“ stand, einer der international wichtigsten medizinischen Zeitschriften. Es ging um die Frage, ob man die Schlaganfallhäufigkeit mit Acetylsalicylsäure, also dem Wirkstoff von Aspirin, reduzieren kann. Und dabei wurde genau so verfahren. Am Ende machten die Wissenschaftler das Ergebnis an zwei oder drei Schlaganfällen fest – bei 20 000 Patienten!

Und zogen daraus den Schluss, dass Acetylsalicylsäure die Schlaganfallhäufigkeit senken kann?

So war es. Für die Autoren der Studie war das sicher ein Meilenstein auf der Karriereleiter.

Bei einer so groß angelegten Untersuchung ist der Druck groß, ein positives Ergebnis zu bekommen.

Ja. Da geht es oft um viel Geld auf einem heiß umkämpften Markt. Es gibt Medikamente, deren Entwicklung Milliarden kostet.

An der Universität Kopenhagen hat der Wissenschaftler Bodil Als-Nielsen den Einfluss von Sponsoren auf Forschungsergebnisse untersucht. Dabei kam heraus, dass das Ergebnis einer Studie in 51 Prozent der Fälle positiv ausfällt, wenn ein Pharmaunternehmen diese finanziert, und lediglich in 16 Prozent bei einem neutralen Geldgeber.

Es gibt Fälle, da haben Firmen missliebige Studien lange zu verschweigen versucht. Die sollten sich Gedanken über ihre Glaubwürdigkeit machen.

Die Firma Schering gab im letzten Jahr bekannt, dass ihr neues Darmkrebsmittel das Tumorwachstum nicht mehr bremst als andere Medikamente. Prompt brachen die Aktien um 15 Prozent ein.

Eine sehr kluge Reaktion der Firma, die damit viel für ihr Ansehen und damit für ihre Zukunft tut. Ich hoffe, dass auch die Aktionäre so etwas eines Tages verstehen.

In Ihrem Buch kritisieren Sie den Umgang der Wissenschaftler mit einer möglichen Klimakatastrophe – ein Thema, das für Laien undurchsichtig ist.

Ich bin auch kein Klimafachmann. Aber wenn ich lese, dass uns demnächst in Braunschweig das Wasser bis zur Nase stehen könnte, wenn der Nordpol schmilzt und somit der Meeresspiegel steigt, dann muss ich den Kopf schütteln. Vorhersagen sind schwierig, vor allem, wenn sie die Zukunft betreffen.Und wenn es dabei um die Zukunft eines komplexen Gebildes wie einen ganzen Planeten geht, wird die Sache auch nicht einfacher. Eis ist leichter als Wasser, und da das Eis am Nordpol im Meer schwimmt, ändert sich am Wasserspiegel überhaupt nichts, wenn es schmilzt. Das können Sie leicht ausprobieren: Werfen Sie einen Eiswürfel in ein Wasserglas und markieren Sie den Wasserpegel mit einem Strich. Wenn der Eiswürfel geschmolzen ist, ist der Wasserspiegel noch genauso hoch.

Klimaforscher warnen aber vor allem vor dem Abschmelzen des Grönlandeises, das im Moment ja noch auf dem Festland gebunden ist: Die Schmelze des Eisschildes würde den Meeresspiegel weltweit um fast sieben Meter steigen lassen, heißt es.

Das mag sein, aber die Erklärung mit den schmelzenden Polen finden Sie permanent in der Presse. Das ist wie mit dem Spinat, von dem bis heute viele Menschen glauben, dass er besonders viel Eisen enthält. Dabei beruht diese vermeintliche Erkenntnis auf einem Tippfehler. Ein falsch gesetztes Komma hat den Eisenwert um ein Zehnfaches erhöht. Tatsächlich enthält Spinat nicht mehr Eisen als anderes Gemüse.

Ihr zweiter Kritikpunkt am Umgang mit einer Klimakatastrophe ist der grafische Ausschnitt, der als Beleg für die Erderwärmung herangezogen wird, und der Ihrer Meinung nach zu eng gefasst ist.

Ich wähle ganz einfach den Ausschnitt, der mir am besten passt … Mit der seit 1880 steigenden Temperaturkurve kann man gut suggerieren, dass es auch in Zukunft so weitergeht. Nehme ich aber die Daten der letzten 110 000 Jahre, komme ich zu einem ganz anderen Bild: Es ergibt sich ein kontinuierlicher Wechsel zwischen Eis- und Warmzeiten.

Sie stützen sich bei diesen Daten auf Messungen an Bohrkernen im grönländischen Eisschild. Aber wenn Sie alles hinterfragen, dann müssten Sie hier weiterfragen: Wer sagt, dass diese Technik tatsächlich funktioniert?

Zumindest diejenigen, die sie anwenden. Da wird aus der Zusammensetzung des Eises auf die Temperatur geschlossen. Ich habe keine Ahnung, wie valide diese Methode ist. Ich muss mich, wie in der gesamten Forschung, darauf verlassen, dass hier keiner schummelt.

Wie der südkoreanische Forscher Hwang Woo Suk, der mit bahnbrechenden Stammzellstudien zum Star wurde. Jetzt hat eine Kommission bestätigt, dass er sie komplett gefälscht hat. Wie konnte Hwang so weit kommen, ohne aufzufliegen?

Zunächst einmal, weil es keinen lückenlosen Kontrollprozess für wissenschaftliche Veröffentlichungen gibt. Zwar ist da die Institution der Peer-Review – wissenschaftliche Publikationen werden vor der Veröffentlichung von unabhängigen Experten geprüft –, doch das ist mehr mit einer Stichprobe vergleichbar. Es bekommen ja auch nicht alle Parksünder einen Strafzettel! Wenn ich als Experte meine Aufgabe ernst nehme, brauche ich viel Zeit dafür – ohne, dass ich finanziell entschädigt würde oder mein Name irgendwo auftauchte. Da machen es sich die meisten Experten lieber einfach und schauen eine Veröffentlichung nur auf grobe Fehler durch.

2001 war der hoffnungsvolle Nachwuchsphysiker Jan Hendrik Schön mit seinen elektronischen Schaltkreisen aus organischem Material als Fälscher entlarvt worden. Haben derartige Fälle zugenommen?

Das ist schwer zu sagen, weil wir ja nicht wissen, wie viele Fälscher zuvor unentdeckt blieben. Vielleicht wird heute nur kritischer hingeguckt, vielleicht aber auch tatsächlich mehr gelogen. Die Zeitschrift „Nature“ hat im Juni 2005 eine quantitative Umfrage veröffentlicht, in der jeder dritte befragte Forscher angab, schon unredlich gearbeitet zu haben. Indem er beispielsweise Ergebnisse verfälscht oder Daten, die eigenen früheren Publikationen widersprechen, gänzlich unterschlägt.

Was schlagen Sie vor?

Zunächst einmal eine bessere Ausbildung. Mein Kollege und ich bieten seit einiger Zeit Forschungsmethodik-Seminare für Wissenschaftler und Journalisten an. Ein anderer Punkt ist, dass die Forschung mehr Freiräume braucht, sie funktioniert nicht, wenn sie komplett den Regeln des Marktes unterworfen ist.

Sie wollen die Wissenschaftler wieder in den Elfenbeinturm schicken.

Die Forschung kann sich natürlich nicht völlig vom Markt loslösen, aber die derzeitige Entwicklung finde ich sehr besorgniserregend. Auch an den Universitäten greift das amerikanische Modell immer mehr um sich, dass Wissenschaftler an den Drittmitteln, die sie einwerben, finanziell beteiligt werden. Der Elfenbeinturm ermöglicht es dem Forscher zumindest, in Ruhe über etwas nachzudenken und seine eigene Arbeit kritisch zu überprüfen und zu wiederholen. Qualitäten, die zurzeit auf der Strecke bleiben. So, wie Forschung momentan betrieben wird, ist sie zum großen Teil Geldverschwendung, Verschleiß an Nachwuchsforschern und Betrug am Patienten.

Aber was mache ich, wenn ich als Patient auf die aktuellen Studien angewiesen bin, um mich für eine Behandlungsmethode zu entscheiden?

Sie sollten sich auf jeden Fall fachlichen Rat einholen und zwar von mehreren Ärzten unterschiedlicher Disziplinen. Ich fände es zumindest sehr beruhigend, wenn alle etwas Ähnliches raten.

Und wie gehe ich mit den zahlreichen Statistiken um, die mir im Alltag begegnen? Wenn ich Sie ernst nehme, dürfte ich gar nichts mehr glauben.

Diese Statistiken sollten Sie als Unterhaltung ansehen, so wie Horoskope. Wenn Sie zum Beispiel lesen: „Gassi gehen mit dem Hund vermindert das Risiko für Brustkrebspatientinnen, erneut zu erkranken und zu sterben.“ Der Artikel stand im „Journal of the American Medical Association“.

Und?

Tatsächlich gibt es einen Zusammenhang zwischen den Patientinnen, die am längsten überlebt haben, und dem Spazierengehen. Die Erklärung: Wem es gut geht, der lebt länger und geht also auch öfter spazieren. Die Studie findet auch einen Zusammenhang zu anderen Todesursachen, egal ob Herzinfarkt oder Autounfall. Ich würde also andersherum formulieren: Tod hindert an Bewegung.

Es ist doch so, dass viel Bewegung die körperliche Fitness steigert.

Das heißt noch lange nicht, dass Spaziergänge vor sämtlichen Krankheiten und sogar Autounfällen schützen. Es gibt auch einen Zusammenhang zwischen dem Jahresbruttoeinkommen und dem Haarwuchs: Glatzköpfe verdienen mehr. Der Mechanismus, der dahintersteckt, ist einfach: Glatzköpfe sind erstens häufig älter und kriegen deshalb mehr Geld, und meistens sind es Männer, die ebenfalls oft mehr verdienen. Es wäre trotzdem sinnlos, sich den Kopf kahl zu scheren, um reich zu werden.

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