Zeitung Heute : Ein Kampf fürs Leben

„Es gibt für die Bühne nur zu kleine Themen. Nicht zu große“, sagt Armin Petras, der Intendant des Maxim Gorki Theaters Berlin und feiert den 200. Geburtstag Heinrich von Kleists mit einem umfassenden Festival

Mit aller Macht. „ Prinz Friedrich von Homburg“ in der Inszenierung von Armin Petras ist seit 2007 ein Renner am Maxim Gorki Theater Berlin. Beim großen Kleistfestival darf diese Aufführung natürlich nicht fehlen. Foto: Bettina Stöß
Mit aller Macht. „ Prinz Friedrich von Homburg“ in der Inszenierung von Armin Petras ist seit 2007 ein Renner am Maxim Gorki...

Armin Petras nennt sich selbst einen „bekennenden Kleistianer“. Schon in den ersten beiden Jahren seiner Intendanz am Maxim Gorki Theater hatten sie drei Kleist-Abende im Angebot, bis heute ist der sprachwütige Romantiker eine der tragenden dramatischen Säulen des Hauses am Festungsgraben. Entsprechend musste Petras nicht erst überzeugt werden, als die Direktorin der Bundeskulturstiftung Hortensia Völckers mit der Idee kam, zum 200. Todestag des Dichters am 21. November ein Kleistfestival zu veranstalten. Bühne frei für den geballten Kleist am Gorki – mit sämtlichen Dramen und Novellen in allen nur erdenklichen Aufführungsformen.

Es wird ein Fest, das mit seinem drängenden Wortsturm forciert die Zeitgenossenschaft des Dramatikers aus Frankfurt Oder nahelegt. Fragt man Armin Petras – der allein vier seiner Kleist-Arbeiten präsentiert –, worin die bestehe, zögert er nicht lange: „Die Krisenhaftigkeit dieses Autors, die sich nicht nur an seinen Stücken, sondern auch seinem Leben ablesen lässt, ist absolut aktuell“. Man könnte auch sagen, setzt er hinzu: „Die radikale Subjektivität, die sich gegen die Welt richtet, ist ein sehr heutiges Lebensgefühl.“ In Heinrich von Kleists Werk drehe sich alles um den Widerspruch, dass der Einzelne Teil der Gesellschaft sein wolle. Und sich zugleich als Individuum zu behaupten versuche. „Das ist zu allen Zeiten die große Schwierigkeit gewesen. Wie man am ‚Homburg' gut sehen kann.“

Petras' Inszenierung des „Prinzen von Homburg“ aus dem Jahr 2007 hat einen Nerv getroffen. Der wuchtige Abend im Bühnenregen zum Sound der „Böhsen Onkelz“ ist ein Dauerbrenner am Haus geworden. Er deutet Kleists somnambulen Offizier nicht als deutschen Träumer. „Sondern als einen Mann, der in seiner Wirklichkeit alle Illusionen verloren hat“, so der Regisseur. Mit dem Stück, dem ein Restruch der Nationaltümelei anhaftet, zeigt Petras als Mann der Geschichte die Linie auf, die von Preußen in die Gegenwart führt. Die Sehnsucht nach einem deutschen Selbstbewusstsein.

Darf man ein Stück spielen, das von den Nazis missbraucht wurde? Die Frage hat sich Petras dann gestellt, als er an den Münchner Kammerspielen Kleists „Hermannsschlacht“ auf die Bühne brachte, aufgeladen mit dem gleichnamigen Stück von Christian Dietrich Grabbe. Auch da ist ihm ein Abend der schillernden Ambivalenzen geglückt, der das „Kleinbürgerliche, Demagogische, Konsumistische“ aus den Figuren schält. Und der, mit dem großen Peter Kurth als Kraftkerl in der Titelrolle, den Hermann als Hass- und Identifikationsfigur gleichermaßen anbietet.

Armin Petras' Ringen mit Kleist reicht weit zurück. Die inoffizielle erste Begegnung hatte er im Alter von elf Jahren, als ihm der „Robert Guiskard“ aus dem Bücherregal der Eltern auf den Kopf fiel – wenn das kein Zeichen ist! Ein Werk, das Petras erst Jahrzehnte später durchdringen sollte, wiederum in München, mit dem Goldoni-Text „La Guerra“ zum Abend „Der Krieg“ zusammengeschlossen. Das offizielle Rencontre fand dann 1992 mit dem „Käthchen von Heilbronn“ in Frankfurt Oder statt. Aber auch da erschloss sich ihm die Kleist’sche Sprache noch nicht so vollständig wie heute, wo er nach gewachsener Beschäftigung schwärmt: „Er ist der einzige Autor, bei dem alles stimmt. Es gibt keinen falschen Satz.“ Brecht habe mal gesagt, jedes Stück brauche auch eine Kiesstrecke. Das widerlege Kleist eindrucksvoll. „Bei ihm gibt es keine Kiesstrecke“. Stattdessen: „Wunderbare Vorgänge, wunderbare Figuren. Und einen permanenten Widerspruch in jedem einzelnen Satz.“

Bis auf zwei Dramen – „Amphitryon“ und „Penthesilea“, an die er sich aus verschiedenen Gründen nicht wagt – hat der Gorki-Intendant inzwischen alle Kleist-Stücke inszeniert. Und ist, weil die Leselust ja nicht versiegt, bei den Erzählungen angelangt. In Dresden hat er „Das Erdbeben in Chili“ bearbeitet. Und ist bei dieser Geschichte zweier Liebender, die den grausamen Tod finden, wieder beim zentralen Kleist-Punkt angelangt: „Wir können nicht ohne Gesellschaft auskommen. Aber sie tötet uns, wenn wir individuell leben wollen.“

Kein Autor jedenfalls ließe sich denken, der besser zu Petras' Theaterphilosophie passen würde: „Es gibt für die Bühne nur zu kleine Themen. Nicht zu große.“

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