Zeitung Heute : Ein Kapitalversprechen

Rette sich, wer kann: Ein Buch weist den Weg aus der Wirtschaftskrise – Ortstermin bei einer Berliner Podiumsdiskussion

Kerstin Decker

Am Anfang war ein Verdacht. Jeder glaubt, der Kapitalismus habe den Sozialismus besiegt. Aber was, fragte sich Christoph Keese, wenn wir in Wirklichkeit alle verkappte Sozialisten sind?

In der Vertretung der Stadt Hamburg beim Bund sitzt ein schmaler Mann. Er sieht ein bisschen aus wie Gregor Gysi, der gleiche Haarschnitt, der gleiche Gesichtsschnitt. Er ist nur ein wenig größer. Und er denkt auch ein wenig anders. Das Plakat neben ihm, in Arbeiterklassenknallrot, fordert „Rettet den Kapitalismus!“. In der Mitte ist ein Emblem. So sehen Manifeste aus. Man kann über den Sozialismus vieles sagen, aber die berühmteren Manifeste hat bis jetzt er geschrieben. Muss das so bleiben? Keese, Chefredakteur der „Financial Times Deutschland“, hat jetzt das Gegenmanifest verfasst: „Rettet den Kapitalismus!“, erschienen bei Hoffmann&Campe.

Keese wirkt so bescheiden-zuversichtlich wie alle Autoren bei Buchpremieren und gibt sofort zu, dass er einen Inspirator hatte: „Das kapitalistische Manifest“ von Johan Norberg. Das beweist, dass die Arbeit (und damit das Wachstum) unendlich ist, denn jeder ist ein potenzieller Arbeitgeber: Wohnung putzen, Kinder hüten, Auto waschen… Jeder könnte mindestens drei Arbeitsplätze schaffen. Nur die alte Frage aller Menschen, die eine Putzhilfe haben: „Warum hat meine Putzhilfe eigentlich keine Putzhilfe?“, ließ „Das Kapitalistische Manifest“ offen. Auch Keese geht es eher um die großen Zusammenhänge. Das größte Skandalon beachtet fast keiner: Beinahe jeder, das zeigen Umfragen, hat Angst vor dem Kapitalismus. Schon das Wort hat einen negativen Beiklang. Aber wie soll ein Land (wieder) erfolgreich werden, wenn es den Mitteln seines Erfolgs misstraut?

Die Frage ist gar nicht übel. Eigentlich sollte Gregor Gysi kommen, um das mit Keese zu klären, aber der bekam schon vorher einen Herzinfarkt. Nun muss eine Verdi- Gewerkschafterin ganz allein mit Keese reden. Wenn man mal vom Moderator absieht, aber Hans-Ulrich Jörges vom „Stern“ ist eher Keeseianer. „Wer links denkt und Gerechtigkeit will, muss für den Kapitalismus sein. Ich liebe solche Thesen!“, ruft Jörges und zählt auf: Wer links ist und für Gerechtigkeit, muss den Flächentarifvertrag auflösen! Wer links ist und für Gerechtigkeit, muss den Kündigungsschutz aufheben! Wer links ist und für Gerechtigkeit… Keese lächelt, die Gewerkschafterin ist in Deckung gegangen, aber Jörges hält plötzlich inne. Haben wir, fragt er, überhaupt noch Kapitalisten in Deutschland? Also richtige? Die Gewerkschafterin glaubt schon, Keese und Jörges halten das eher für unwahrscheinlich. Schon weil die Gewerkschaften in sämtlichen Aufsichtsräten sitzen. „In wie viel Aufsichtsräten sind Sie denn, Frau Mönig-Raane?“, will Jörges wissen. „Ich? In einem. Deutsche Bank.“

Ein Da-haben-wir’s-Ausdruck erscheint in den Journalisten-Mienen, Frau Mönig-Raane beeilt sich zu erklären, dass sie Herrn Ackermann für einen großartigen Kapitalisten hält: „Ich habe Herrn Ackermann kennen gelernt als einen sehr integren Mann!“ Keese blickt trotzdem unzufrieden. Hier irgendwo muss der Grundfehler liegen. Warum nur Ackermann? Warum sollen eigentlich immer die anderen die Kapitalisten sein? Wir müssen uns selber als Kapitalisten bezeichnen!, fordert Keese und hat ein helles Leuchten in den Augen. Jeder soll sagen: Ich bin ein Kapitalist und das ist gut so! Die Gewerkschafterin schaut ein wenig ratlos. Sie, eine Kapitalistin? Margret Mönig-Raane hatte Keese vorhin schon einmal widersprochen, als er das Konsumieren zur ersten Bürgerpflicht erhob. Schon richtig, wandte sie ein und erinnerte an jene, die jeden Monat auf ihren Überziehungskredit blicken wie auf einen unergründlichen Ratschluss Gottes. Doch Keese blieb hart. Es muss konsumiert werden. Aber jeder kann noch mehr tun, um Deutschland wieder ganz nach vorn zu bringen: Unterstütze Reformpolitiker! Lobe deinen Bundestagsabgeordneten! Unterstütze niemals Technologiefolgenabschätzungskommissionen! Arbeite länger!Irgendwann glaubt man, Christoph Keese verstanden zu haben. Erst wenn die letzte Putzhilfe ohne Putzhilfe selbstbewusst sagt: Ich bin ein Kapitalist!, sind wir alle auf dem richtigen Weg.

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