Zeitung Heute : Ein katalanischer Urlaubsort im Norden Spaniens sucht seine Zukunft im vereinten Europa

Sigrid Merkl

Wenn der Wind so stark bläst wie heute, wirkt Portbou ein wenig wie die Kulisse zu einem Film, der im Zeitraffer abläuft. Während sich auf dem Plateau jenseits der Klippen kein Blättchen regt, verfängt sich der Sturm in der tief eingeschnittenen Bucht wie in einem Windkanal. Böen beschleunigen das Tempo der Wellen, so daß sie eilig ihre Farbe wechseln und in geriffelte Muster zerfließen. Auch die Straßen und Häuser jenseits der Mole nehmen dann etwas Magisches an, so als würden für Portbou eigene Spielregeln gelten.

Auf den ersten Blick hat der Ferienort an der nördlichen Costa Brava wenig zu bieten. Die beiden Hotels sind während der Sommermonate schnell ausgebucht, und kulinarische Köstlichkeiten, die einen Geheimtip lohnen würden, sucht man vergebens. Im Gegensatz zu der fröhlichen Künstlerkolonie Cadaqués weiter im Süden, der auf Weisung Salvador Dal¡s einschneidende bauliche Veränderungen erspart geblieben sind, hat man in Portbou unbekümmert ein paar Wohnblocks errichtet. Vom Charme des einstigen Fischerdorfes ist kaum etwas geblieben. Auf der Seeseite hingegen lockt ein beinahe menschenleerer Kiesstrand, flattern die Wimpel des an der Mole vertäuten Ausflugsbootes.

Links in der Bucht führt ein schmaler Pfad über die Klippen hinaus zum offenen Meer, vorbei an einer gemauerten Bank unter Pinien. Von dort kann man den Friedhof sehen. Terrassenförmig schmiegt er sich an den gegenüberliegenden Hang wie eine große, weiße Skulptur mit regelmäßig angeordneten Waben. "Es ist bei weitem eine der phantastischsten und schönsten Stellen, die ich je in meinem Leben gesehen", schrieb Hannah Arendt. Sie suchte das Grab Walter Benjamins, der sich am 26. September 1940 in Portbou das Leben genommen hatte.

Der deutsche Philosoph jüdischer Abstammung teilte das Schicksal mehrerer Zehntausend Exilsuchender, die zunächst nach Frankreich emigriert waren, um den Nazis zu entkommen. Als sich die Vichy-Regierung nach dem Waffenstillstandsabkommen im Juni 1940 zur Kolaboration mit den Deutschen bereiterklärte, versuchten sich viele Flüchtlinge nach Spanien durchzuschlagen. Ein Faltblatt der Touristeninformation verzeichnet den Weg Walter Benjamins durch die Pyrenäen, den er, schwer herzkrank, nur dank der engagierten Fluchthelferin Lisa Fittko bewältigte. Umsonst, wie sich bei seiner Ankunft in Portbou herausstellte, denn kurz zuvor war eine Direktive aus Madrid eingetroffen, die für die Einreise nach Spanien ein französisches Ausreisevisum vorschrieb.

Für die Einwohner von Portbou war Benjamin zunächst nur einer von vielen: Der Totenschein wurde versehentlich auf den Namen Benjamin Walter ausgestellt und der Leichnam im christlichen Teil des Friedhofs beigesetzt. Fünf Jahre später verschwanden seine sterblichen Reste in einem Kollektivgrab. Erst nach dem Ende der Franco-Ära begann man sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen: 1979 brachte die Gemeinde an der Friedhofsmauer eine Tafel an, die an den Philosophen erinnert, wenig später folgte ein Gedenkstein. Als ein 1989 initiiertes deutsches Projekt zu einem Mahnmal aus Kostengründen zu scheitern drohte, sprangen neben den Bundesländern kurzerhand die katalanische Regierung und die Gemeinde Portbou ein. 1994 - zwei Jahre nach dem 100. Geburtstag von Walter Benjamin - konnte die Arbeit des Bildhauers Dani Karavan eingeweiht werden. Mit dem in Frankreich lebenden Israeli wählte man einen Künstler von internationalem Rang, dessen Engagement auch politisch motiviert ist. Im März erhielt er in Weimar eine der fünf Goethe-Medaillen, die das Goethe-Institut an Persönlichkeiten aus fünf Ländern Europas und des Nahen Ostens verleiht.

Das Environment in Portbou, für das Karavan in Anlehnung an das gleichnamige Werk von Walter Benjamin den Titel Passagen wählte, setzt sich aus mehreren abstrakten Formen zusammen, die über sich hinausweisen auf die Natur, so daß sich ein enges Geflecht von Bezugspunkten ergibt. Von weitem ist nur ein schräger, von Stahlplatten gefaßter Stollen zu erkennen, der die Böschung unterhalb des Friedhofs durchbricht. Wenn man dagegen direkt davorsteht, entpuppt sich das Monument als begehbarer Korridor. Nur in der ersten Hälfte überdacht, entfaltet er eine Sogwirkung, die den Blick aus der Dunkelheit in die lichte Tiefe zieht, wo sich die Wellen an den Felsen brechen. Eine Glasscheibe am unteren Ende trennt den Betrachter von seinem Gegenstand, dem Meer, das dadurch eine noch stärkere Anziehungskraft ausübt und eine metaphysische Dimension jenseits von Zeit und Raum zu eröffnen scheint.

Dani Karavan wollte die besondere Atmosphäre Portbous hervorheben: "Hier erzählt das Meer die ganze Tragödie eines Mannes. Ich muß die Leute nur dazu bringen, das zu sehen." Der Künstler hat sein Ziel ohne Zweifel erreicht, die kleine Gemeinde aber steht an einem Wendepunkt und muß sich entscheiden, ob sie den Hochburgen des Tourismus an der übrigen Costa Brava nacheifern oder eigene Wege gehen will.

In einem Tal zu Füßen der katalanischen Pyrenäen gelegen, war Portbou schon immer ein Nadelöhr. In den 70er Jahren des 19. Jahrhunderts wurde eine Eisenbahnlinie eröffnet, die den Ort zu einem internationalen Verkehrsknotenpunkt machte, und anläßlich der zweiten Weltausstellung in Barcelona erbaute man 1929 den heutigen Bahnhof. Die elegante Eisenskelettkonstruktion mit einem Dach von Gustave Eiffel wirkt ein wenig überdimensioniert. Zusammen mit den Gleisanlagen trennt sie die verwinkelten Gassen am Hang von den Bergen.

In seinem grandiosen Roman "Die Stadt der Wunder" beschreibt Eduardo Mendoza die Entwicklung Barcelonas zwischen den beiden Weltausstellungen. Zu Portbou heißt es lapidar: "Dort mußten alle Reisenden aus- und in einen anderen Zug umsteigen, denn die Spurweite in Frankreich ist nicht dieselbe wie in Spanien." Bevor man auch für dieses Problem eine technische Lösung gefunden hatte, wurde das Gepäck durch die weitläufigen Hallen des Bahnhofs getragen. Man überschritt eine Grenze und war sich dessen bewußt.

Damals wurden in Portbou zahllose Ein- und Ausreisegenehmigungen erteilt oder verweigert, regelten Zollbeamte den Warenaustausch und wichtige Firmen den reibungsfreien Ablauf ihrer Geschäfte. Von jener glänzenden Epoche zeugen die prächtigen, hier und da über den Hang verstreuten Villen im Stil der Jahrhundertwende. Heute ist Portbou für den Personenverkehr nur noch Durchgangsstation. Die Grenze, an der Walter Benjamin 1940 verzweifelte, gibt es nicht mehr.

Seit dem Schengener Abkommen lebt die Gemeinde vor allem von den Serviceleistungen rund um den Güterverkehr. Der weitgehende Wegfall der Grenzkontrollen hat sich auch auf den Tourismus und den Einzelhandel ausgewirkt, was zu einer Abwanderung vor allem junger Leute führte. Von den verbliebenen 1600 Einwohnern sind rund 50 Prozent älter als 65 Jahre. Ein neuer Sporthafen im südlichen Teil der Bucht soll jetzt Impulse geben, doch über den Nutzen des teuren Projekts gehen die Meinungen auseinander. Mehr Touristen erhoffen sich die einen, die anderen aber bezweifeln, daß die Segler überhaupt an Land übernachten werden.

Noch rattern Baumaschinen. Der Weg zu den Hafenanlagen führt unterhalb des Friedhofs am Fuß der Felswand entlang. Zu nah am Wasser, wie die Bauherren befanden, denn bei Überschwemmungen versperren die Fluten den Zugang. Ein Tunnel sollte Abhilfe schaffen, aber nachdem die Sprengungen beinahe den Steilhang zum Einsturz gebracht hätten, mußte man den Plan aufgeben. Stahlklammern ragen jetzt aus dem Felsen und verhindern das weitere Abrutschen des Gesteins.

Das Hafenprojekt beeinträchtigt auch die Wirkung von Karavans Environment, zu dem eine Aussichtsplattform auf der Hügelkuppe gehört. Durch das Raster eines Maschendrahtzaunes, der Assoziationen an die Vernichtungslager der Nazis wecken soll, schaute man ursprünglich direkt aufs Meer, das die Freiheit symbolisiert. Dieser Gegensatz kommt jetzt nur noch eingeschränkt zur Geltung, weil die Hafenbefestigung ins Blickfeld ragt. Das Dilemma ist offensichtlich: Mit dem Stachel der Erinnerung im Fleisch kämpft die Gemeinde um das Überleben Portbous als Ferienziel.

"Wir brauchen neue Ideen", sagt Apolinar Gómez, der neben der Touristeninformation auch das Centre Cívic in der einstigen Casa Herrero betreut. Während im Erdgeschoß der frisch renovierten klassizistischen Villa Gemeindemitglieder Karten spielen oder ein Schwätzchen halten, sind im ersten Stock eine Bibliothek, Ausstellungsräume und ein kleines, Walter Benjamin gewidmetes Dokumentationszentrum untergebracht. Nach dem Willen des Bürgermeisters Francisco Martínez sollen künftig von dieser Keimzelle aus die Aktivitäten der soeben gegründeten Fundació Walter Benjamin gesteuert werden. Die Stiftung will das Environment Dani Karavans, für das international bereits großes Interesse bekundet wurde, im In- und Ausland bekanntmachen. Eine ständige Ausstellung im Erdgeschoß des Rathauses soll Leben und Werk Walter Benjamins dokumentieren, und für die Casa Herrero ist eine Forschungsstätte geplant. Stapel von Briefen aus aller Welt bezeugen, daß sich vor allem junge Japaner, Amerikaner und Australier für den deutschen Philosophen interessieren. Für Apolinar Gómez hängt nun alles davon ab, ob es der Gemeinde gelingen wird, den Tourismus mit der Bedeutung Portbous als Gedenkort zu verknüpfen. Man will ein Zeichen setzen für Toleranz und gegen Fremdenhaß und hofft dabei auf die Unterstützung ausländischer Kulturorganisationen, denn in Portbou, so hatte es der Präsident Kataloniens Jordi Pujol i Soley bei der Einweihung des Denkmals 1994 ausgedrückt, habe sich das Drama des jüdischen Volkes, des spanischen und des deutschen auf schreckliche Weise gekreuzt. Rund zweihundert Stellen wurden bereits angeschrieben, darunter die Regierungen von Deutschland und Israel. Auskunft: Touristenbüro Oficina Municipal de Turisme, Passeig de la Sardana, 2, 17497 Portbou (Girona); Telefonnummer: 00 34 / 972 / 39 02 84, Telefaxnummer: 00 34 / 972 / 12 51 23.

Stiftung Walter Benjamin Centre Cívic/Fundació Walter Benjamin, Méndez Núñez, 2, 17497 Portbou (Girona); Telefon- und Faxnummer: 0034 / 972 / 39 04 06.

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